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Vor Konzert in Flensburg : Billy Idol: „Ich wandelte immer zwischen Gut und Böse“

vom

Am 19. Juli kommt Billy Idol nach Flensburg. Im Interview berichtet er über Sex und Drogen, Punk und Papa-Sein.

shz.de von
erstellt am 29.Jun.2015 | 13:05 Uhr

Billy Idol („White Wedding“, „Rebel Yell“) wurde in den 1980er-Jahren zu einem Popstar. Zu seinen Markenzeichen gehören: sich lässig kräuselnde Oberlippe, blondierte Stoppelfrisur und schwarzes, mit Nieten besetztes Leder. Sozialisiert in der frühen Londoner Punkszene, lebte der Sänger lange Zeit jeden Tag, als wenn es sein letzter wäre. Vergangenes Jahr ist sein Comeback-Album „Kings & Queens Of The Underground“ erschienen, flankiert von der Autobiografie „Dancing With Myself“. Am 19. Juli tritt Billy Idol in der Flens-Arena auf. Billy Idol, 59, der eigentlich William Michael Albert Broad heißt, berichtet im Gespräch über Sex und Drogen, Punk und Papa-Sein.

Mr. Idol, „Kings & Queens Of The Underground“ ist Ihr erstes Studioalbum in fast zehn Jahren. Brauchten Sie eine Pause, um über Ihre Musik und Ihr turbulentes Leben nachzudenken?
Ja, denn der Entschluss, meine Erinnerungen aufschreiben zu wollen, war für mich eine Verpflichtung. Diese Arbeit gipfelte darin, dass ich dann auch noch ein ganzes Album schrieb. Es war eine gegenseitige Befruchtung. Mein Album dreht sich nicht nur um Vergangenes, viele Songs erzählen von dem Leben, das ich heute führe. Der Song „Kings & Queens Of The Underground“ ist tatsächlich meine musikalische Geschichte. Sie beginnt mit dem Roxy in London während der Punkrock-Ära von 1976 und beschreibt meinen Aufstieg „as high as the moon“. Es ist ein Song für alle, die die Siebziger mitgemacht haben. Die das Gefühl kennen, keine Zukunft zu haben, irgendwann aber etwas finden, das das Leben reizvoll macht. Du träumst davon, Musiker zu sein? Besorg’ dir eine Gitarre und geh’ auf die Bühne! Tu’ es einfach!

In „Kings & Queens Of The Underground“ gestehen Sie, Ihre komplette Plattensammlung verscherbelt zu haben, um Drogen kaufen zu können. Tut das heute noch weh?
Solche Dinge tut man, wenn man Junkie ist. Obwohl mir die Musik immer extrem wichtig war, habe ich viele persönliche Dinge verscherbelt wie meine Vinylplattensammlung. Klar ist das im Nachhinein traurig, aber das war damals meine Realität. Ich hatte mich für ein extremes Leben entschieden, bei dem es um Siegen oder Sterben ging.

Wundern Sie sich manchmal, dass Sie noch am Leben sind?
Ja. Es ist tatsächlich verblüffend, dass ich all diesen Blödsinn überlebt habe, mit dem ich mich selbst in die Mangel nahm. Ohne diese Erfahrungen hätte ich auch keinen Stoff für mein Buch gehabt. Ich sah mich einfach in der Pflicht, ein gutes Buch zu schreiben (lacht). Ich wollte auch einmal überprüfen, welche guten und welche schlechten Dinge ich in meinem Leben so getan habe. „Rebell Yell“ war ein großartiges Album, „Charmed Life“ ist solide geworden und mit „Cyber Punk“ habe ich Grenzen verschoben. Auf der anderen Seite wandelte ich lange auf dem Pfad der Zerstörung, mein Familienleben war zerrissen und ich versetzte die Menschen, die mir nahestanden und sogar mich selbst in Angst und Schrecken. Fast hätte ich mich sogar umgebracht.

Hatte das Niederschreiben Ihrer Erinnerungen eine heilende Wirkung auf Sie?
Die Tatsache, dass ich immer auf dem schmalen Grat zwischen Gut und Böse wandelte, machte die Arbeit an dem Buch spannend. Ich habe versucht, so ehrlich zu sein wie möglich. Dabei musste ich niemanden beschimpfen, ich brauchte einfach nur aufzuschreiben, wie mies oder gut ich mich verhalten habe. Die beiden Seiten meiner Persönlichkeit drücken sich auch in meinen Songs aus, ich brauchte allerdings ein bisschen, um sie zu schreiben.

Künstler zu sein bedeutet aus Ihrer Sicht, seine Ängste zu ignorieren und einfach loszulegen. War das der Leitsatz bei Ihrem neuen Album?
Das ist mein Leitsatz für viele Dinge. Wenn du dich für den Musikerberuf entscheidest, bist du nie sicher, ob du wirklich alle Attribute hast, die ein Künstler braucht. Man schießt sich ins Leere, ohne zu wissen, wer oder was einen da draußen erwartet. Es ist wie ein Abtauchen ins Unbekannte. Dafür braucht man eine Menge Chuzpe.

Die Sex Pistols waren sehr bedeutend für Ihre musikalische Entwicklung. Wie haben Sie Ihnen dabei geholfen, Ihren eigenen Stil zu finden?
Sie sind einfach mit gutem Beispiel vorangegangen. Die Sex Pistols und The Clash machten großartige Musik. Und sie zeigten gleichgesinnten jungen Burschen wie mir, dass auch ich in einer Band spielen konnte. Die Generation vor mir hat den Boden bereitet, indem sie Bluesrock, Folkrock, Soul oder Jazzfusion spielte. Ich aber wollte eine neue Musik machen, die verschiedene Stile kombiniert. Ich wollte Punk mit großen Melodien verschmelzen.

Sind Sie im Herzen ein Punk geblieben?

Ich habe auf jeden Fall noch eine Punkrock-Einstellung zu vielen Dingen. So würde ich niemals etwas tun nur um des Geldes willen, was dann meiner Künstlerseele Schaden zufügt. Deswegen dauern manche Projekte bei mir auch etwas länger. Zeit ist nicht relevant. Es kommt einzig darauf an, etwas zu produzieren, das Substanz hat.

In Ihrem Buch beschreiben Sie unter anderem, wie Sie das erste Mal Sex hatten, es war 1970 in einem Wohlfahrtsladen beim Bahnhof Bromley South. Was hat Sie dazu bewogen, so freimütig über Ihr ausschweifendes Sexualleben zu schreiben?
Ganz ehrlich: Wenn man solch ein Buch schreibt, hat man es mit unheimlich vielen Fakten zu tun. Das kann für einen selbst schnell langweilig werden. Auf die intimen Stellen habe ich besonders viel Wert gelegt, damit wollte ich erreichen, dass mir das Schreiben wieder mehr Spaß macht. Weg von den Fakten hin zu mehr Fantasie. Ich finde, diese Stellen sind nicht nur lustig, sondern auch sehr poetisch geworden. Bei meinem ersten Mal lief „Moni Moni“ von Tommy James im Hintergrund, Jahre später habe ich den Song gecovert und landete damit einen Nummer-1-Hit in den USA. Und das kam alles wegen meines ersten Ficks! (lacht)

Nutzen Sie immer noch Sex und Drogen, um Ihre Musik „aufzupimpen“, wie Sie es nennen?
Nun, ich lebe inzwischen schon ziemlich lange und dementsprechend viele Erfahrungen haben sich bei mir angesammelt. Etliche davon lasse ich in meine aktuellen Songs mit einfließen. Manche haben mit früheren Drogenerfahrungen zu tun, was nicht heißt, dass ich nüchtern oder vernünftig geworden bin. Ich übertreibe es bloß nicht mehr, ab und zu rauche ich einen Joint oder trinke einen Schluck Alkohol. Die Erinnerungen an meine Drogenerfahrungen sind etwas Bleibendes. Warum sollte ich nicht darüber schreiben? Meine Erfahrungen aus der Gegenwart sind nicht weniger wichtig. Man muss nicht high sein, um eine gute Idee für einen Song zu kriegen. Das Schöne an meinen Job ist, dass es viele verschiedene Arten und Weisen gibt, Songs zu schreiben. Du kannst dabei high sein wie ein Jumbojet oder stocknüchtern.

Gleich zweimal in Ihrem Leben wären Sie beinahe an einer Überdosis gestorben. Haben diese Grenzerfahrungen Ihr Leben verändert?
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich wirklich änderte. Irgendwann kam ich an einen Punkt, wo ich keine Lust mehr hatte, mit dem Tod zu flirten und in irgendwelchen Krankenhausbetten aufzuwachen. Natürlich hatte ich auch Schonzeiten, aber sie waren nie sehr lang. Plötzlich gaben mir die Drogen keinen Kick mehr und mir passierten viele schlimme Dinge, unter anderem ein Motorradunfall. Er war völlig überflüssig und kostete mich beinahe mein Bein. Mein Honeymoon mit den Drogen war vorbei und sie fingen an, mich zu kontrollieren. Das wollte ich nicht.

Ursprünglich sollte Billy Idol im Rahmen des Husum Open Air auf dem Husumer Messegelände auftreten – doch das Wetter ist zu unsicher. Darum wurde alles nach Flensburg in die Flens-Arena verlegt. Die Eintrittskarten behalten ihre Gültigkeit, die Parkplätze sind kostenlos und es gibt sogar einen kostenlosen Bus-Shuttle von Husum nach Flensburg und zurück. Infos unter Telefon 0461/31802−202.

Das Interview führte Olaf Neumann.

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