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Milchwirtschaft in SH : Bauern lassen ihre Kühe nicht mehr auf die Weiden

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nicht mal mehr die Hälfte der Weiden in SH wird aktiv genutzt. Warum immer mehr Landwirte ihr Milchvieh in den Ställen lassen.

Immer weniger Landwirte in SH halten ihre Kühe auf der Weide. Und eigentlich war es Tradition in weiten Teilen des Nordens: Mit Beginn des Frühjahrs kommen die Milchkühe ins Freie. Doch auch in der wärmeren Jahreszeit bleiben mehr und mehr saftige Grünlandflächen leer. Rinder draußen zu halten, wird unter den Landwirten zur Ausnahmeerscheinung – und sie zu sehen für Otto Normalbürger zur Rarität.

Bis die Realität in Deutschlands Milchviehhaltung zu den Verbrauchern durchgedrungen ist, wird es noch dauern. Schuld ist die Werbung. In Fernsehspots und auf Milchverpackungen wird den Konsumenten immernoch das Bild von friedlich grasenden Kühen auf grünen Wiesen vermittelt. Diese Haltungsweise rechnet sich für Landwirte jedoch nicht mehr.

„Allenfalls 40.000 Hektar werden in Schleswig-Holstein überhaupt noch beweidet“, schätzt Dr. Johannes Thaysen, Spezialist der Landwirtschaftskammer für Grünland und Futterbau. Das ist weniger als die Hälfte dessen, was seiner Einschätzung nach möglich wäre. Denn obwohl das Dauergrünland durch den lukrativen Maisanbau stark geschwunden ist, beziffert Thaysen die Fläche, die als Weide zur Verfügung stünde, auf zumindest noch 98.000 Hektar.

Dass so viel Potenzial für naturnahe Haltung brach liegt, erklärt der Experte mit mehreren Gründen. Übergeordnet: der Fokus der konventionellen Landwirtschaft auf Wachstum. Das lässt die Herdengrößen wachsen. „Und je mehr Tiere, desto mehr Aufwand, sie alle zwei- bis dreimal pro Tag zum Melkstand zu treiben und dann auf der Weide wieder zu verteilen“, schildert Thaysen. „Bei bis zu 100 Tieren ist das mit Arbeitskräften rein aus der Familie noch machbar, aber darüber wird es schwierig.“

Die meisten der schleswig-holsteinischen Kühe, 43 Prozent, werden in der Größenklasse 100 bis 200 Tiere gehalten. Allein in den letzten zwei Jahren nahm die Zahl dieser Betriebe um 86 auf 1286 zu. Die Gruppe der Höfe mit mehr als 200 Kühen hat sich im selben Zeitraum um 81 vergrößert. 14 Landwirte halten sogar schon über 500 Kühe – 2013 tat dies noch keiner. Von den etwa 400.000 Milchkühen zwischen Nord- und Ostsee, so beziffert es Thaysen, leben noch etwa 40.000 im Sommerhalbjahr in Weidehaltung.

„Betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten“ sprächen für die meisten Betriebe gegen die Weide. Als Hauptziel gelte, „die Leistung des Einzeltiers zu optimieren“. Und das geht umso besser, „je stärker das genetische Potenzial ausgenutzt wird“. Gemeint ist vor allem die Futteraufnahme und -verwertung. Die hat sich Dank Zuchterfolgen stetig gesteigert. 23 bis 27 Kilogramm Trockenmasse – also wasserfreie Substanz – kann eine Schwarzbunte der Standardrasse „Holstein Frisian“ heute von ihren körperlichen Anlagen her täglich aufnehmen. Aber nicht, wenn nur Gras zur Verfügung steht. Damit kommt ein Tier nach Thaysens Worten nicht über die Aufnahme von 18 Kilogramm Trockenmasse hinaus. „Es ist einfach begrenzt, was eine Kuh an Gras pro Tag schaffen kann, und dabei muss sie auch Pausen machen.“

Kühe werden zu schwer

Nur durch Kraftfutter könne ein Rind mehr Trockenmasse zu sich nehmen – und das am einfachsten im Stall. 50 Prozent Kraftfutter, 50 Prozent Gras und Silage laute deshalb dort in der Regel die Devise. Heraus kommen damit durchschnittlich 8500 Kilogramm Milch pro Jahr und Tier. Eine Kuh selbst bringt 600 bis 700 Kilogramm auf die Waage. Das sind laut Landwirtschaftskammer rund 150 Kilogramm mehr als vor 20 Jahren.

Nicht zuletzt das Gewicht erschwert buchstäblich den Aufenthalt auf der Weide. „Niedermoor hat einen hohen Anteil an den Grünlandflächen – das bedeutet eine geringe Tragfähigkeit“, erklärt Thaysen. Schwere Tiere sinken ein.

Der Agrarwissenschaftler betont, dass die Drinnen-Haltung von Milchvieh in Schleswig-Holstein „fast nur noch in Laufställen“ stattfinde. „Das bedeutet Bewegung, Luft und Licht und ist artgerecht.“ Trotzdem sieht er im ungleich größeren Auslauf im Freien Vorteile. Neben den Bewegungsmöglichkeiten selbst zum Beispiel weniger Klauenprobleme, eine bessere Versorgung mit Vitamin D, ein stabileres Immunsystem und eine höhere Fruchtbarkeit der Kühe.

Was dem Milchvieh gut tun würde

Agrar- und Umweltminister Robert Habeck (Grüne) hält Weidehaltung nicht allein „aus Gründen des Tierwohls für einen guten Weg“. Sie wirke auch dem Schwund der Artenvielfalt entgegen. „Grünland, auf dem geweidet wird, ist ein ganz anderer, vielfältigerer Lebensraum für Tiere und Pflanzen als eine Fläche, die nur zum Zweck der effizienten Futtergewinnung schon früh im Mai und danach noch mehrfach gemäht wird“, sagt Habeck. Gerade für Wiesenvögel gelte das, bei denen es seit Jahren enorme Rückgänge gebe.

Für Habeck zeigt die aktuelle Milchkrise, dass sich das System einer Produktion „heißgelaufen hat, wo Kühe immer stärker auf Hochleistung getrimmt werden“. Deshalb finanziert sein Ressort aus einem Innovationstopf der EU ein Projekt, das die Landwirtschaftskammer und Kieler Universität im Spätherbst aufs Gleis gesetzt haben. Es soll Appetit auf eine Wiederentdeckung der Weide machen. Zumindest 60 Landwirte zeigen bisher Interesse. Zu den Ideen zählt eine Handy-App, die in Verbindung mit Wettervorhersagen Bauern tagesaktuell über Zuwachsraten und Futterqualitäten bestimmter Flächen informiert.

Allerdings schränkt Thaysen ein: Ob sich eine Rückkehr zur Weide rechne, hänge stark von individuellen Gegebenheiten eines Betriebs und dessen Vermarktung ab. Auch sei klar: „Viele Landwirte haben sich finanziell und technisch langfristig an die Stallhaltung gebunden, etwa indem sie dort zur Optimierung in Futtermisch- und Futterverteilwagen investiert haben.“ Trotz seines Herzbluts für das Grasen im Freien zeigt er sich überzeugt: „Ein Massenphänomen Weide wird es nicht mehr geben.“

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erstellt am 01.Apr.2016 | 16:12 Uhr

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