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Doping im Hobby-Sport : Bis an die Grenzen des Körpers

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

von
erstellt am 29.Sep.2013 | 16:22 Uhr

Hat sie oder hat sie nicht? 2009 verhängte die Internationale Eislauf-Union ISU eine Sperre wegen auffälliger Blutwerte gegen Claudia Pechstein. Jetzt sorgt die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin wieder für Schlagzeilen. Seit Mittwoch kämpft sie in einem Zivilprozess vor dem Münchner Landgericht um Schadensersatz in Millionenhöhe vom Weltverband ISU und von der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft. Zwei Jahre dauerte die Sperre an. Den Vorwurf angeblichen Blutdopings will die Berlinerin nicht auf sich sitzen lassen.

Das Thema Doping hat den Sport fest im Griff. Kaum ein Monat vergeht ohne neue Meldungen und Enthüllungen über den Missbrauch leistungssteigernder Substanzen im Profisport. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete am vergangenen Freitag über neue Vorwürfe gegen den früheren Olympiaarzt Armin Klümper. Er soll im Olympiajahr 1976 die systematische Versorgung von westdeutschen Kaderathleten des Bundes Deutscher Radfahrer unter anderem mit Anabolika ins Auge gefasst haben.


Auch Amateure dopen


Doch Experten warnen: Leistungsverstärker sind auch unter Hobbyathleten vertreten, denn irgendwann ist sie erreicht – die Leistungsgrenze. Das Training ist intensiv und konstant, aber die Platzierung im vergangenen Wettkampf war wieder nicht unter den ersten drei Läufern oder beim Bankdrücken stagniert das Gewicht auf der Stange schon seit zwei Monaten. Oder die Knochen machen das wöchentliche Altherren-Fußball nicht mehr mit. Viele Sportler wollen das nicht akzeptieren. Training und eine gute körperliche Kondition allein reicht ihnen nicht. Sie wollen immer schneller, stärker und weiter hinaus.

„Dieses Thema gewinnt definitiv an Bedeutung“, sagt Prof. Dr. Burkhard Weisser. Er ist für den Landessportverband Schleswig-Holsteins oberster Anti-Doping-Beauftragter und Vorsitzender des Sportärztebunds Schleswig-Holstein. Zwar gebe es im Breitensport anders als im Spitzensport keine Dopingkontrollen und man könne deshalb eine hohe Dunkelziffer nur vermuten, „wissenschaftlich erhobene Selbstauskünfte betätigen aber, dass es das Problem gibt“, erklärt Weisser.

Er spricht damit die vom Robert-Koch-Institut veröffentlichte KOLIBRI-Studie an. Das Bundesinstitut befragte 6142 Normalbürger im Alter von 19 bis 97 Jahren nach der Einnahme von verschreibungspflichtigen und rezeptfreien Mitteln zur Leistungssteigerung. 9,5 Prozent gaben an, diese Mittel ohne medizinische Notwendigkeit einzunehmen (10 Prozent Frauen, 9,1 Prozent Männer). Bei den sportlich Aktiven waren es 7,1 Prozent, die der Studie zufolge verschreibungspflichtige Mittel zur Leistungssteigerung einnahmen – Doping inklusive. Diese Zahlen klingen noch gering. Eine weitere Studie der Universität Lübeck kommt im Bereich Kraftsport und Bodybuilding in Fitnessstudios aber zu weit dramatischeren Zahlen: Von knapp 500 befragten Besuchern norddeutscher Fitnessstudios gaben 21 Prozent an, anabole Steroide einzunehmen oder schon einmal eingenommen zu haben. Die meisten unter ihnen waren zwischen 21 und 25 Jahre alt.


Ursachen für den Missbrauch


Für Prof. Dr. Horst Pagel vom Institut für Physiologie der Universität zu Lübeck gibt es vor allem zwei Antriebsfedern für den Medikamentenmissbrauch: „Steigerung der Leistungsfähigkeit und Veränderung des körperlichen Erscheinungsbildes.“ Betroffen seien hier vor allem Jugendliche an der Schwelle zum Kaderathleten, Menschen im dritten oder vierten Lebensjahrzehnt, die in ihrem Sport genauso erfolgreich sein wollen, wie im Beruf und ambitionierte Neueinsteiger, „die von heute auf morgen mit jahrelang Trainierenden mithalten wollen“, so der Anti-Doping-Beauftragten des Radsportverbands Schleswig-Holstein.

Dr. Martin Mrugalla,, Sportmediziner im Mare Klinikum in Kronshagen und Mannschaftsarzt von Holstein Kiel, kritisiert: „Einige Freizeitsportler ziehen Medikamente einem gesunden Lebenswandel vor. Durch Zigaretten- und Alkoholkonsum wurde die Leistungsfähigkeit bereits limitiert aber plötzlich wollen diese Menschen einen Marathon laufen und vergessen, dass das jahrelanges Aufbautraining erfordert.“ Auch er wurde schon von Kraftsportlern nach konkreten Doping-Mitteln gefragt. „Da kann man als Arzt nur aufklären.“ Medikamente wie Ibuprofen würden oft bei Amateursportlern und Senioren eingesetzt. „Dabei muss es aber eine gewisse ärztliche Kontrolle geben“, so Mrugalla. Der Arzt könne letztlich auch seinen Patienten dabei helfen, die eigenen körperliche Grenzen zu erkennen.


Ausdauer- und Kraftsport im Fokus


Prof. Dr. Burkhard Weisser sieht vor allem Sportarten mit starkem Wettkampfgedanken und hoher Ausdauerforderung als Feld, in dem Medikamentenmissbrauch stattfindet. „Das können Triathleten sein, die gegen Knieschmerzen lieber eine Schmerztablette nehmen, statt sich zu schonen“, so der Anti-Doping-Experte. Ein weiteres Feld sind Sportarten, in denen es um Muskelaufbau geht. „Hier sehe ich die wesentliche Klientel von Doping.“


Beschaffungsquelle Internet


Verschreibungspflichtige Medikamente und Doping-Mittel sind leicht zu bekommen, rezeptfreie Medikamente sowieso. Bei letzteren muss der Sportler nur wissen, welches Medikament für seine Zwecke einsetzen muss. Mitsportler und Bekannte helfen weiter. Bezugs- und Informationsquelle Nummer eins ist jedoch das Internet.

Sind die passenden Schlagwörter bekannt, wird das Internet zur Fundgrube gefährlicher Ratschläge, wie mit rezeptfreien Medikamenten der Sprung über den eigenen Schatten gelingt. Auf die Frage nach den Auswirkungen von Aspirin auf die Ausdauer schreibt ein Mitglied eines Sportforums: „Aspirin wirkt schmerzlindernd, entzündungshemmend, verbessert die Fließeigenschaft des Blutes. Schmeiß ich mir meist vor ’nem Wettkampf im Radsport ein.“


Gesundheitliche Folgen


Sich auf unseriöse Ratschläge dieser Art zu verlassen ist ein riskantes Unterfangen. „Doping und Medikamentenmissbrauch ist bei Sportlern in der dritten und vierten Reihe viel gefährlicher als im Spitzensport“, sagt Dr. Martin Mrugalla. Während bei Kaderathleten die Medikamenteneinnahmen gesetzeskonform und unter ärztlicher Aufsicht geschieht, handeln Hobbysportler oft auf eigene Faust. Prof. Dr. Burkhard Weisser weist darauf hin, dass die falsche Einnahme von Schmerzmitteln Nebenwirkungen bis hin zu Organschädigungen verursachen kann. Besonders gefährlich ist auch der unprofessionelle Umgang mit verschreibungspflichtigen Präperaten. „Bei falscher Einnahme von beispielsweise Erythropoietin (Epo) kann es zu Herzversagen kommen und die Thrombose-Neigung ist erhöht“, erklärt Prof. Dr. Horst Pagel

Dabei ist der Griff in den Medikamentenschrank häufig gar nicht nötig, sagt Dr. Martin Mrugalla: „Wer beim Sport keine Erfolge mehr erzielt, trainiert häufig nicht optimal. Es kommt auf die Trainingssteuerung, -intensität und die Erholungsphasen an.“ Wer hier alleine nicht weiter weiß, sollt sich am besten professionellen Rat beim Hausarzt oder einem Sportmediziner holen.

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