Untersuchung von Airbnb : Beliebteste Ziele deutscher Urlauber: Dithmarschen schlägt Ko Samui

Auf der Suche nach Entspannung kommt Barbara seit Jahren in die Alte Dorfschule. „Nach einem guten Frühstück und der Zeitungslektüre kann der Tag starten“, sagt sie.
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Auf der Suche nach Entspannung kommt Barbara seit Jahren in die Alte Dorfschule. „Nach einem guten Frühstück und der Zeitungslektüre kann der Tag starten“, sagt sie.

Eine Pension in Dithmarschen landete auf Platz Drei vor der Luxusinsel Ko Samui in Thailand.

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04. Juni 2017, 15:48 Uhr

Einfach mal abschalten, sich treiben lassen, ohne Stress, ohne Hektik – das klingt wohl für die meisten Menschen verlockend. Die Sehnsucht nach völliger Entspannung fernab vom Alltagsstress scheint in unserer Gesellschaft einen zentralen Platz einzunehmen. Das Online-Ferienportal Airbnb hat kürzlich die Wunschlisten aller deutschen Nutzer ausgewertet. Das Ergebnis ist verblüffend: Auf Platz Drei der beliebtesten Ziele weltweit landete – gleich nach einer privaten Insel in der Karibik und einem Strandhaus in Malibu – die Pension Alte Dorfschule im Kaiser-Wilhelm-Koog.

„Wer den absoluten Abstand vom Alltagsstress sucht, ist bei uns genau richtig!“ – mit diesem Slogan werben Rainer Kaun-Mikolajewicz und sein Mann Frank Mikolajewicz bei Airbnb für ihre Pension. Und es stimmt. Hier, im tiefsten Dithmarschen, hinter dem Deich, umgeben von Kartoffelackern und Windmühlen, wirkt das alte Backsteinhaus fast wie eine verwunschene Burg. Die Mauern sind von Efeu umrankt, im Garten blühen Rosen, neben der Eingangstür steht eine Holzbank, auf der es sich wunderbar sitzen und in der Sonne faulenzen lässt. In der Ferne hört man ein paar Schafe blöken. Ab und zu fährt mal ein Auto vorbei.

Der Charme vergangener Zeiten

Bis 1975 gingen die Kinder aus dem Koog hier zur Schule. Im Frühstücksraum steht noch ein altes Holzpult mit Schultasche und Schreibtafel darauf, an den Wänden hängen Schaubilder mit dem Alphabet. „Wir wollten den alten Charme der Schule erhalten“, sagt Rainer Kaun-Mikolajewicz. Über Monate hinweg haben er und sein Mann Frank die alten Räume renoviert und neu eingerichtet. An der Garderobe im Flur sind noch die Halterungen angeschraubt, auf denen der Lehrer früher seine Zigarre ablegen konnte. „In der Pause haben die Jungs dann immer heimlich daran gezogen“, weiß Kaun-Mikolajewicz, das hat ihm eine Dorfbewohnerin erzählt.

Kleine Pensionen und Ferienzimmer gibt es in Dithmarschen eine ganze Menge. Aber nicht alle laufen so gut wie die Alte Dorfschule. Wo also liegt das Geheimnis? „Ich glaube, es herrscht im Tourismus ein falsches Bild darüber, was die Gäste wollen“, ist der Hausherr sicher. „Der Fokus liegt nur auf der Konsumschiene, aber die Rolle des Gastgebers ist viel wichtiger.“

Lange hat er sich mit der Kultur des Gastgebens beschäftigt, bevor er und sein Mann ihren Traum verwirklichten und eine Pension auf dem Land eröffneten. Eines war ihnen sofort klar: Ums reine Geldverdienen sollte es nicht gehen. Stattdessen schafften sie ein Kleinod für Ruhesuchende und Naturliebhaber. Einen Ort, an dem sie keine Gäste, sondern Freunde empfangen.

Plattes Land und raues Wetter

Eine davon ist Barbara. Schon seit Jahren kommt sie zu Rainer und Frank in die Alte Dorfschule. Ihre Urlaube verbringt die 63-Jährige Lehrerin aus Braunschweig sonst überwiegend in Asien, fast jedes Jahr gönnt sie sich aber auch eine kleine Auszeit in Dithmarschen. Die Tage verbringt sie mit langen Spaziergängen am Deich, dem Korrigieren von Klassenarbeiten oder Radtouren, um die Gegend zu erkunden. Manchmal, sagt sie, entspannt sie aber auch einfach nur in einer der gemütlichen Sitzecken im Garten mit einem guten Buch.

Plattes Land, raues Wetter und mehr Schafe als Einwohner – wie ein spannendes Urlaubsziel sieht es hier auf den ersten Blick nicht aus. Doch für Barbara hat die Gegend genau das, was sie braucht: Gelassenheit. „Wenn ich mich richtig erholen will, komme ich hierher“, sagt sie.

Traumurlaub zum Schnäppchenpreis

Während die Traumziele auf der Reiseliste der Deutschen für die meisten unerschwinglich blieben, ist die Alte Dorfschule ein echtes Schnäppchen: 35 Euro kostet hier eine Nacht im Doppelzimmer, Frühstück inbegriffen. Die Privatinsel vor der Küste Belizes, die es auf den ersten Platz der beliebtesten Ziele geschafft hat, schlägt dagegen mit 576 Euro pro Nacht zu Buche. Für das Strandhaus in Malibu zahlt man um die 300 Euro. Bei der Belegung hingegen tun sich die drei Urlaubsdomizile nichts – sowohl die Strandunterkünfte als auch die Alte Dorfschule sind in der Hauptsaison oft Monate im Voraus ausgebucht.

Als sie das Haus, das 1880 gebaut wurde, samt großem Grundstück vor sechs Jahren kauften, waren Männer hier noch unerwünscht. „Das war eine Frauenpension“, erinnert sich Rainer Kaun-Mikolajewicz. Heute ist hier jeder willkommen – sogar Haustiere sind gern gesehen. Denn die Gastgeber haben nicht nur ein Herz für Menschen, sondern auch für Tiere. Außer Haushund Hexe leben auch Hühner, Schafe, Enten und Pferde hier.

Zur Alten Dorfschule gehören außer der Wohnung der Gastgeber noch eine 60 Quadratmeter große Ferienwohnung und elf Gästezimmer. Jedes davon hat das Paar nach der Renovierung des Hauses neu eingerichtet. Von der Stange ist hier nichts: antike Kommoden, Bauernschränke, ein alter Waschtisch oder handgemalte Bilder an den Wänden sorgen dafür, dass der Charme der ehemaligen Schule erhalten geblieben ist. Die meisten Stücke kauft Rainer Kaun-Mikolajewicz in Antikläden, auf Trödelmärkten oder im Internet. „Da findet man manchmal richtige Schätze“, weiß er.

Es gibt keine festen Frühstückszeiten, gegessen wird, wenn die Gäste aufstehen – zur Not auch mittags um zwölf. Jemand hat kein Fahrrad dabei? Kein Problem, in der Garage steht sicher noch eines herum. Ein lauschiger Grillabend im Garten? Klar, wie viele Würste dürfen es sein? Die Flexibilität ist Teil des Konzeptes, erklärt Kaun-Mikolajewicz: „Unsere Gäste können hier theoretisch alles haben, was sie wollen. Weil ich will, dass sie sich wohlfühlen. Und wenn einer gerne Schokocroissants zum Frühstück isst – ja dann besorgen wir eben welche.“

Auch einige prominente Gäste waren schon in der ehemaligen Schule zu Besuch, aber welche genau, darüber schweigt der Gastgeber lieber. „Die Leute kommen ja hier her, weil sie ihre Ruhe haben wollen und ganz entspannt Urlaub machen können“, weiß er. Einmal, daran erinnert er sich noch genau, kamen zwei Gäste im schicken Wagen und feiner Garderobe vorgefahren – und tauchten kurze Zeit später in Jogginghose und T-Shirt im Frühstücksraum auf. „Ich glaube, auch das ist eines der Dinge, die unsere Gäste so schätzen: Hier kann jeder so rumlaufen, wie er möchte.“

Die Unkompliziertheit ist ein Teil des Charmes, der die Menschen in der Region ausmacht – und in die sich auch die Mikolajewiczs sofort verliebten, als sie vor einigen Jahren aus Nordrhein-Westfalen in den hohen Norden zogen. „Man schert sich hier wenig um Äußerlichkeiten. Da sagt auch keiner was, wenn man in Gummistiefeln in der Bank auftaucht“, sagt Rainer Kaun-Mikolajewicz.

Das Prinzip des Gastgebens beruht für ihn vor allem auf Gegenseitigkeit. Allzu unfreundlichen Zeitgenossen habe er in Ausnahmefällen schon einmal die Tür gewiesen. „Es geht einfach um mehr, als um den Tausch Geld gegen Unterkunft. Und manche haben dafür kein Verständnis“, erklärt er. Wenn es nach seinen Gästen ginge, könnte er die Zahl der Zimmer verdoppeln – die Nachfrage wäre da. In Frage kommt das für ihn trotzdem nicht. „Dann hätte ich wahrscheinlich gar nicht mehr so viel Zeit für meine Gäste“, sagt er.

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