Kriminalreport : Blutiger Tod einer Lehrerin

Ihre tiefe Trauer brachten Schüler, Lehrer und Freunde von Isolde Freitag mit Blumen und Briefen vor der Schule in Ahrensburg zum Ausdruck. Foto: sh:z
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Ihre tiefe Trauer brachten Schüler, Lehrer und Freunde von Isolde Freitag mit Blumen und Briefen vor der Schule in Ahrensburg zum Ausdruck. Foto: sh:z

Weil sie in ihrer Notenvergabe sehr streng war, musste eine Ahrensburger Realschullehrerin 2005 sterben. Umgebracht von einem ihrer Schüler und dessen Bruder. Teil 10 unserer Serie "Kriminalreport".

shz.de von
12. März 2012, 04:20 Uhr

Ahrensburg | Ohne Vorwarnung schlagen die jungen Männer im Januar 2005 der 55-Jährigen mit voller Wucht einen Schlagring mindestens sechsmal ins Gesicht. Sie stoßen ihrem Opfer mit einem Fleischermesser achtmal in den Oberkörper und einmal in die linke Schulter. Schließlich schneiden die zwei aus Kasachstan stammenden Brüder Vitali (21) und Alex O. (18) der wehrlosen Frau den Hals durch und ermorden damit ihre Lehrerin Isolde Freitag in deren Ahrensburger Wohnung.
Hintergrund der grausamen Tat ist ein längerer Zwist zwischen der Deutschlehrerin und Alex O. Es ging dabei unter anderem um Zensuren. Der Schüler der Klasse 10c hatte sich wegen angeblicher Schikane an den Leiter des Schulzentrums Am Heimgarten, eine Schulpädagogin und an seine Mutter gewandt. Alle drängten ihn zur Entschuldigung, die jedoch von der Lehrerin nicht angenommen wurde. Die Situation habe sich nach und nach zugespitzt, so ein Psychologe. Es habe sich eigentlich um Bagatellen gehandelt. Einen Anhaltspunkt für einen Konflikt zwischen der Lehrerin und dem Schüler habe er nur im November 2004 gehabt, so der Schulleiter: Da habe sich der Junge "sehr erregt" beschwert. Damals hatte die Pädagogin die strenge Schulordnung durchgesetzt, den 18-Jährigen von einer Klassenarbeit ausgeschlossen und ihm die Note Sechs gegeben, weil er die Kopie einer Lektüre vergessen hatte.
Die strenge Lehrerin
Bei der Rekonstruktion der Tat kommt ans Licht, dass die Lehrerin dem 18-Jährigen in den Wochen zuvor wegen desselben Aufsatzes einmal ein "Mangelhaft" (Note 5) und später viermal ein "Ungenügend" (Note 6) gegeben hat. Der Grund: Der Jugendliche hat, trotz mehrmaliger Aufforderung nicht sein Arbeitsheft samt einer Berichtigung vorgelegt. Der Direktor jedoch nimmt die strenge Notenvergabe seiner Kollegin in Schutz - sie habe wohl Frust wegen des Schülers gehabt.
Die Schule fährt ihren Schülern gegenüber eine strenge Linie. Eineinhalb Jahre vor der Tat sind harte Disziplinarmaßnahmen eingeführt worden: Mehr als fünf Minuten Verspätung, Stören des Unterrichts, vergessene Hausaufgaben und fehlende Unterrichtsmaterialien haben demnach eine Sechs und das Verlassen des Raumes für den Rest der Stunde zur Folge. Doch es sind nicht allein diese Maßnahmen, die die Schüler frustrieren. Hinzukommt, dass diese ihre Lehrerin für "nicht einschätzbar, was die Notenvergabe angeht" halten, so eine Mitschülerin und Ex-Klassensprecherin (18). Und: "Ich würde sie als ungerecht bezeichnen, auch bei den Noten." Bei einem Vorfall habe die Pädagogin Alex O. eine Sechs wegen unentschuldigten Fehlens gegeben, diese aber wegen einer Bescheinigung zurückziehen müssen. Dabei habe sie jedoch gesagt: "Die Sechs kriege ich schon irgendwo anders unter." Der Konflikt sei mit dem 18-jährigen Schüler, der sich ungerecht behandelt fühlte, von keiner Seite aufgearbeitet worden, heißt es nach der Tat.
Die verängstigte Lehrerin
Das ist die eine Seite. Und die andere? Isolde Freitag wird am Telefon bedroht. Sie hat Angst. Über lange Zeit. Die Realschullehrerin berichtet ihrer in der Schweiz lebenden Schwester in den Monaten vor der grausamen Bluttat von Drohanrufen. Die Pädagogin will deshalb umziehen. "Das war beschlossene Sache", berichtet später ihr Sohn. Die Pädagogin war Mitte der 80er Jahre aus Ostberlin in die Bundesrepublik gekommen. Hinter ihr lag eine schwere Zeit mit Ausreiseantrag, dreijährigem Berufsverbot und den üblichen Schikanen gegen "Verräter der DDR". Ihre Ehe, der Mann war mit ausgereist, wurde später geschieden. Sie selbst bleibt in Ahrensburg, wo sie wieder als Lehrerin arbeiten kann.
Realschuldirektor Karl-Heinz B. der lange Jahre ihr Vorgesetzter war, ist noch heute voll des Lobes. Freitag sei eine gewissenhafte, engagierte, korrekte Lehrerin gewesen. Mitschüler des Angeklagten sehen das zwar aus einer anderen Perspektive, aber keineswegs grundlegend anders. "Sie war eine Lehrerin der alten Schule", sagt ein 18-Jähriger rückblickend. "Wenn man pünktlich zum Unterricht erschien und die Überschrift beim Aufsatz wie gewünscht unterstrich, war man bei ihr auf dem richtigen Weg."
Ehrgeizige Eltern
Was also hatte die beiden jungen Männer so rasend vor Wut gemacht, dass sie die Frau erst in Angst und Schrecken versetzten und dann grausam ermordeten? "Die Mutter war sehr ehrgeizig", betont ein Gutachter. Alex O. habe zwar bei Leistungstests teilweise überdurchschnittliche Ergebnisse erzielt, sei aber dennoch auf dem Gymnasium gescheitert. Das wiederum habe bei der Familie, die einige Jahre zuvor aus Kasachstan nach Deutschland gekommen war, für große Enttäuschung gesorgt, analysiert der Gutachter.
Auch ein Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe setzt sich mit Alex und Vitali O. auseinander. Er stellt eine verzögerte Reife der Brüder fest. Schuld daran seien der Umzug der Familie von Kasachstan nach Deutschland und die rigiden Erziehungsmethoden der Eltern. Diese hätten ihre Söhne häufig geschlagen und wegen schlechter Noten "getriezt". "Beide können kaum eine eigene Meinung, unabhängig von den Eltern entwickeln. Sie haben Angst", konstatiert der Psychologe. Vitali bestätigt das. Als Ältester habe er immer wieder die Verantwortung für die jüngeren Brüder übernommen, sagt Vitali. Wenn etwas passiert sei, habe er den Kopf dafür hinhalten müssen. Bei der Polizei hat er zuvor die volle Schuld auf sich genommen. Trotz dieser Erkenntnisse halten der Gutachter und der Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe die beiden Täter für voll schuldfähig. Sie sprechen sich dafür aus, das Jugendstrafrecht anzuwenden.
Mildes Urteil
Im Oktober 2005 verurteilt eine Jugendkammer des Landgerichts Lübeck Vitali O. wegen Mordes zu einer Jugendstrafe von acht Jahren und neun Monaten. Alex O. kommt wegen gefährlicher Körperverletzung mit einer Jugendstrafe von drei Jahren und zehn Monaten davon.
Nach Revisionsanträgen der Staatsanwaltschaft und der Nebenkläger hebt der Bundesgerichtshof den Fall auf und verweist ihn zurück an das Lübecker Landgericht. In der Neuauflage des Prozesses im Jahre 2006 verschärft das Landgericht Lübeck sein Urteil vom Oktober 2005 bei Alex O. um fast fünf Jahre. Bei ihrer Entscheidung sieht es die Jugendkammer als erwiesen an, dass ein "einvernehmliches Handeln beider Brüder" vorlag. Sie geht nicht von einer spontanen Tat aus, sondern davon, dass sich die beiden Brüder dazu verabredet haben. Damit macht das Gericht deutlich: Beide Brüder, Vitali und Alex, haben Isolde Freitag gemeinsam ermordet. Entsprechend wird Alex O. nun wegen Mordes verurteilt; er erhält eine Haftstrafe von achteinhalb Jahren.

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