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Teure Abi-Bälle : Ballkleid, Smoking, Stretch-Limousine

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Abi-Bälle in Schleswig-Holstein werden immer aufwendiger und pompöser – Ticket-Preise erreichen oft 35 Euro und sorgen für Diskussionen

shz.de von
erstellt am 05.Jul.2017 | 18:21 Uhr

„Abi-Lymp – auch Götter müssen gehen“: So lautet das Motto beim Abi-Ball der Klaus-Groth-Schule aus Neumünster am bevorstehenden Sonnabend. „Man kann dekorativ gut damit arbeiten, es wird gold- und glitzermäßig werden“, begründet Annika Cichon aus dem Organisations-Komitee die Anklänge an den Olymp altgriechischer Sagen. Damit liegt die Sause in den Holstenhallen voll im Trend der schulischen Abschlussfeiern landauf, landab: „Es geht um immer mehr, immer aufwändiger, immer pompöser“, beobachtet der Vorsitzende der Gymnasiallehrer, Helmut Siegmon vom Philologenverband.

Steigende Ticketpreise bei Abi-Karten führen auch dazu, dass sich manch einer solch eine Feier nicht mehr leisten kann.

Entsprechend tief müssen Eltern für sich selbst und ihre Sprösslinge dafür in die Tasche greifen: Im Durchschnitt 32,50 Euro pro Person hat der Ticket-Preis inzwischen erreicht, in der Regel ohne Getränke. Das zeigt eine stichprobenartige Umfrage, die die Landesschülervertretung zur Unterstützung von Recherchen unserer Zeitung unter 44 Schulen gemacht hat. Darunter befanden sich 21 berufsbildende Gymnasien, 15 klassische Gymnasien und acht Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe.

Die Feier der Klaus-Groth-Schule liegt mit 35 Euro noch darüber, inklusive mediterranem Buffet und DJ. Einen Etat von rund 6000 Euro galt es für die kaum erwachsenen Schüler bei der Kalkulation zu stemmen, schildert Mit-Organisatorin Cichon – ohne Gema-Gebühren für den DJ, die noch obendrauf kommen. „Am Anfang hatten wir etwas Angst, dass wir das Geld nicht zusammenkriegen“, sagt die Neumünsteranerin. Neben dem Verkaufserlös der Karten spielen an ihrer Schule wie anderswo Benefiz-Aktionen im Vorfeld eine wichtige Rolle. „Ein ganzes Jahr im voraus ist das üblich“, schildert die Landesschülersprecherin der Gymnasien, Kira Kock. Ob bei „Bunten Abenden“, Ultra-Kurz-Partys in der Pause oder richtigen abendlichen Feten – oft werden Kuchen oder Getränke verkauft und der Erlös in die Ball-Kasse gesteckt. Sonst wäre der Eintritt noch teurer.

Kein Abi-Ball mehr, der simpel ist

Der ohnehin nur einen Teil der Kosten für die Krönung von zwölf bis 13 Jahren Schule ausmachen: Ein klassisches Ballkleid oder ein solider Anzug sind inzwischen Standard. 15 Prozent der Jungs trügen sogar Smoking, schätzt Henning Jürgensen, Geschäftsführer beim Spezialisten „Laue Festgarderobe“ in Tellingstedt. Kaum mehr ein Mädchen trägt die Haare noch so wie im Alltag. „Viele haben vor dem Ball tagsüber noch eigens einen Friseur-Termin“, weiß Klaus-Groth-Schülerin Annika Cichon. „Es soll ja schon gern den ganzen Abend halten“, sagt sie über die kunstvollen Kreationen, die dabei hochgesteckt oder anderweitig geformt werden. „Es gibt nirgendwo mehr einen Abi-Ball, der simpel ist“, erzählt die Neumünsteranerin.

Wegen der zeitintensiven Friseur- und Kosmetiktermine hat sich nicht nur die Rendsburger Herderschule von der Tradition verabschiedet, die Übergabe des Abschlusszeugnisses und den Abi-Ball auf ein- und denselben Tag zu legen, sagt Oberstufenleiterin Dagmar Weise. „Nach der Zeugnis-Übergabe gibt es einen Empfang. Früher hat man da noch lange zusammen gestanden und sich unterhalten, aber die Mädchen sind wegen all der Vorbereitungen für den Ball am Abend zusehends kürzer geblieben“, schildert Weise.

Jetzt liegt eine ganze Woche zwischen beiden Terminen. Auch, als beides noch am selben Datum stattfand: Unterschiedliche Kleider für beide Anlässe seien inzwischen normal, berichtet die Oberstufen-Chefin. „Der Trend zum Luxus ist da.“ Die Verteuerung der Ballkarten sieht sie „deutlich über der allgemeinen Inflations-Höhe“. Um die 20 Euro hat Weise von vor zehn Jahren in Erinnerung. „Die 35 Euro heute sind schon eine Ansage“, findet sie. „Wenn noch ein Bruder oder eine Schwester mitkommt, ist eine Familie inklusive Getränken schnell bei 200 bis 250 Euro.“ Die Rendsburgerin ist nicht die einzige, die verrät, dass es darüber intern zu Diskussionen komme. Aber: „Diejenigen, die sich das eigentlich wirklich nicht leisten können, sagen das nie – obwohl es da sicherlich auch Möglichkeiten zur finanziellen Unterstützung über den Förderkreis der Schule gäbe.“

Auch nicht jeder Lehrer, zumal wenn er Alleinverdiener ist und selbst mehrere Kinder hat, mag sich einen Besuch der Bälle leisten, weiß Philologenverbands-Vorsitzender Siegmon. Selbst unabhängig von den Kosten: „Ich persönlich wünsche mir mehr Bescheidenheit“, gibt Siegmon zu verstehen. „Für mich wäre es ein Zeichen von Reife, wenn man den Vorgänger-Jahrgang mal nicht noch übertreffen möchte.“ Seit anderthalb Jahrzehnten nimmt Siegmon insbesondere bei der Garderobe den Hang zur Extravaganz wahr. Langzeit-Beobachtern wie ihm fällt das besonders auf, denn: Er erinnert sich noch „an Zeiten, als man sich das Abi-Zeugnis zuschicken ließ und sich jedem festlichen Rahmen verweigert hat.“ Was der Philologe auch nicht gut fand.

Einig ist sich Siegmon mit dem Landesschülersprecher der berufsbildenden Gymnasien, Martin Rümmelein, dass der wachsende Abi-Pomp mit amerikanischen Einflüssen zu tun hat. „In US-Kinofilmen sehen die Leute die noch viel üppigeren Highschool-Abschlussbälle“, gibt Rümmelein zu bedenken. „Oder haben sie sogar persönlich erlebt, denn ein Austauschjahr in den USA ist ja nichts völlig Exotisches mehr.“

Mit der Stretch-Limo vorgefahren

Rümmelein hat auch eins absolviert und dabei auch als Gast an einer solchen Abschluss-Fete in einem noblen Country-Club teilgenommen. Er hat selbst gerade Abi gemacht und den Ball für seinen Jahrgang mitorganisiert. Mitentscheidend für die Wahl eines Flensburger Veranstaltungszentrums, das vor allem als Bowling-Arena bekannt ist: die dortige Klimaanlage. „Ohne ist das nicht unbedingt so toll, wenn jemand im Smoking kommt“, sagt Rümmelein. Von Teilnehmerinnen weiß er, dass sie „nicht selten“ um die 300 Euro ins Outfit für den Abend investieren. Der Landesschülersprecher war in den letzten Jahren schon bei Abi-Bällen dabei, bei denen ein Teil der Besucher in einer Stretch-Limousine vorgefahren sind.

„Sicher sind hohe Eintrittspreise von bis zu 35 Euro für finanziell schlecht gestellte Familien schwer zu stemmen“, gibt Rümmelein zu. Dennoch findet er die Preise „verhältnismäßig“. Buffet, Blumenschmuck, eine Tanzgruppe, ein DJ aus Hamburg bis 5 Uhr morgens, Security-Personal zählt der Flensburger die Gegenleistungen auf. „Es macht auch einfach Spaß, um die Abi-Feiern ein großes Trara zu machen“, sagt die Neumünsteraner Abi-Ball-Mitorganisatorin Annika Cichon. Außerdem: „Ein Abitur ist doch keine Kleinigkeit, da geht es auch darum, sich zu belohnen.“ Aus Sicht von Kira Kock, der Landesschülersprecherin der regulären Gymnasien, hat der Hang zum Pompösen „eher etwas mit dem Wettbewerb zwischen den Schulen zu tun als mit Hang zum Luxus“. Obendrein sieht sie eine gewisse Logik im vielen Aufwand: „Die Fotos vom Schulabschluss werden doch wohl immerhin auf ewig zu Hause eingerahmt.“

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