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Bericht der Bundesregierung : Bildungsforscher: SH droht schwere Lehrstellenkrise

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bildungsforscher warnen vor dramatischem Mangel an Ausbildungsplätzen im Norden. Die Kammern in SH sind nicht so pessimistisch.

Führende Bildungsforscher in Deutschland schlagen Alarm: Schleswig-Holstein steuert in den kommenden Jahren auf einen dramatischen Lehrstellenmangel zu. Besonders im nördlichen Landesteil droht die Lücke zwischen der Nachfrage nach Ausbildungsplätzen und dem Angebot sehr groß zu werden. Das ergibt sich aus dem am Donnerstag in Berlin vorgelegten Bildungsbericht, den Bundesregierung und Kultusminister alle zwei Jahre erarbeiten lassen.

Schon jetzt fehlen in erheblichem Umfang Lehrstellen im Norden. So standen nach Angaben der Forscher letztes Jahr den 23.900 Bewerbern nur 21.400 Lehrstellen gegenüber – jeder Zehnte ging also leer aus. Im nördlichen Landesteil war es sogar jeder Sechste. Schleswig-Holstein gehöre daher zusammen mit den Stadtstaaten und fünf weiteren Ländern „zu den prekären Ausbildungsmärkten“ in Deutschland, kritisierte Kai Maaz, Sprecher der Autoren des Bildungsberichts.

Damit nicht genug: Der Lehrstellenmangel werde sich bald noch „dramatisch zuspitzen“, warnte der Göttinger Berufsbildungsforscher Martin Baethge. Grund seien die zusätzlich auf den Ausbildungsmarkt kommenden Flüchtlinge. Allein wegen der letztes Jahr eingereisten Asylsuchenden seien bundesweit 120.000 neue Lehrstellen nötig, davon etwa 4000 in Schleswig-Holstein – vorausgesetzt, dass 80 Prozent der Flüchtlinge bleiben.

Die Bildungsexperten fordern daher verstärkte Anstrengungen von den Unternehmen im Norden, aber auch vom Land, das mehr außerbetriebliche und schulische Lehrstellen finanzieren müsse. Zudem forderte Baethge, dass Betriebe verstärkt „Ausbildung mit Bildung verbinden“ sollten. Vorbildlich sei die von Hamburg eingeführte zweijährige Ausbildungsvorbereitung mit Betriebspraktika, Berufsschule und Sprachförderung.

Die Kammern in Schleswig-Holstein sehen die Lage auf dem Ausbildungsmarkt allerdings weniger kritisch. „Wir stellen keinen Lehrstellenmangel fest“, sagt Hans-Werner Frahm von der Handwerkskammer Flensburg. Sein Kollege Hans Joachim Beckers von der Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein assistiert: „Wir haben eine ausgeglichene Situation.“

Dass die Bildungsforscher zu einem anderen Schluss kommen, liege an deren „nicht sachgerechter“ Methodik: Sie zählen auch Bewerber als unversorgt mit, die sich zwar weiter eine Ausbildung wünschen, aber mangels Lehrstelle erst mal mit dem Besuch einer weiterführenden Schule oder eines Vorbereitungskurses Vorlieb nehmen. Die Autoren des Bildungsberichts wiederum halten genau diese Zählweise für „entscheidend“ und kritisieren, dass in Schleswig-Holstein besonders viele Ausbildungskandidaten in Warteschleifen landen.

Allerdings sieht auch die Kieler Bildungsministerin Britta Ernst die Lage nicht so düster wie die Forscher. Sie spricht von zuletzt 1200 offenen Lehrstellen und hält auch die geforderte höhere Zahl von Ausbildungsplätzen für Flüchtlinge „erst mittel- bis langfristig“ für nötig, da die Asylsuchenden meist nicht die erforderlichen sprachlichen Fähigkeiten mitbringen würden. Immerhin 140 machen aber schon eine Lehre, weitere 4100 absolvieren Vorbereitungskurse an Berufsschulen.
 

Umdenken bei der Ausbildung - ein Leitartikel von Henning Baethge

Die Aussagen scheinen sich zu widersprechen: Am Dienstag klagte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag darüber, dass Unternehmen immer größere Schwierigkeiten hätten, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Zwei Tage später schlagen nun führende deutsche Bildungsforscher mit der gegenteiligen Erkenntnis Alarm: Jugendliche würden in Schleswig-Holstein und   vielen anderen Landstrichen immer schwerer eine Lehrstelle finden. Ja, was stimmt denn nun?

Beides. In vielen Regionen Deutschlands ist es für die Betriebe tatsächlich schwer, Kandidaten zu finden – das räumen auch die Experten im neuen Bildungsbericht der Bundesregierung und der Kultusminister ein. Doch macht ihnen ein breites Gebiet von Schleswig-Holstein über Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen bis Rheinland-Pfalz große Sorgen: In einigen Ländern der alten Bundesrepublik haben junge Leute zuletzt  eben oft keine Lehrstelle gefunden.

Woran liegt’s? Wirtschaftsvertreter verweisen gern darauf, dass viele Schulabgänger nicht geeignet sind und es an Rechtschreibung und Grundrechenarten hapert. Das stimmt zwar – doch die Bildungsforscher mahnen nun ein Umdenken an: Vor allem  angesichts der vielen jungen Flüchtlinge, die integriert werden sollen, müssten die Betriebe künftig nicht mehr nur ausbilden wollen, sondern auch verstärkt bilden. Von der Vorstellung, immer nur die gern geforderten „ausbildungsreifen“ Bewerber einzustellen, sollten sich die Unternehmen häufiger mal lösen, raten die Experten.

Die gute Nachricht ist: Viele Betriebe sind dazu schon jetzt bereit – auch in Schleswig-Holstein. Und je mehr es werden, desto weniger dramatisch wird die befürchtete Lehrstellenkrise im Norden ausfallen.

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erstellt am 16.Jun.2016 | 20:04 Uhr

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