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Politische Propaganda : Blühender Populismus: Das sind die vier Gründerväter der Fake News

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Falschinformationen, populistisches Agitieren oder Hetze sind hochaktuell, aber keine Instrumente der Gegenwart.

Weder der spätere Reichskanzler Otto von Bismarck, der mit dem Kürzen der Emser Depesche den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 provozierte, noch Adolf Hitler oder gar der US-Präsident Ronald Reagan, dessen Täuschungskomitee im Kalten Krieg mit Desinformationen den Friedensprozess in Europa torpedierte, sind die Gründungsväter von Fake News & Co. Die Geschichte von Propaganda und Populismus reicht weit zurück bis zu den Anfängen unserer Zivilisation.

Ramses II. - der Geschichtsfälscher

Er ist der Gottvater der Fake News: Im Jahr 1274 v. Chr. zog Pharao Ramses II. gegen die Hethiter. Bei Kadesch in Syrien wäre sein Heer beinahe vernichtet worden. Von da an verlegte er sich auf Propaganda – und ließ sich als großer Sieger feiern.

Ramses II. bestieg 1279 v. Chr. bereits mit etwa 23 Jahren den Thron. Als ein erster Feldzug gegen Amurru im heutigen Libanon erfolgreich verlief, setzte Ramses für das Folgejahr die entscheidende Kraftprobe mit dem großen Rivalen im Norden an: dem Hethiterreich, das sein Zentrum in Anatolien hatte und von dort weite Teile Syriens und Mesopotamiens kontrollierte. Ramses II führte mit 20.000 Mann die größte Armee an, die Ägypten bis dahin je aufgestellt hatte. Sein Gegenüber, König Muwattalli II., bot sogar 37.000 Mann auf. Mit über 3000 Streitwagen überrannten die Hethiter die Ägypter. Nur durch das Eingreifen von Elite-Einheiten der Schardana, ausländische Söldner, die Ramses II. in die ägyptische Armee aufgenommen hatte, gelang den Angreifern die Flucht vom Schlachtfeld.

Zurück in Ägypten initiierte Ramses II. eine große Propagandaoffensive, die ihn als großen Sieger des Feldzugs herausstellte. So gab er eine ganze Reihe kolossaler Bauwerke in Auftrag, in deren Bildschmuck der Pharao seine Sicht des Feldzugs dokumentierte: Der König, der von seinen Truppen verlassen worden war, konnte mithilfe des Gottes Amun den Sieg erringen. Drei Versionen über die Darstellung der Ereignisse befinden sich in den Tempeln von Karnak, Luxor, zwei im Ramesseum und weitere in den Tempeln von Abu Simbel, Abydos und Derr. Zudem sind Schilderungen auf Papyri erhalten, sodass es insgesamt 13 Versionen gibt. In der Realpolitik führte die Niederlage zu einer welthistorischen Premiere. Zum ersten Mal schlossen zwei Großmächte einen gleichberechtigten Friedensvertrag. Nicht umsonst hängt eine Abschrift davon im UN-Hauptquartier in New York. 

Als der gottgleiche Pharao und hundertfache Vater 1213 v. Chr. im Alter von etwa 90 Jahren für immer die Augen schloss, lagen 62 Regierungsjahre hinter ihm. Kein Pharao prägte Ägypten so wie er. Und kein Pharao wird so wie er als Schlachtenkönig verehrt, obwohl sein Ruhm auf einer Niederlage fußt.

 

Cato der Ältere – der erste Kriegstreiber

Foto: Imago/leemage

 

Es war das Trauma ganzer Generationen: 200 v Chr. hatte fast jede römische Familie einen Sohn, Vater oder Enkel im Krieg gegen Karthago verloren. Marcus Porcius Cato Censorius machte Karriere im Senat – er schloss jede seiner Reden vor dem Senat, egal zu welchem Thema, mit dem Satz: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.“

Über 100 Jahre lang, von 264 v. Chr. bis 146 v. Chr. lieferten sich die See- und Handelsmacht Karthago und das aufstrebende römische Reich einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft im Mittelmeer. Nach drei blutigen Kriegen war Karthago vernichtet – und der Legende nach streuten die Römer sogar Salz über die Äcker, um den Boden unfruchtbar zu machen.

Fand der erste Punische Krieg vorwiegend zur See statt, trug der karthagische Feldherr Hanibal mit seiner spektakulären Alpenüberquerung das Grauen nach Italien. Am 2. August 216 v Chr. kam es aus Sicht der Römer bei Cannae zur Katastrophe. 86.000 Legionäre stellten sich den 50.000 Mann starken Truppen Hanibals und wurden vernichtend geschlagen. Fast 50.000 Römer fielen. Cannae ging in die Kriegsgeschichte als Musterbeispiel einer Umfassungsschlacht ein und ist an Militärakademien bis heute Unterrichtsthema.

Obwohl die Römer den zweiten Punischen Krieg letztlich gewannen und die militärische Vormachtstellung Karthago gebrochen wurde, blieb die Forderung nach der endgültigen Zerstörung des Gegners populär. 

Marcus Porcius Cato diente als Soldat, wurde Militärtribun, Konsul und schließlich Zensor. Weil er in politischen Fehden, besonders Streitfragen in der Volksversammlung und im Senat, keine Zurückhaltung übte, war er großen Anfeindungen ausgesetzt. In politisch motivierten Prozessen wurde er 44 mal angeklagt, aber jedes Mal freigesprochen. Dabei half ihm, dass er ein entschiedener Befürworter der Zerstörung Karthagos war. Er soll jede seiner Reden im Senat mit den Worten „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ beendet haben, zu Deutsch: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.“ Cato blieb dank seines Populismus später auch ohne Ämter einer der einflussreichsten Senatoren. Die Erfüllung seiner Lebensforderung erlebte Cato nicht. Wenige Monate vor seinem Tod brach der dritte Punische Krieg zwar aus. Er dauerte jedoch drei Jahre.

 

Johann Tetzel - der Geldprediger

Fiktives Porträt (Stich 1717).
Fiktives Porträt (Stich 1717). Foto: gemeinfrei/wikipedia

Der Teufel war überall, die Versuchung allgegenwärtig und der Mensch schwach: Im zu Ende gehenden Mittelalter fürchteten die Menschen nichts mehr, als unter der Last ihrer Sünden auf ewig im Fegefeuer zu schmoren. Einer machte dies zu Geld.

Mit edlen Metallen kannte sich Johann Tetzel von klein auf aus. Der Dominikaner-Mönch wurde um 1460 als Sohn eines Goldschmiedes im sächsischen Pirna geboren. Nach seinem Theologiestudium in Leipzig trat er in das dortige Dominikanerkloster St. Pauli ein. Damals war der Ablasshandel streng geregelt, nur bestimmte Sündenstrafen konnten durch Geld und keinesfalls ohne tätige Reue erlassen werden. Der heißbegehrte Sündenerlass blieb also mühselig. Und da setzte Tetzel an. Er übertrieb den Umfang des Ablasses mit seinen populären Parolen: „Sobald der Gülden im Becken klingt im huy die Seel im Himmel springt“ oder „Wenn ihr mir euer Geld gebt, dann werden eure toten Verwandten auch nicht mehr in der Hölle schmoren, sondern in den Himmel kommen.“

Ablasshandel betrieb Johann Tetzel in der Art eines Marktschreiers – und erfolgreich wie kein anderer. Ins Hochdeutsche übertragen ist heute der Ausruf „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt!“ allgemeingeläufig. Der Mönch sammelte die Erlöse aus dem Ablasshandel in einem Kasten (dem sogenannten Tetzelkasten). Auf diesen ließ er, um die Menschen zum Kauf zu bewegen, einen Teufel malen, der die armen Seelen im Fegefeuer quält.

Tetzel wirkte zwar im Gebiet des Erzbistums Magdeburg, doch kamen zu ihm auch die Wittenberger Bürger, um sich, statt durch echte Buße, durch Geld von ihren Sünden zu befreien. Martin Luther, Beichtvater vieler Wittenberger, bemerkte dies mit Bitterkeit. Er prangerte den seiner Meinung nach schändlichen Ablasshandel an, da dieser seine Vorstellung von einem sündigen Menschen, der sich wegen schlimmer Taten einem Leben der Demut unterwirft, geradezu verhöhnte. Aus Luthers Kampf gegen den Ablasshandel wurde Luthers Kampf um eine Reform der Kirche „an Kopf und gliedern“ – der Beginn der Reformation.

Tetzel starb 1519 in Leipzig an der Pest. Ablasshandel ist in der römisch-katholischen Kirche seit 1562 verboten und seit 1567 mit der Strafe der Exkommunikation belegt.

 

Talleyrand-Perigords – der erste Wendehals

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Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, Porträt von François Gérard (1808).

Foto: gemeinfrei

Er wusste immer, was populär war, und war dabei. Charles Maurice de Talleyrand-Perigords (1754 bis 1838) diente sechs französischen Regimes. Selbst populär wurde er damit nicht. Im Gegensatz zu Napoleons Marschällen erinnert an den Retter Frankreichs nach dem Scheitern des kleinen Korsen nichts. Kein Straßenname in Paris, kein Denkmal.

Nein, die Nachwelt hat Charles Maurice de Talleyrand-Perigord, ehemals Bischof von Autun, später Außenminister Napoleons, dann Vertreter Frankreichs auf dem Wiener Kongress und zuletzt Botschafter seines Landes in London, keine Kränze geflochten. Das hat viel mit Talleyrands Laufbahn, aber mehr noch mit der französischen Geschichte zu tun, die entweder jakobinisch-revolutionär, napoleonisch-diktatorisch oder auch legitimistisch war. Keiner dieser Parteien hat Talleyrand auf Dauer die Treue gehalten. Seine Anfänge als liberaler Aristokrat und Kirchenfürst entsprachen wahrscheinlich am meisten seinen ureigentlichen Überzeugungen, denen die Jakobinerdiktatur aber schnell ein Ende machte. Als Napoleons Außenminister diente er dem späteren Kaiser loyal, bis dieser sich ins spanische Abenteuer stürzte. Talleyrand wollte Frankreich nur so mächtig, wie es mit dem Frieden Europas vereinbar war, Napoleon wollte es allmächtig, damit niemand mehr wagen könne, einen französischen Frieden zu brechen. Kurzum, der Kaiser befand, sein Minister sei ein Haufen „Scheiße in Seidenstrümpfen“.

Talleyrand diente also in seinem politischen Leben sechs Regimen: zuerst der vorrevolutionären Kirche, danach der Revolution, dem Direktorium, dem Kaiserreich, den Bourbonen und am Ende dem Bürgerkönig Louis Philippe. Berühmt wurden seine Worte an Zar Alexander I. auf dem Wiener Kongress: „Verrat, Sire, ist nur eine Frage des Datums.“  Dort konnte er - dank der Interessengegensätze der Sieger – das besiegte Frankreich als Großmacht bewahren. Napoleons Abenteuer der 100 Tage und Waterloo machten am Ende aber alles zunichte. Was er von Napoleon, den Bourbonen & Co. wirklich hielt, fasste er später zusammen - „Klug und fleißig – gibt’s nicht; klug und faul – bin ich selbst; dumm und faul – für Repräsentationszwecke noch ganz gut zu gebrauchen; dumm und fleißig – davor behüte uns der Himmel!“

Folge: Weder die Anhänger Napoleons noch die der Bourbonen haben in der französischen Historiografie ein gutes Haar an Talleyrand gelassen.  Dieser starb zurückgezogen am 17. Mai 1839 in Paris.

 

Literaturhinweise

Thomas G. H. James: Ramses II. Der große Pharao

Reich bebildert, großes Buchformat und 320 Seiten Altes Ägypten pur. Alle markanten Themen sind leicht verständlich abgehandelt. Sehr detailiert geht James auf Ereignisse, Datierungen und Geschehnisse ein. Der Autor gibt sich zwar als Bewunderer Ramses' zu erkennen, zum größten Pharao aller Zeiten macht ihn dieses Buch dankenswerter Weise nicht.

Verlag: Karl Müller Köln,  320 Seiten, ISBN 3898930378, Preis 16,50 Euro

Andres Furger: Übrigens bin ich der Meinung... Der römische Politiker und Landmann Marcus Cato zu Olivenöl und Wein.

Das Tagebuch des römischen Politikers und Landmanns Marcus Cato beginnt im Jahre 198 v. Chr: Cato ist 35 Jahre alt. Er will fortan neben der Politik auch als Landmann tätig sein. Seine Betriebe, ein umfangreiches Landgut mit Olivenbäumen und ein Weingut in Kampanien nördlich von Neapel, arbeiten nach ausgeklügelten Bewirtschaftungsplänen. Er setzt komplizierte Maschinen zur Entsteinung der Oliven ein, die zur Gewinnung des besten 'grünen Öls' dienen, das heutigen Maßstäben mindestens ebenbürtig war.

Verlag: Neue Zürcher Zeitung – Buchverlag, Zürich, 147 Seiten, ISBN 978-3-03823-148-6, ab 14,63 Euro (antiquarisch)

Enno Bünz (Hg.), Hartmut Kühne (Hg.), Peter Wiegand (Hg.): Johann Tetzel und der Ablass

Das Buch dokumentiert die Ergebnisse einer in Jüterbog im April 2016 veranstalteten Tagung. Zugleich ist es Begleitband zur Ausstellung „Tetzel – Ablass – Fegefeuer“, die vom 8. September bis zum 26. November 2017 im Mönchenkloster und der Nikolaikirche Jüterbog gezeigt wird. Auf breiter Quellengrundlage dokumentiert es die Lebenswelt Johann Tetzels, zeigt bisher wenig beachtete Facetten seiner Persönlichkeit und versucht, ihn als Repräsentanten der vorreformatorischen Ablasspraxis einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen.

Verlag: Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte,  Berlin, 320 Seiten, ISBN 978-3-86732-262-1, 29,80 Euro

Johannes Willms: Talleyrand. Virtuose der Macht. 1754 bis 1838.

„Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen“ - so ließ der wohl berühmteste Diplomat der Weltgeschichte einmal den spanischen Gesandten wissen, als dieser ihn an ein nicht eingehaltenes Versprechen erinnerte. Johannes Willms porträtiert Talleyrand erstmals als Phänotyp seiner Zeit - einer Epoche gewaltiger sozialer und politischer Umbrüche, von der seine hochadlige Gesellschaftsschicht besonders stark betroffen war.

Verlag: C. H. Beck, München, 384 Seiten, ISBN: 9783406621451, 26, 95 Euro

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erstellt am 01.Apr.2017 | 09:19 Uhr

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