Breitner auf Dem balkan : Besuch am ärmsten Rand von Europa

Armut mitten in den Straßen einer europäischen Hauptstadt: Anna-Maria, die ihr eigenes Alter nicht weiß, übernachtet mit ihrem Sohn Alex (1) in einem Hauseingang.
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Armut mitten in den Straßen einer europäischen Hauptstadt: Anna-Maria, die ihr eigenes Alter nicht weiß, übernachtet mit ihrem Sohn Alex (1) in einem Hauseingang.

Schleswig-Holsteins Innenminister Andreas Breitner hat für vier Tage Rumänien und Mazedonien besucht. Angesichts der katastrophalen Lebensbedingungen von Sinti und Roma fordert er einen besseren Schutz der Minderheiten auf dem Balkan durch die Europäische Union.

shz.de von
10. November 2013, 14:31 Uhr

Sie sitzt in einem dunklen Hauseingang. Um sie herum tobt zwischen Bars und Sterne-Hotels das Nachtleben, doch Anna-Maria hat sich in Tücher eingehüllt. Auf dem Arm hat die Roma ihren einjährigen Sohn Alex, der mit ihr in diesem Hauseingang so oft übernachtet – in Bukarest, Rumänien, der Hauptstadt eines EU-Landes.

Es sind Bilder wie diese, die Schleswig-Holsteins Innenminister Andreas Breitner (SPD) und die 16-köpfige Delegation aus Landtagsabgeordneten und Beauftragten der Regierung, die ihn auf seiner viertägigen Reise nach Rumänien und Mazedonien begleiten, nicht mehr loslassen. „Diese Armut macht jeden von uns betroffen“, sagt Breitner als er durch Bukarests Straßen geht, in denen die Roma wie in den meisten Balkanländern nur in gesellschaftlichen Nischen überleben können.

Anna-Maria und Alex könnten bald auch in einer Fußgängerzone in Kiel, Lübeck oder Flensburg sitzen. Seit ein paar Jahren kommen immer mehr Roma vom Balkan, weil sie sich eine bessere Zukunft in Deutschland erhoffen. Die Freizügigkeit macht es möglich. Finden die Roma aus den EU-Ländern in Schleswig-Holstein keine Arbeit müssen sie zurück in ihre Heimatländer – wenn sie erwischt werden. Doch dort bekommen sie kaum Jobs, oft fehlen ihnen sogar die nötigen Dokumente, um die geringe Sozialhilfe zu beantragen.

Matthäus Weiß weiß, wie die Menschen sich fühlen, denn sie klingeln in Kiel an seiner Tür. Weiß, der Breitner auf dem Balkan begleitet, ist selbst Sinti und Vorsitzender des Verbandes Sinti und Roma in Schleswig-Holstein. „Die Flüchtlinge wollen einfach nur überleben und nicht mehr auf Müllkippen und in den Straßen hausen, deswegen kommen sie zu uns“, sagt der 64-Jährige, dessen Familie die Nationalsozialisten fast komplett vernichtet haben. Manche Flüchtlinge versuchten, sich mit Betteln über Wasser zu halten, andere mit Schwarzarbeit oder einem kleinen Gewerbe. Die meisten würden von Schleppern mit Bussen nach Deutschland gebracht. „Papiere haben sie keine und niemanden, der ihnen hilft“, sagt Weiß.

Politiker aller Parteien haben sich in der Vergangenheit immer sehr schnell darauf verständigt, dass die Situation für die Roma in deren Heimatländern verbessert werden muss. „Aber die Regierungen tun zu wenig dafür – und die Europäische Union ist am Rande dessen was leistbar ist“, wird Breitner am Ende der Reise sagen – und fordern, dass die EU konsequenter darauf achten muss, dass die Minderheiten auf dem Balkan besser geschützt werden.

Dass dies schon längst passiert, hört Breitner von der rumänischen Arbeitsministerin Mariana Campeanu. „Wir haben über 600 Programme, um Roma in den Arbeitsmarkt zu integrieren“, sagt die Ministerin. Den Nutzen hält sie offenbar für begrenzt, denn das Problem liege bei denen, um die es geht. „Die schlechten Traditionen schaden den Roma.“ Und: „Für Roma ist Arbeit kein Wert“, sagt die Ministerin.

Matthäus Weiß entgleisen bei diesen Sätzen die Gesichtszüge, er hat Mühe, an sich zu halten. „Ich kenne diese Vorurteile und die Diskriminierung, die gibt es überall – seit über 700 Jahren“, sagt der 64-Jährige. Keine Regierung eines Balkanlandes sei willens, sich für die Belange der Roma einzusetzen. Was den Roma bleibt, ist der Rückzug auf die eigene Familie, der zentrale Zusammenhalt. Und ihnen bleibt ein Leben in Armut, auf dem Land leben die Menschen auf Müllkippen, selbst in der Stadt sehen die schleswig-holsteinischen Landespolitiker, wie ein Roma ein angebissenes Würstchen aus einem Mülleimer zieht und hineinbeißt.

Weil die Roma in ihren Ländern keine Perspektive haben, werden künftig immer mehr von ihnen nach Deutschland kommen. In großen Metropolen in Nordrhein-Westfalen und Berlin platzen die Unterkünfte aus allen Nähten. Und auch in Schleswig-Holstein wird Wohnraum knapp. Die Landespolitiker wirken manchmal ein bisschen ratlos, wie sie die Roma in ihren Ländern halten sollen.

Einer, der eine Idee dazu hat ist Gelu Duminica. Der 36-Jährige sitzt in seinem Büro der Agentur Impreuna in einem kargen Gebäude im Zentrum Bukarests und trinkt schwarzen Kaffee. Er versucht mit EU-Mitteln, den Roma in Rumänien eine Perspektive zu geben. Von der nationalen Regierung bekommt er keinen Cent. Nicht nur deswegen traut er den Behörden nicht. Die Zahl der Roma sei viel höher als die Ministerien sagen, meint Duminica. Er spricht von bis zu zwei Millionen, etwa ein Zehntel der rumänischen Bevölkerung. Die Regierung geht von nicht einmal einem Prozent aus.

Duminica weiß wovon er spricht, wenn er vom schweren Stand der Minderheit erzählt, die in Schleswig-Holstein seit Kurzem unter dem Schutz der Verfassung steht. Er ist selbst Roma – einer der den sozialen Aufstieg geschafft hat. Mit Projekten an Schulen will er die Kinder überzeugen, nicht den Weg auf die Straße zu suchen, in die Bettelei, in die Kriminalität. „Die Roma brauchen Selbstbewusstsein, eine eigene Identität“, sagt er. Von „kämpfen“ spricht er, davon, dass die Roma daran glauben müssten, dass sie es schaffen können, mit der Integration in eine Gesellschaft, die sie zum Großteil seit 700 Jahren nicht als gleichwertig akzeptieren will. Deshalb will Duminica an die „unsichtbaren Roma“ heran, die, die ihre Identität geheim halten, um nicht diskriminiert zu werden. „Wenn sie sich zeigen, wissen auch die Armen, dass sie langfristig eine Chance haben“, sagt Duminica, der mit einer Nicht-Roma verheiratet ist. „Wenn wir einmal Kinder haben, möchte ich, dass sie sehen, dass sich etwas verändert.“ Der Weg sei lang und schwer, aber Duminica sieht keine Alternative dazu. „Es bleibt uns nichts anderes, wir müssen immer zweimal so gut sein, wie die anderen.“

Dazu müssten sich auch die Roma-Familien öffnen. Die streng hierarchisch herrschenden Familienväter müssten davon überzeugt werden dass ihre Kinder größere Chancen auf Wohlstand haben, wenn sie eine Schule besuchen, dass ihre Töchter mehr Perspektiven bekommen, wenn sie nicht mit zwölf Jahren heiraten. „Roma denken oft nur von heute auf morgen, in ihrer Geschichte war das das einzige, was Sinn gemacht hat. Aber wenn wir so weitermachen, werden wir immer am Rand stehen.“

Matthäus Weiß nickt bei solchen Sätzen, denn er kennt das Problem auch aus Deutschland. „Auch hier sehen viele Familien nicht den Sinn darin, dass ihre Kinder lesen und schreiben lernen, weil sie nicht daran glauben, dass sie in der Gesellschaft eine realistische Chance haben.“

Dass die Roma nach Deutschland kommen, sieht er wie Gelu Duminica mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite sollen die Roma in ihren Heimatländern bleiben, um dort für ihre Rechte zu kämpfen und ein besseres Leben zu bekommen. Auf der anderen Seite bräuchten sie Hilfe, und die würden die nationalen Regierungen ihnen nur auf internationalen Druck hin gewähren. „Und deshalb ist es gut, wenn so viele arme Roma wie möglich bei Euch in Deutschland auftauchen, damit die Menschen mal das Problem sehen, dass es in Europa gibt“, sagt Duminica. Seine Hoffnung, dass die Roma genügend Unterstützung von anderen bekommen, ist jedoch sehr klein. „Das war noch nie so“, sagt Weiß. „Humanität kostet Geld“, sagt Breitner.

Also was hilft den Roma am ehesten? „Bildung“, sagt Gelu Duminica. „Bildung“, sagt Matthäus Weiß. „Bildung“, sagt Andreas Breitner.

Das Bild von Frauen wie Anna-Maria, die auf der Straße vegetiert, bekommt der deutsche Minister aus Rendsburg, der selbst drei kleine Kinder hat, nicht aus dem Kopf. Ob er glaubt, dass die Politik verhindern kann, dass Frauen wie Anna-Maria bald auch häufiger in schleswig-holsteinischen Fußgängerzonen sitzen? Breitner überlegt einen Moment und sagt dann: „Ich hoffe es.“

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