Corona-Pandemie : Historiker Eckard Michels im Interview – Kann das Virus uns nachhaltig verändern?

Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen 1918 in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA).

Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen 1918 in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA).

Das Coronavirus ist nicht die erste Pandemie. Pest, Cholera, Tuberkulose oder auch schwere Grippewellen gehören dazu. Ein Blick in die Geschichte.

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09. April 2020, 21:20 Uhr

Das Coronavirus erschüttert derzeit die Welt in einem Umfang, wie es sich wohl kaum einer hat vorstellen können. Doch wird dies auch zu nachhaltigen Veränderungen in der Gesellschaft führen? Mehr könnte da ein Blick in die Geschichte verraten, etwa zum Umgang mir der Spanischen und Asiatischen Grippe. Der Historiker Eckard Michels hat hierzu geforscht.

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Herr Michels, alle hängen an den Lippen der Experten: Virologen erklären uns die medizinischen Details, Psychologen geben Tipps fürs Home Office und Soziologen blicken in die Zukunft. Ist jetzt die Stunde der Historiker, und was kann man aus der Geschichte lernen?

Naja. Man sollte eine gewisse Entspanntheit zeigen, es gibt immer schwierige Zeiten.

Wir werden heute rund um die Uhr auf allen Kanälen über alle Details informiert. Das war 1918/19, bei der „Spanischen Grippe“, ganz anders: Zeitungen berichteten nur in kurzen Meldungen über das Grippegeschehen. Warum?

Das hatte mehrere Gründe: Die Kriegssituation hat natürlich dazu beigetragen, der Ball wurde von den Behörden flach gehalten. Die Medien haben sich in der schwierigen politischen Situation auch selbst zurückgehalten. Zum anderen gehörte das Leben und Sterben mit Infektionskrankheiten damals einfach zum Erfahrungshorizont in der Gesellschaft.

Auch im öffentlichen Leben trugen – wie heute – immer mehr Menschen Mundschutz und gingen auf Abstand.
National Museum of Health and Medicine/dpa

Auch im öffentlichen Leben trugen – wie heute – immer mehr Menschen Mundschutz und gingen auf Abstand.

 

Sie denken an die weitverbreitete Tuberkulose oder auch die Cholera-Epidemien?

Genau. Es gab auch keine große Erwartungshaltung an den Staat. Eher sogar Misstrauen nach dem Motto: Was mischt sich der Staat in unsere Gesundheit ein? In Frankreich etwa gab es lange Zeit großen Widerstand dagegen, die Todesursache in den Totenschein einzutragen. Das wurde als Einmischung des Staates in Familienangelegenheiten gewertet. Preußen war da zwar immer schon ein bisschen weiter, aber der Interventionsstaat, wie wir ihn heute erleben, der war damals gerade erst im Entstehen.

Heute soll der Staat hingegen alles regeln, alle retten, Milliarden lockermachen für Medizin und Wirtschaft: „Whatever it takes“.

Und wenn er das nicht tut, wird er in Grund und Boden kritisiert. Wobei klar ist: Jeder Tote ist einer zu viel, und natürlich muss alles getan werden, um die Pandemie einzudämmen. Aber ich frage mich schon, ob man da im Moment nicht mit Kanonen auf Spatzen schießt – zumindest wenn man sich die aktuellen Infektionszahlen ansieht, auch im Vergleich zur jährlichen Grippewelle. Und bei der nächsten Katastrophe ist dann keine Munition mehr da.

Sind Sie beunruhigt?

Ich verfolge diese Corona-Sache eher oberflächlich. Und als Historiker habe ich keine Lust, mich in die Hysterie mit hineinziehen zu lassen. Heute ist es doch oft so: Wir stürzen uns für eine gewisse Zeit auf ein bestimmtes Thema, und dann zieht die Karawane weiter.

Ich habe neulich in der Mediathek die Serie „Charité“ gesehen – ein bisschen kitschig, aber darin wurde gut deutlich, welchen Jubel und welche Bewunderung Robert Koch in der gesamten Öffentlichkeit genoss – so ähnlich wie heute Christian Drosten.

Das war damals eine Zeit des großen Forschungsoptimismus. Wissenschaft und Technik lösten ein menschliches Problem nach dem anderen. Robert Koch, der zur Zeit der Spanischen Grippe ja schon tot war, war zu seiner Zeit ein Hoffnungsträger, während Christian Drosten heute eher eine mahnende Stimme ist. So ein Virologe macht ja den Leuten heute eher Angst. Die Erwartungen an die Medizin sind riesig. Und sobald ein Problem gelöst scheint, kommen gleich die nächsten Fragen. Diesen optimistischen Blick auf die Forschung gibt es heute so nicht mehr.

Eckard Michels.
Privat: Eckard Michels

Eckard Michels.

 

Wie beurteilen Sie die Informationspolitik der heutigen Zeit: Wie sinnvoll ist diese detaillierte Berichterstattung, die sich fast nur noch um das Virus dreht?

Das hilft natürlich schon, weil die Menschen die Notsituation verstehen und es die Bereitschaft erhöht, durch persönliches Verhalten der Ansteckung entgegenzuwirken.

Im Spiegel hat gerade der Historiker Philipp Ther einen Blick in die Zukunft gewagt und dabei auch hervorgehoben, dass existenzielle Krisen in der Geschichte oft Nationalisten und Rechtsradikale gestärkt haben – auch nach der Spanischen Grippe. Sehen Sie das auch so?

Also 1918/19 gab es zumindest in Deutschland überhaupt keine Bestrebungen, irgendeine Bevölkerungsgruppe deswegen zu stigmatisieren. Und es gibt auch keinen Zusammenhang mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus. Da kann man eigentlich keine Parallelen ziehen, zumal die Grippe keine skandalisierbare Krankheit ist. Sie wurde bis 1918 als relativ banale Krankheit angesehen und hat ja auch in der Kunst überhaupt keine Spuren hinterlassen.

Oktober 1918: Mitarbeiterinnen des St. Louis Red Cross Motor Corps (USA) bereiten sich mit Masken und Tragen auf die Versorgung der Opfer der Epidemie vor.
Library of Congress/AP/dpa

Oktober 1918: Mitarbeiterinnen des St. Louis Red Cross Motor Corps (USA) bereiten sich mit Masken und Tragen auf die Versorgung der Opfer der Epidemie vor.

 

Das ist bei der mittelalterlichen Pest anders gewesen, die in Kunst und Literatur über Jahrhunderte nachwirkt.

Ja. Wenn man aber die Grippe überlebt, hinterlässt sie keine Spuren: Keine Pockennarben und keine anderen offensichtlichen Folgen wie etwa bei der Syphilis. Die Grippe kommt schnell, man leidet, stirbt – oder überlebt eben. Die Krankheit eignet sich einfach nicht als Narrativ.

Wie sieht es denn mit der Asiatischen Grippe aus, die 1957 allein in Deutschland 30 000 Tote gefordert hat? Daran erinnert sich kaum noch jemand.

Meines Wissens gab es keine Lerneffekte zur Asiatischen Grippe 1957. Es wurde zwar etwas in den Zeitungen damals berichtet, aber recht unaufgeregt. Im Übrigen lag die Zahl der Toten in Deutschland auch nicht höher als bei einer starken saisonalen Grippe. An die Spanische Grippe erinnert man sich hierzulande ja auch erst seit etwa zwei Jahrzehnten wieder, weil Historiker das Thema aufgebracht haben, man den Virus Ende der 1990er anhand von Leichen identifizieren konnte und sie als Schreckensszenario für Infektionskrankheiten der Atemwege dient, die man seit etwa 1997 entdeckt hat – wie Vogelgrippe, SARS, Mers, Schweinegrippe. Würden wir beispielsweise in die 1980er oder frühen 1990er Jahre zurückgehen, wäre das Wissen in Deutschland um die Spanische Grippe genauso wenig verbreitet wie um die Asiatische Grippe 1957.

Also hat das Virus keinen dauerhaften Effekt auf die Gesellschaft?

Bei der Grippe ist dieser Effekt jedenfalls nicht da. Die Spanische Grippe hat lange Zeit im kollektiven Gedächtnis überhaupt keine Rolle gespielt. Es gibt keine über Generationen fortgepflanzte Erinnerung an diese Pandemie. Nur jetzt wird wieder vereinzelt darauf verwiesen. Historiker lieben es, das als „vergessene Seuchen“ zu bezeichnen, deren Traumata in der Gesellschaft untergründig weiter bestehen würden. Das glaube ich aber nicht.

Hätte Corona mit all seinen Konsequenzen nicht das Zeug zu einem generationenübergreifenden Trauma?

Das kann bei Corona natürlich anders sein als bei der Spanischen Grippe – letztlich kommt es darauf an, wie lange das jetzt andauert. Aber ich denke schon, es ist auch eine Luxusaufgeregtheit, die wir uns jetzt leisten.

Hintergrund: Die Spanische und die Asiatische Grippe

Als 1918/19 die „Spanische Grippe“ in insgesamt drei Wellen alle Kontinente heimsuchte, hat das zunächst für relativ wenig Aufmerksamkeit gesorgt – kein Vergleich jedenfalls zur heutigen Berichterstattung über das Corona-Virus, das seit Wochen alle Nachrichten dominiert.

Dabei ist die Spanische Grippe als die größte Pandemie und Ursache des tiefsten demographischen Einschnitts des 20. Jahrhunderts in die Geschichte eingegangen. Die Schätzungen zur Anzahl der Grippetoten variieren erheblich, weil für viele Regionen Gesundheitsstatistiken fehlen. Schätzungen gehen von 50 Millionen Toten weltweit und mehr aus, davon 300.000 in Deutschland.

Zu ihrem Namen kam die „Spanische Grippe“, weil es zuerst spanische Zeitungen waren, die über die neuartige Krankheit berichtet hatten: Spanien war im Ersten Weltkrieg neutral und die dortige Presse keiner so starken Zensur unterworfen wie in den anderen kriegführenden europäischen Ländern.

Dass der Pandemie in Europa zunächst verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, lag auch am Zeitpunkt, denn parallel zur Grippe ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Zudem sahen sich die Medien der kriegsführenden Staaten einerseits einer strengen Zensur unterworfen und übten gleichzeitig auch selbst Zurückhaltung: Man wollte die Bevölkerung offensichtlich nicht zusätzlich beunruhigen und die Behörden weiter unter Druck setzen. Das änderte sich mit Auftreten der zweiten Grippewelle im Herbst 2018, als die Zeitungen etwas ausführlicher berichteten und auch Kritik am Versorgungs- und Gesundheitszustand der Bevölkerung lauter wurde.

Insgesamt jedoch erzeugte die Spanische Grippe kein annähernd so großes Medienecho wie heute das Corona-Virus. Der Historiker Eckard Michels, der sich ausführlich mit der Spanischen Grippe und ihrer Rezeption in der Bevölkerung beschäftigt hat, zitiert dazu etwa die Neue Zürcher Zeitung, die in einem Artikel vom 2. März 1919 feststellte:

„Und wenn wir heute über etwas erstaunt sind, so sind wir es über die beispiellose Gleichmütigkeit, mit der die Menschheit diese Seuche hingenommen hat. Aber eben: die Welt ist an den Massentod gewöhnt. In einer Zeit, da im rasenden Triebwerk furchtbarer Kriegsmaschinen täglich tausend Menschen zermalmt wurden, verlor der natürliche Tod an Sensation.“

Die Besonderheit an jenem Virus war, dass es hauptsächlich bei jüngeren, eigentlich widerstandsfähigeren Menschen zwischen 20 und 40 Jahren zu besonders schweren Verläufen führte. Während die erste Grippewelle noch relativ harmlos verlief, führte die Erkrankung in der zweiten Welle im Herbst 2018 und in der dritten im Frühjahr 1919 zu erheblich schwereren Verläufen und höheren Todeszahlen.

Während über den eigentlichen Ursprung der Pandemie verschiedene Gerüchte kursierten – in den USA etwa hatte man unter anderem deutsche Spione in Verdacht, während die Spanische Grippe in Europa als kriegsbedingte Seuche aufgefasst wurde – variierten auch die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung erheblich. Viren waren damals als Krankheitserreger noch nicht entdeckt, so dass verschiedene Theorien zum Ausbruch der Krankheit diskutiert wurden.

Im Deutschen Reich sind damals – anders als heute während der Corona-Pandemie – während der Pandemie kaum systematische Bekämpfungsversuche erfolgt, lediglich lokale oder regionale Behörden verhängten einzelne Maßnahmen wie temporäre Schulschließungen, Versammlungsverbote und Aufklärungskampagnen. Dass das Tragen eines Mundschutzes dabei helfen kann, die Ausbreitung zu verringern, war manchen Behörden allerdings selbst 1919 schon klar. So rief etwa die New Yorker Gesundheitsbehörde die Bürger damals zum Tragen einer Maske auf. Der Slogan: „Better be ridiculous than dead“ – „Lieber lächerlich als tot“.

Ein ähnliches Muster zeigte sich bei der zweiten großen Pandemie des 20. Jahrhunderts, der sogenannten „Asiatischen Grippe“. Sie breitete sich 1957/58 vom nördlichen China aus über die ganze Welt aus und sorgte auch in Deutschland für 30000 Todesfälle. Weltweit sollen es etwa ein bis zwei Millionen Tote gewesen sein.

Doch obwohl sich weltweit die Labore und die WHO sofort daranmachten, das Virus zu identifizieren und versuchten, einen Impfstoff zu entwickeln, blieben auch diesmal rigorose Eindämmungsmaßnahmen aus. Die Schulen in Deutschland blieben geöffnet, Aufrufe etwa zum häufigeren Händewaschen blieben aus. Stattdessen wurde empfohlen, mit Wassersuperoxid zu gurgeln sowie Tabletten einzunehmen, die Formalin freisetzen sollten. 

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