Sturm und heftige Regenfälle : „Burglind“ sorgt für Land unter in SH – Nachtwache an „Grander Mühle“

Die ehrenamtlichen Helfer des Technischen Hilfswerkes (THW) und Feuerwehrleute aus Mölln lieferten bis zum Donnerstagabend Sandsäcke auf Paletten und verbauten sie rund um das Haus.
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Die ehrenamtlichen Helfer des Technischen Hilfswerkes (THW) und Feuerwehrleute aus Mölln lieferten bis zum Donnerstagabend Sandsäcke auf Paletten und verbauten sie rund um das Haus.

Nach dem stürmischen Mittwoch geben die Meteorologen am Donnerstag Entwarnung – allerdings nur vor Orkanböen.

shz.de von
04. Januar 2018, 20:15 Uhr

Kiel | In Schleswig-Holstein sorgen nach Sturm „Burglind“ vor allem heftige Regenfälle für Probleme. So hieß es in weiten Teilen des Lauenburgischen am Mittwochabend Land unter. Zahlreiche Feuerwehren und Einheiten des Technsichen Hilfswerks (THW) waren stundenlang im Einsatz, um Überschwemmungen zu beseitigen. Besonders brisant war die Lage in Brunstorf. Dort staute sich das aus Richtung Dassendorf strömende Oberflächenwasser an der Waldstraße und lief in das örtliche Klärwerk. „In zwei Stunden ist der Wasserstand um 1,20 Meter gestiegen, das war unglaublich“, sagte Brunstorfs Wehrführer Jörg Ollesch. In der Spitze waren bis zu 150 Einsatzkräfte vor Ort, brachten leistungsstarke Pumpen sogar aus Pinneberg zum Einsatz. Am Donnerstag legte ein Bagger einen Graben an, durch den das Wasser um das Klärwerk herumgeleitet werden konnte. „Wäre die Becken des Klärwerks übergelaufen, wäre das Dorf mit Abwasser und Regenwasser geflutet worden“, sagte Björn Albrecht vom THW.

Geesthachts Feuerwehr war an der Wilhelm-Holert-Straße stundenlang mit mehreren Pumpen im Einsatz. Die Straße war völlig überschwemmt.
Foto: Timo Jann

Geesthachts Feuerwehr war an der Wilhelm-Holert-Straße stundenlang mit mehreren Pumpen im Einsatz. Die Straße war völlig überschwemmt.

In Geesthacht war das Neubaugebiet Finkenweg-Ost mit 500 Bewohnern komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Die einzige Zufahrtsstraße war stundenlang wegen Überschwemmung gesperrt, die Feuerwehr war im Großeinsatz. „Wir pumpen hier 4000 Liter pro Minute ab“, sagte Sascha Schützek von der Feuerwehr und kippte das Wasser aus seinen Stiefeln. Später sperrte der Bauhof die Straße, die Polizei öffnete eine Notzufahrt. Auch in Havekost und Grove, ebenfalls im Kreis Herzogtum Lauenburg, gab es große Pumpeinsätze zur Beseitigung von gestautem Oberflächenwasser.

In Schwarzenbek, Wangelau, Kollow und anderen Orten waren teilweise Keller voll Wasser gelaufen. „Wohin man schaut, überall ist nur noch Wasser“, sagte ein Feuerwehrmann. Der Dauerregen konnte auf den gesättigten Böden nicht versickern und lief in die Niederungen. Auch in Lütjensee rückte die Freiwillige Feuerwehr wegen überfluteter Keller und Garagen aus. Direkt neben der Feuerwache in der Alten Schulstrasse hatte die Kanalisation die Wassermassen nicht mehr aufnehmen können. In der Folge liefen die Keller und die tiefer gelegenen Garagen eines Mehrfamilienhauses voll. Mit mehreren Pumpen rückten die Feuerwehrleute gegen die Wassermassen vor. Nicht ganz einfach, denn das Wasser drückte immer wieder über die Kanalisation zurück.  Deshalb wurden mehrere hundert Meter Schlauchleitungen verlegt und das Wasser aus den Kellern in die Kanalisation an der Hamburger Straße gepumpt.

In Aumühle war das wegen Einsturzgefahr gesperrte Wehr des Mühlenteichs ungewöhnlich lange geschlossen. Das Wasser drohte über das Wehr hinweg in das Hotel und Restaurant „Fürst Bismarck Mühle“ zu laufen. Feuerwehrleute und Helfer des THW bauten einen Sandsackwall, eine Kreisbereitschaft der Feuerwehr füllte in Alt Mölln die nötigen Sandsäcke. „Alle Zuläufe sind geöffnet und wir müssen sehen, wo wir das Wasser loswerden“, sagte Bürgermeister Dieter Giese. Die Bille war ohnehin voll, Wasser staute sich unterhalb des Mühlenteich-Wehres zurück.

Im Kreis Herzogtum Lauenburg ist seit Mitternacht eine Hochleistungswasserpumpe der Feuerwehr Lübeck im Einsatz. Sie leiste mit den Freiwilligen Feuerwehren Dänischburg und Siems und der Stadtwehrführung in dem Gebiet Amtshilfe, teilte die Wehr am Donnerstag mit. „Zurzeit ist aus Lübeck eine weitere Gruppe auf dem Weg, um diese Kräfte abzulösen. Der Einsatz wird voraussichtlich noch bis in den Nachmittag andauern“, heißt es in der Mitteilung.

Land unter heißt es seit dem späten Mittwochabend auch in weiten Teilen von Stormarn. Zahlreiche Feuerwehren sind seit Stunden im Einsatz, um Überschwemmungen zu beseitigen. In Ahrensfelde drückte das Wasser von den Feldern bedrohlich nahe an die Häuser heran. Landwirt Wilhelm Rundshagen sagte: „An der tiefsten Stelle steht das Wasser rund zwei Meter hoch auf der Koppel, sogar unser Gartenhaus schwimmt.“ Feuerwehrleute aus Ahrensburg und Ahrensfelde brachten mehrere Pumpen samt Tragkraftspritzen in Stellung und lenzten rund sieben Kubikmeter Wasser von den überfluteten Feldern in den nahegelegenen Ahrensfelder Teich.

Ein Gartenhäuschen ist überflutet.
Foto: Peter Wüst
Ein Gartenhäuschen ist überflutet.

Im Kreis Steinburg tritt die Stör zur Zeit kilometerweit über die Ufer. In Rensing sind Felder überflutet. Auch in Kellinghusen ist der Wasserstand der Stör sehr hoch. Dort steht das Wasser teilweise schon in Gärten.

Die Stör bei Rensing (Kreis Steinburg).
Foto: Daniel Friederichs
Die Stör bei Rensing (Kreis Steinburg).

Behinderungen auf dem Nord-Ostsee-Kanal

 

An den NOK-Schleusen in Brunsbüttel muss Wasser abgelassen werden.
Foto: Daniel Friederichs
An den NOK-Schleusen in Brunsbüttel muss Wasser abgelassen werden.
 

Auf dem Nord-Ostsee-Kanal mussten die Schleusenanlagen in Brunsbüttel am Donnerstagmorgen wegen Hochwassers mehrere Stunden lang für die Schifffahrt gesperrt werden. Mehrere Kanal-Fähren waren wegen der hohen Pegelstände nach Angaben der Wasser-und Schifffahrtsbehörde nicht im Einsatz, andere nahmen keine Fahrzeuge mit über den Kanal. Der Fährverkehr nach Helgoland sowie zu den Halligen und nordfriesischen Inseln lief am Donnerstag jedoch wieder fahrplanmäßig.

Mehrere Kanalfähren nehmen derzeit keine Fahrzeuge mit.
Foto: Daniel Friederichs

Mehrere Kanalfähren nehmen derzeit keine Fahrzeuge mit.

Zu einem Sturmeinsatz ist in der Nacht die Freiwillige Feuerwehr Ahrensburg ausgerückt. In der Adolfstraße hatten Anwohner ein lautes Knackgeräusch gehört und einen beschädigten Baum am Straßenrand entdeckt. Sie wählten den Notruf. Kurze Zeit später trafen die Feuerwehrleute ein. Schnell war klar: Der Stamm hatte einen dicken Riss. Ein Anwohner hatte sein Auto direkt unter dem beschädigten Baum geparkt. Deshalb wurde von der Polizei ein Abschlepper informiert, der jedoch ohne Kranvorrichtung anrückte. Bevor ein weiterer Abschlepper alarmiert wurde, hatte der Autobesitzer bemerkt, dass er im gefährlichen Bereich parkte und fuhr seinen Wagen weg. Danach haben die Feuerwehrleute aus dem Korb der Drehleiter heraus, den beschädigten Stamm mit der Motorsäge entfernt.

Hamburger Feuerwehr beseitigt Folgen von „Burglind“

Wegen Sturmtief „Burglind“ ist die Hamburger Feuerwehr in der Nacht zum Donnerstag rund 60 Mal ausgerückt. Keller liefen voll Wasser, Straßen wurden überspült und Äste brachen ab, wie ein Sprecher am Morgen sagte. Die Ausläufer von „Burglind“ brachten zudem eine leichte Sturmflut in die Hansestadt, sagte ein Sprecher des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie. Der Elbpegel stieg demnach auf 1,83 Meter über dem mittleren Hochwasser.

Störungen im Regional- und Fernverkehr blieben einem Sprecher der Deutschen Bahn zufolge aus. Lediglich ein Abschnitt der U1 war wegen eines Baumes auf den Gleisen am späten Mittwochabend gesperrt worden, sagte eine Sprecherin der Hochbahn.

Nachtwache Kuddewörde

Am Mittwochabend hatte der Deutsche Wetterdienst (DWD) die Unwetterwarnungen vor Orkan und orkanartigen Böen vorerst aufgehoben. Es könne aber noch Sturmböen geben, sagte ein DWD-Meteorologe. Für Schleswig-Holstein sagte der DWD für die kommende Nacht anfangs stürmische Böen um 60 bis 70 Stundenkilometer voraus. In der zweiten Nachthälfte zu Freitag müsse vor allem in den südlichen Landesteilen Schleswig-Holsteins sowie in Hamburg mit teils starken bis stürmischen Böen gerechnet werden. Später gebe es an der Nordsee die Gefahr von Sturmböen um 80 Stundenkilometern. Außerdem mussten sich viele Regionen weiterhin auf anhaltenden Regen und Tauwetter einstellen.

In mehreren Bundesländern rechnete die Feuerwehr noch mit steigenden Pegelständen der Flüsse. Polizeistellen berichteten in der Nacht auf Donnerstag in verschiedenen Regionen vereinzelt von überfluteten Straßen und vollgelaufenen Kellern. In niedersächsischen Bad Salzdetfurth (Landkreis Hildesheim) etwa hatte es laut Polizei am Abend Überflutungen gegeben.

Freiwillige Feuerwehrleute und ehrenamtliche Helfer des THW halten Nachtwache an der vom Hochwasser der Bille bedrohten „Grander Mühle“ in Kuddewörde, die als älteste Korn-Wassermühle Norddeutschlands gilt. Seit dem Vormittag schon sind die Helfer im Einsatz, hatten Sandsäcke gestapelt und Pumpen in Stellung gebracht, um das Gebäude vor den Fluten zu bewahren.

Die ehrenamtlichen Helfer des Technischen Hilfswerkes (THW) und Feuerwehrleute aus Mölln lieferten bis zum Donnerstagabend Sandsäcke auf Paletten und verbauten sie rund um das Haus.

In dem historischen Gebäude ist heute ein italienisches Restaurant beheimatet, dessen Besitzer Leonardo Santoiemma aus Italien, sich noch mit Schrecken an die Hochwasser vergangener Jahr erinnert. Heiligabend 2014 drangen die Wassermassen in seinen Gastraum ein, richteten dabei immensen Schaden an, und vermiesten dem Gastronomen obendrein das Weihnachtsgeschäft.

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