Feuerwehren und Solarmodule : Brandgefährliche Photovoltaik

Viele schleswig-holsteinische Hausdächer sind mittlerweile mit Photovoltaikanlagen ausgerüstet. Foto: dpa
Viele schleswig-holsteinische Hausdächer sind mittlerweile mit Photovoltaikanlagen ausgerüstet. Foto: dpa

Viele Dächer tragen mittlerweile eine Photovoltaikanlage. Doch was ist, wenn es brennt? Viele Feuerwehren sind darauf bislang nicht vorbereitet.

shz.de von
17. Juli 2012, 10:10 Uhr

Kiel/Harrislee | Auf etwa 15 Prozent der Gebäude in Schleswig-Holstein sind nach einer Hochrechnung der Provinzial Versicherung bereits Photovoltaikanlagen installiert - doch was die Umwelt freut, belastet die Feuerwehr: Die Energieerzeuger auf dem Dach entpuppen sich als zusätzliche Herausforderung beim Kampf gegen einen Brand. "Es wird dadurch aufwendiger, einen Schadensort zu erkunden", schildert der Sprecher des Landesfeuerwehrverbandes in Kiel, Holger Bauer. "Die zumindest nachts schwer erkennbaren dunklen Platten sind ein zusätzlicher Parameter, nach dem die Einsatzkräfte gucken müssen. Notfalls passiert das mit der Taschenlampe."
Gleich mehrere Gefahren lauern, erklärt Kai Andersen, Dezernent für Technik an der Landesfeuerwehrschule in Harrislee bei Flensburg: Teile der Photovoltaikanlagen stehen durch Lichteinwirkung ständig unter Spannung, selbst nachts. Das setzt Feuerwehrleute beim Betreten des Gebäudes dem Risiko eines Stromschlags aus. Versuche, jegliche Lichtzufuhr durch einen Schaumteppich zu unterbinden, erwiesen sich als wirkungslos - der Schaum fließt stellenweise zu schnell wieder ab.
Keine Regeln für die Befestigung
Verletzungen der Löschkräfte drohen, falls Photovoltaikplatten durch die Hitzeeinwirkung herunterfallen. Meistens sind sie mit Vorrichtungen aus Aluminium statt Edelstahl aufgehängt. Die beginnen jedoch bei 300 Grad, sich zu verformen. Oft werden bei Bränden aber bis zu 1000 Grad erreicht. "So viele Regeln es in Deutschland auch gibt - bei Photovoltaik fängt man gerade erst an, Standards zu schaffen", klagt Andersen. Bisher sei keine behördliche Genehmigung erforderlich. "Wenn jemand die Platten nur mit Silikon aufs Dach klebt, dann ist das seine Angelegenheit", moniert der Technikdezernent.
Was bei einem Dachstuhlbrand in einem Photovoltaik-Gebäude auch nicht funktioniert: Die Feuerwehr kann die Ziegel nicht abdecken, um besser löschen zu können. Denn durch die Platten kommen die Einsatzkräfte gar nicht an die Ziegel heran. Im nordfriesischen Ladelund konnten die Wehren ein Feuer in einem Einfamilienhaus überhaupt nicht von der Südseite aus bekämpfen, weil diese komplett mit Zellen zur Stromerzeugung aus Sonnenenergie bedeckt war.
Angst vor Einsätzen mit Photovoltaik
26 Prozent der Gesamtschadenssumme, die die Provinzial im vergangenen Jahr bei Gebäudebränden verzeichnete, entfielen auf Häuser, Ställe oder Scheunen mit Photovoltaikplatten auf dem Dach.
"Teilweise gibt es Angst vor Einsätzen in Häusern mit Photovoltaik", resümiert Andersen - erklärt das aber vor allem mit noch immer vorhandener Unkenntnis in manchen Wehren. Er betont ebenso wie Verbandssprecher Bauer, dass sich die Brandschützer dennoch nicht machtlos fühlen. Schulungen und Sicherheits-Trainings würden helfen, die Verhaltensweisen anzupassen. Ein spezieller Leitfaden der Feuerwehrschule dazu werde gerade mit Blick auf den neuesten Stand der Technik aktualisiert.
"Wi wüllt dat nich"
Allein Thomas Ketelsen, der Photovoltaik-Experte des Kreisfeuerwehrverbands Nordfriesland, wo es mit rund 30 Prozent auf den Gebäuden im ländlichen Bereich eine besonders hohe Quote der Vorrichtungen gibt, hat in den letzten fünf Jahren mehr als 60 Vorträge zu dem Thema gehalten. Der Struckumer hat schon selbst erlebt, wie Platten an einem Brandherd vom Dach stürzen und kennt von vielen Feuerwehrversammlungen zu Photovoltaik die Einstellung "Wi wüllt dat nich". Ketelsen vertritt die Devise: "Ich will nicht behaupten, dass keine Gefahr besteht - aber mit ein bisschen Logik in der Situation kann man durchaus etwas machen."
Für mehr Sicherheit fordert Landesfeuerwehrschul-Spezialist Andersen eine auch in Hektik unübersehbare Kennzeichnung der Photovoltaikanlagen an den Hauswänden, etwa mit einem Signet. Mittelfristig müsse es auch um den Einbau von Not-Schaltern gehen, die die Spannung unterbrechen können.
Ebenso wichtig sei der Appell an die Wehren, sich stets über neue Photovoltaikanlagen im Dorf auf dem Laufenden zu halten. Die Feuerwehr Großhansdorf (Kreis Stormarn) etwa hat dazu eine Aktion per Infokarte ins Leben gerufen. Sie lässt sich von der Internetseite der Gemeinde herunterladen. Darauf können die Bürger Angaben über die in ihrem Haus installierte Anlage machen - über Lage, Verlauf der Stromleitungen, Standort des Wechselrichters. Die Infokarte sollte an einer gut sichtbaren Stelle im Haus aufbewahrt, eine Kopie an die Feuerwehr übermittelt werden.

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