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Nächster Herbststurm am Wochenende : Bahn und Bäume: Das Problem mit dem Rückschnitt an den Gleisen

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Umgestürzte Bäume behindern immer wieder den Bahnverkehr. Woran liegt das? Und wie könnte das Problem behoben werden?

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erstellt am 27.Okt.2017 | 15:46 Uhr

Rund drei Wochen nach Sturmtief „Xavier“, das im Norden ein Todesopfer forderte, soll am Wochenende der nächste Herbststurm über Schleswig-Holstein fegen. Auf einem schmalen Streifen von der Nordsee bis zu den sächsischen und bayerischen Bergländern werden unwetterartige Sturmböen erwartet. Heißt: Winde ziehen mit mehr als 120 Stundenkilometern übers Land. Sie besitzen genügend Kraft, um Bäume umzureißen. Leidtragende könnten vor allem wieder Bahnreisende sein, die wegen umgestürzter Bäume wohl erhebliche Beeinträchtigungen in Kauf nehmen müssen. Muss das sein?

„Nein“, sagt der Fahrgastverband Pro Bahn und fordert in einer Pressemitteilung neue Vorsorgemaßnahmen. So müsse an einem runden Tisch besprochen werden, „wie weit man durch vorsorgliches Beschneiden, Stutzen und Fällen von Bäumen und Sträuchern weitgehend vermeiden kann, dass umgeworfene Bäume oder abgerissene Äste die Schienen blockieren und/oder die Oberleitung und Signale zerstören.“

Was ist das Problem mit den Bäumen an den Schienen?

Zu Zeiten der Dampfloks musste entlang der Schiene wegen der Gefahr des Funkenflugs noch ein zehn Meter breiter Streifen freigehalten werden. Durch die Elektrifizierung ist der Abstand allerdings geschrumpft: auf sechs Meter. Bei Bäumen, die höher sind, kann dies allerdings zum Problem werden, wenn sie umstürzen und auf die Gleise fallen. Das war bei Stürmen in der Vergangenheit der Fall.

In Schleswig-Holstein sind einige Strecken häufig betroffen:

  • Hamburg-Flensburg, besonders am Abschnitt Treenetal und bei Neumünster,
  • zwischen Lübeck und Kiel in der Holsteinischen Schweiz,
  • bei Elmshorn ,
  • Waldgebiete wie etwa der Sachsenwald im Kreis Herzogtum-Lauenburg.

Um den Problem Herr zu werden, fährt die DB Netz, die zuständig für die Pflege der Vegetation an den Schienen ist, seit etwa zehn Jahren ein Präventionsprogramm. So werde die Vegetation rechts und links der Gleise auf mindestens sechs Meter zurückgeschnitten, es gebe eine regelmäßige Inspektion an den Strecken, teilt Bahnsprecherin Angelika Theidig in Hamburg mit. Für Neupflanzungen würden lediglich standsichere (tiefwurzelnde) Baumarten wie Eiche oder Blutahorn eingesetzt. Investiert wurde ein knapp dreistelliger Millionenbetrag für das Programm.

Trotzdem fallen weiterhin Bäume auf die Gleise. Zu verhindern, versucht die Bahn die Umstürze durch ein „erweitertes Vegetationsprogramm". Wo häufig Bäume umstürzten, sei unter Beachtung des Natur- und Umweltschutzes der Rückschnitt ausgedehnt worden, sagt Theidig. Das bedeutet: Bäume würden entsprechend ihrer Höhe und Entfernung zum Gleis und damit auch über die sechs Meter Mindestabstand hinaus beseitigt. Bei der Bahn heißt diese Methode V-Schnitt.

Wie funktioniert der V-Schnitt?

Die Flächen entlang der Gleise teilt die Deutsche Bahn in eine sogenannte Rückschnitts- und Stabilisierungszone ein. Bäume und Pflanzen, die in der Rückschnittszone wachsen, werden in der Regel einmal im Jahr zurückgeschnitten. Hier besteht ein besonderes Sicherheitsrisiko für den Bahnbetrieb – Signale und Oberleitungen dürfen nicht zuwachsen. Im Bereich der Stabilisierungszone wird regelmäßig die Standsicherheit der Bäume überprüft und nur eingegriffen, wenn Bäume zum Beispiel umsturzgefährdet sind. Schwierig wird dies allerdings, wenn sich die Bäume auf Privatgelände befinden.

 

Pro Bahn gehen die Maßnahmen nicht weit genug. Die Probleme der umstürzenden Bäume und die Auswirkungen seien zu groß geworden, sagt Karl-Peter Naumann. Es müsse umgedacht werden. Zurück zum W-Schnitt. Dabei würden mit einem Abstand von etwa drei bis vier Metern zur Schiene niedrig wachsende Bäume und Büsche gepflanzt. Dahinter stünden höhere Bäume, die beim Umfallen abgefangen werden könnten. Überdies sei der Schnitt ökologisch verträglich, man tue etwas Gutes für die Umwelt, „gerade für Insekten“, sagt Naumann. Ob diese Methode für die Bahn eine Alternative wäre, beantwortet Sprecherin Angelika Theidig auf Nachfrage nicht.

Schwierige Abstimmung von Deutscher Bahn und Behörden

Für die Arbeiten der DB Netz an der Vegetation sind sowohl mit privaten Anliegern als auch den zuständigen Umweltbehörden intensive Abstimmungen nötig. Die Bahn sei auf die Zustimmung aller Beteiligten angewiesen, sagt Theidig. Doch bei dieser Abstimmung kommt es offenbar hin und wieder zu Verzögerungen. „Mal kommt ein Antrag zu spät, dann arbeitet eine Genehmigungsbehörde zu langsam“, klagt Pro-Bahn-Sprecher Naumann. Dann könne es für das Fällen eines umsturzgefährdeten Baumes schon zu spät sein, weil wieder Frühjahr ist. Während der Brut- und Setzzeit darf dann gar nicht mehr zurückgeschnitten werden.

Der BUND Schleswig-Holstein sieht sich bei dem Thema in einem gewissen Dilemma zwischen dem Naturschutz und dem Interesse an einem störungsfreien ÖPNV. „Damit Passagiere pünktlich und sicher an ihr Ziel kommen, sollte man die Abstände von Bäumen zu Bahngleisen überprüfen – gerade auch vor dem Hintergrund, dass der Klimawandel möglicherweise mehr Stürme mit sich bringen könnte“, sagt BUND-Sprecher Tobias Langguth. „Aus Naturschutzsicht bleiben Bäume und Hecken entlang von Bahngleisen andererseits auch wichtig“, betont der Umwelt-Experte.

Ähnlich wie Knicks stellte dieses Grün Verbindungen in der Landschaft her, mit deren Hilfe sich Tier- und Pflanzenarten ausbreiten könnten. An einer derartigen Vernetzung fehle es ansonsten vielfach in der Fläche. Wichtig ist Langguth, dass dicht an Bahntrassen stehende Bäume im Fall einer Entfernung dadurch kompensiert würden, dass es Neuanpflanzungen in möglichst großer Nähe gibt.

Das Regionalbahnunternehmen Metronom, das auf Strecken in Hamburg, Niedersachsen und Bremen verkehrt, fordert mehr Anstrengungen zum Freihalten der Strecken von umstürzenden Bäumen: „Aktuell kann die Deutsche Bahn den notwendigen Grünschnitt teilweise aber gar nicht vornehmen, weil Umweltauflagen das Fällen von Bäumen verbieten“, sagt Metronomsprecher Björn Pamperin. Karl-Peter Naumann meint: „Es kann auch sein, dass aus Naturschutzgründen Bäume stehen bleiben, die umstürzen und die Leute wieder ins Auto treiben."

Beim Sturm am Wochenende könnte aber genau das wieder der Fall sein. Auch wenn die Deutsche Bahn verspricht, sich auf die Situation durch zusätzliches Personal in den Leitstellen, Reparaturtrupps an entsprechenden Standorten sowie mobile Einsatztrupps mit Kettensägen vorbereitet zu haben. Zugverspätungen wegen umstürzender Bäume können sie aber nicht verhindern.

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