Gewalt an Grundschulen : Chaos im Klassenraum: Ein Lehrer gibt nicht auf

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Michael Schiffer übernimmt die berüchtigte 3c mitten im Schuljahr. Nach einem Jahr braucht auch er Hilfe.

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02. August 2019, 12:28 Uhr

Schleswig-Holstein | Kein Abklatschen, keine Umarmung an der Tür. Heute nicht. Michael Schiffer ist geladen, als er den Klassenraum betritt. Er nimmt seine Mütze vom rasierten Kopf und pfeffert sie aufs Lehrerpult.

Dabei ist es erst die zweite Stunde an diesem Montagmorgen Anfang Februar. „Es wäre so toll, wenn ich hier mal reinkomme und alles ist gut. Kein weinendes Kind, keine Kollegen, die mich zur Seite nehmen, weil irgendeiner jemanden verprügeln will.“

Nicht oft lässt der 38-Jährige die Schüler seinen Ärger spüren. Doch dieses Mal reicht es Klassenlehrer Michael Schiffer.

Mike ist in der ersten Stunde im evangelischen Religionsunterricht ausgetickt. Auslöser war ein Streit um einen Stuhl. Davon gibt es eigentlich genügend in der Klasse. Doch in der 3c reicht der kleinste Frust für eine Eskalation. Mike lief in den Nebenraum, knallte dabei die Tür und tobte. Ein paar Minuten später kam der Achtjährige zurück, tigerte vor der Tafel auf und ab. Beruhigt hatte er sich nicht.

sh:z-Reporterin Dana Ruhnke hat von Oktober 2018 bis April 2019 in der Klasse 3c einmal wöchentlich die Schulbank gedrückt. Die Grundschule steht in Schleswig-Holstein und gilt als Brennpunktschule, ihr Name soll auch deshalb in dieser Reportage nicht genannt werden. Sie steht beispielhaft für die Herausforderungen und Chancen im Mikrokosmos Schule, für die kleinen und großen Rückschläge und Erfolge. Alle Protagonisten dieser Reportage haben eigentlich andere Namen.


„Ich werde sie verprügeln. Hast du gleich Aufsicht“, fragte er die Lehrerin. „Nein? Dann kann ich sie ja verprügeln.“

Statt einer Pause musste sich Mikes Klassenlehrer Michael Schiffer also mit seiner Kollegin und seinem Schüler auseinandersetzen.

Mal wieder. Erst im Sommer 2018 ist er an diese Grundschule in Schleswig-Holstein gewechselt, durchaus stresserprobt, aus Hamburg. Sein Kleidungsstil ist locker: Sneaker, tiefsitzende Jeans und Kapuzenpulli. Als er hier anfing, musster er schlucken, sagt er.

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Nach den Herbstferien übernahm er die 3c von einer langzeiterkrankten Kollegin: 21 Kinder. Sieben sind mit ihren Familien aus Syrien geflohen, drei weitere haben große Probleme mit der deutschen Sprache. Vier Kinder haben einen speziellen Lernplan für Emotionale und Soziale Entwicklung: Sie müssen nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen lernen, sondern die Grundlagen des Zusammenlebens.

All das hat Folgen für den Unterricht. Aber der junge Lehrer will etwas bewegen. Spricht liebevoll von „seinem Haufen.“

Weiterlesen: So lief die Recherche an der Schule

An diesem Morgen, nach diesem Streit, pustet Michael Schiffer zweimal tief durch, sein Gesicht entspannt sich. „Jetzt habe ich keinen Bock mehr zu schimpfen. Gibt es auch was Gutes zu berichten?“ Ein anderer Schüler meldet sich. „Ja. Ich habe die ganze Pause keine Scheiße gebaut.“ Der Lehrer muss lachen. „Na das ist doch super.“

Zu Mike hat Michael Schiffer schnell eine gute Beziehung aufgebaut. Oft hat der Junge kein Pausenbrot dabei, dafür eineinhalb Liter gelbe Brause. Einmal kommt Mike ohne Ranzen. Später besucht ihn seine Mutter: Seine Schultasche bringt sie ihm zwar nicht, dafür viele Küsse.

Mike ist verhaltensauffällig: Eigentlich sollte er deshalb eine Zeit lang in eine Klasse für Kinder mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen am Förderzentrum. Aber der Junge konnte in der Klasse bleiben, weil sich sein Verhalten verbesserte, nachdem Michael Schiffer übernommen hatte.

Auch für den Lehrer ist diese Beziehung besonders. Ende November überreichte Mike seinem Klassenlehrer einen selbstgebastelten Adventskalender. Weil er immer so nett zu ihm sei, sagte der Neunjährige dazu. Und meinte damit auch: weil der Mann ihn in den Arm nimmt, wenn es passt, weil er ihm zuhört und ihn auch mal ignoriert.

Der 38-Jährige hatte Tränen in den Augen, weil er sich so über die ehrliche Wertschätzung freute:

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„So ein Adventskalender hilft dir über vieles hinweg. Genauso wie jeder Morgen, wenn die Kinder dir um den Hals fallen, wenn sie dich begrüßen, dir so viel zu erzählen haben. Das hast du hier, und das ist ernst gemeint. Das ist das Tolle an dem Beruf.“

Er hat seinen Haufen ganz gut im Griff. Schafft einen guten Mix aus Empathie und Autorität.

Viele sehen ihn sogar als Vaterfigur, sagt er: „Ich kann dir, wenn ich eine Klasse kennenlerne, relativ schnell sagen, welches Kind zu Hause einen Vater hat und wer nicht. Gerade die, die total anhänglich sind, die immer wieder zu dir kommen, die dir auch alles erzählen – zu 90 Prozent haben die zuhause keinen Vater, oder wenig Kontakt. Und die Rolle nimmst du dann einfach ein als männlicher Lehrer. Ob du das willst oder nicht. Ich finde das auch überhaupt nicht schlimm. Wenn es denen hilft, mache ich das gern.“

Doch an andere kommt er nicht heran. Es ist Ende Januar, als ein Achtjähriger die Schule für eine Weile verlassen muss, weil er eine Erstklässlerin geschlagen und ihr gedroht hat. Für Michael bedeutet das auch ein Problem weniger in seiner Klasse. „So hart das klingen mag. Der wird seinen Weg wohl gehen...“ Er spielt jetzt häufiger die Autoritätskarte, ist strenger. Wer vier Striche an der Tafel hat, bekommt keinen Brief mehr, sondern eine Strafarbeit. „Eigentlich mag ich Bestrafungen nicht, aber wenn jeden Tag ein roter Brief kommt und es interessiert niemanden zuhause...“.

Es ist auch ein Lernprozess – zu akzeptieren, dass er nicht jedes Kind in seiner Klasse, an der Schule, retten kann. „Es sind einfach zu viele, oder zu wenig Lehrer.“

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Dennoch ist es in seinem Unterricht vergleichsweise ruhig. Auch aus guten Momenten schöpft er Motivation. Wenn alle Kinder mitmachen, sich an Regeln halten. „Dann gehst du da richtig beflügelt wieder raus“, sagt Michael. Der zweifache Vater ist Lehrer aus Leidenschaft und Überzeugung. „Das sind Kinder. Und Kinder sind ja cool.“

Diese Kinder nimmt er ernst, diese Kinder will er stärken. Für sie überlegt er sich Methoden, damit sie ihren Frust kanalisieren können, Verantwortung übernehmen und lernen, ihre Probleme zu lösen.

„Mike hat mich beleidigt und schleme Wörte gesagt“, „Mohammed hat in meinen Rocken treten“ – seit Anfang März können die Kinder Beschwerden in ein Klassenheft eintragen. Beschwerden über Konflikte, die sich nicht sofort lösen lassen. Jeden Freitag versammelt sich die Klasse, um darüber zu sprechen, moderiert vom Klassensprecher.

Michael Schiffer über Schimpfworte:

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Die Konzentration über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten fällt vielen Kindern in der 3c extrem schwer. Ständig steht jemand auf, geht in den Nebenraum, macht sein eigenes Ding. Zettel lochen, Stifte anspitzen, malen, zum Waschbecken oder auf Toilette gehen.

Sein Referendariat hat Michael Schiffer in Nordfriesland gemacht. Als eine rosa-rote Blase bezeichnet er die Dorfschule im Nachhinein. „Ich hatte einen Legastheniker – das war’s.“ Im Notfall konnte er drei Klassen gleichzeitig unterrichten, dabei von Klassenraum zu Klassenraum gehen. „Die haben selbstständig gearbeitet. Hier klappt es ja nicht mal, wenn ich im Raum bin.“

Eine Tatsache, an die er sich erst einmal gewöhnen musste. Ebenso wie an Lerntempo und Leistungsniveau.

Schüler schreiben, was sie an ihrer Schule mögen und was nicht:

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„Das habe ich noch nie erlebt, dass so gar nichts kam“, Michael Schiffer lehnt sich am Ende einer Deutschstunde ans Pult. Erschöpft. Eigentlich sollten die Drittklässler neue Satzanfänge finden. Der 38-Jährige hatte vorgelesen: „Der Bäcker backt einen Marmorkuchen. Dann bereitet er eine Schokoladentorte zu, dann formt er ein paar Laugenbrezel, dann sticht er Plätzchen aus…“

Beim dritten „dann“ fanden die Kinder es witzig, riefen das Wort jedes Mal laut mit. Die Aufgabe aber verstanden sie nicht. Mal kam ein „er backt“ als Antwort, mal ein „dann“ oder „und dann“. Michael erklärte noch einmal, worum es geht. Und noch einmal: nichts.

Ein Lächeln. „Ich verzweifle hier grad ein wenig. Aber ist ja kein Problem, wenn ihr das nicht könnt, dafür seid ihr ja in der Schule.“ Als die Kinder die Aufgabe verstehen, klingelt es. Die Stunde ist vorbei.

So erlebte Reporterin Dana Ruhnke die Zeit an der Schule:

Ganz viel Energie kostet ihn Maja. Die Drittklässlerein hat ADHS. Sie provoziert, rastet aus, bekommt alle Aufmerksamkeit und macht Unterricht oft unmöglich. Michael bemüht sich darum, das Kind zu erreichen.

ADHS - Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung

Dieser Begriff beschreibt eine der häufigsten kinderpsychiatrischen Erkrankungen. Schätzungen zufolge sind zwei bis sechs Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland davon betroffen. Mindestens die Hälfte der Betroffenen leidet auch im Erwachsenenalter noch an Symptomen der Störung. Die wichtigsten Symptome sind: Unaufmerksamkeit und Konzentrationsschwierigkeiten, gesteigerte Impulsivität sowie gesteigerter Bewegungsdrang. Sie können unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Bei einer ADHS treten diese Auffälligkeiten über einen längeren Zeitraum sowie in verschiedenen Lebensbereichen des Kindes auf. Also innerhalb der Familie, in der Schule und auch in der Freizeit. Nur ein Arzt oder Psychotherapeut kann diese Diagnose nach einer differenzierten Untersuchung stellen. Dann können Beratung, Psychotherapie, Eltern- und Lehrertraining sowie im Einzelfall auch eine medikamentöse Therapie anknüpfen.

 

Kurz vor den Osterferien resigniert er. Es ist die letzte Stunde vor der Deutscharbeit, wieder stört das Mädchen massiv. Er schickt sie vor die Tür. Doch Maja findet Mittel und Wege, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie öffnet die Tür, steckt Blätter einer Pflanze durchs Schlüsselloch. „Ich weiß, dass sie nichts mit Absicht macht. Aber ich habe doch eine Verantwortung gegenüber den anderen Kindern“, sagt Michael später.

„Ich habe alles versucht, ich schaffe es nicht. Frustrierend, wenn ich überlege, wie viel Extrazeit ich in dieses Kind gesteckt habe.“

Und das nicht nur im Unterricht: Michael hat sich reingehängt. Etliche Gespräche und Telefonate mit dem Vater, mit dem Schulsozialarbeiter, etliche Pausen, die keine waren. Fahrten zur Kinderpsychiatrie. Und natürlich hat der Familienvater das Thema mit nach Hause genommen, bis hinein in den Schlaf.

Er habe auch schon über eine Versetzung nachgedacht, sagt der 38-Jährige kurz vor den Sommerferien am Telefon. Doch er hängt an den Kindern und den Kollegen. Ein Coaching soll nun helfen. Nach seinem ersten Jahr in dieser Schule muss sich etwas ändern.

Michael Schiffer sucht und erhält Hilfe von seinen Kollegen. Lesen Sie hier weiter, wie es im Lehrerzimmer zugeht. Einen echten Ort der Ruhe sucht man auch dort oft vergebens.

Lesen Sie alle Teile unserer Reportage auf schule.shz.de.

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