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Årsmøde der dänischen Minderheit : Besuch beim letzten großen Auftritt: Torsten Albig hinterlässt ein SH am Optimum

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Aus der Onlineredaktion

Womöglich war es Schwärmerei, die Albig letztendlich aus dem Amt warf. In Flensburg konnte er es mal wieder nicht lassen.

Flensburg | Torsten Albig wirkt fast schon wie ein Privatier, so bescheiden kleingekauert wie er da sitzt. Unter seiner Schiebermütze beäugt der Mann im buntkarierten Hemd die Sport-Aktivitäten der südschleswigschen Jugend genüsslich vom Gartenstuhl aus, Lebensgefährtin Bärbel Boy sitzt neben ihm. Vor dem scheidenden Ministerpräsidenten im Pavillon auf dem mit 7000 Menschen gefüllten Sportplatz von DGF Flensburg lehnt eine Krücke.

Albig hat sich am Meniskus verletzt, und er sieht neben seiner körperlichen Schonhaltung auch im Gesicht nicht so aus, als wäre ihm groß nach Tamtam zumute. Seine größeren Auftritte hatte er ja fast alle abgesagt, sogar die Eröffnung der Kieler Woche. Als der Sprecher ihn als „Ministerpräsidenten“ bezeichnet, muss er verlegen zu seiner Partnerin lächeln und dabei irgendetwas sagen. Ja, er ist es immer noch. Interessiert hört er zu, wenn Anke Sporendonk ihm etwas erklärt. Wenn gesungen wird, singt er brav (auf Dänisch) mit. Diese freundschaftliche Demut gepaart mit dänischer Gelassenheit, die ihm gut zu Gesicht steht, bekommt irgendwann allerdings überschäumende Schlaglöcher – sobald er mehr als zehn Minuten auf der Bühne steht.

<p>Flensburg im Zeichen des Dannebrog: Vom Nordermarkt kommend marschierten mehrere Tausend Südschleswiger die Toosbüystraße hoch.</p>

Flensburg im Zeichen des Dannebrog: Vom Nordermarkt kommend marschierten mehrere Tausend Südschleswiger die Toosbüystraße hoch.

Foto: Marcus Dewanger

Es ist Årsmøde, das große Treffen der dänischen Minderheit. Der scheidende Ministerpräsident ist in die Südschleswiger-Hochburg gekommen, um „Farvel“ zu sagen. Die Sympathien eines Großteils der Anwesenden sind ihm gewiss, sicher hätten sich die meisten der Anwesenden einen Fortbestand der Küstenkoalition mit einem integrierten SSW gewünscht. Und Albig ohne den SSW? Wäre nie ins Amt gekommen. Der Wahlverlierer genießt nach harten Wochen trotz seines Knie-Handicaps diese Zeit mit Leuten, die ihm wichtig und grundsätzlich positiv gesinnt sind. Freunde, wie er sagt.

Auf einer deutschen Veranstaltung wäre es undenkbar, dass wie hier zunächst die Kinder und die Jugend an die Reihe kommen und nicht die „alten Säcke“, sagt er vor der Bühne ins Mikrofon, „da kämen erst 37 Reden, und erst dann wären die jungen Leute dran.“ Das sei schon einer dieser wertvollen Dinge, die Minderheiten bewirkten. Es sind schon einige Stunden der bunten Vorführungen vergangen. Nur für kurze Verwirrung sorgt seine Aussprache des Dänischen mit dem er mit seiner mächtigen Stimme seine Rede beginnt. Die Zuhörer vor der Bühne haben die schrägen Diphtongs ihrerseits schnell justiert, freuen sich der feinen Geste und hören aufmerksam als Albig inzwischen auf Deutsch sagt: „Ich fand diese Dänen-Ampel echt geil.“

Albig weiß zu punkten. Es sei ihm „einfach persönlich wichtig, bei diesem Festtag dabei zu sein“, sagt er und unterstreicht damit, wie privat er die Situation bereits annimmt. Er kritisiert das „me first“ der Nationen und die auferstehenden Grenzen. Das seien dunkle Wolken in einer „verrückten Welt“. Errungenschaften wie die Rücknahme der Gleichberechtigung der dänischen Schul-Finanzierung würde sich nach der Küsten-Koalition niemand mehr trauen, zurückzunehmen. Stolz sei er darauf, der Ministerpräsident zu sein, der den SSW in die Regierung geholt habe. Die Zusammenarbeit habe wunderbar funktioniert und sei überaus erfolgreich gewesen. Leider sei es nun schon vorbei damit. So klingt es dann an, als hätten konspirative Kräfte und nicht der Wähler dafür gesorgt, dass diese kurze Ära des Inbrünstigen nun am Ende ist.

Hier und da bedient sich Albig einer Beurteilung seiner Regierungszeit, die die Grenzen politischer Schönrechnerei insbesondere vor dem Hintergrund des Wahlergebnisses gewaltig übersteigt. So sieht er Schleswig-Holstein auf dem „Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit“. Mehr traut der scheidende Ministerpräsident diesem Land also nicht zu. So manch einer wird sich bei den offensichtlichen Problemen des Landes insbesondere in der Verkehrs- und Internetinfrastruktur sowie der Landwirtschaft einen Moment lang verhöhnt gefühlt haben. Womöglich ist dann aber alles so perfekt hergerichtet, dass es Albig in Zukunft gar nicht mehr braucht. Über seine Nachfolger sagt er „die werden das schon ganz gut machen“.

SH sei durch die Minderheitenintegration „auf Augenhöhe“ ein Vorbild für alle, und die ganze Welt schaue hierher, sagt Albig. Das klingt zwar hochspurig, wird dem Anlass aber gerecht. Alsdann lobt Albig die Zusammenarbeit mit der Regierung in Kopenhagen. Sie sei zwar inhaltlich schwierig, aber intensiv wie nie. Vor allem preist er Vertrauensverhältnis, das man sich grenzübergreifend erarbeiten konnte. Das ist nun wieder ein echter Albig zu Haareraufen, wendete sich die Regierung in Dänemark doch vor einigen Wochen per Brandbrief direkt an den Bundesverkehrsminister, weil sie große Zweifel hat, dass SH das Planungsverfahren für den Fehmarnbelttunnel irgendwie hinbekommt.

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erstellt am 12.Jun.2017 | 13:17 Uhr

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