Von Friedrichstadt nach Sylt : Bahn-Pendler: Geschichten aus dem „Ferkeltaxi“

Bahn? „Nein, danke“, sagt häufiger Holger Kling und fährt nicht mal mehr mit seinem Dudelsack zu Proben von Friedrichstadt nach Hamburg.
Bahn? „Nein, danke“, sagt häufiger Holger Kling und fährt nicht mal mehr mit seinem Dudelsack zu Proben von Friedrichstadt nach Hamburg.

Von Friedrichstadt nach Sylt – Holger Kling ist einer von täglich 4000 Pendlern, die von der Bahn die Nase gestrichen voll haben.

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24. März 2017, 14:22 Uhr

Friedrichstadt | Mit verkniffenem Mund schaut Holger Kling auf den Zug, der gerade im Bahnhof von Friedrichstadt (Kreis Nordfriesland) einfährt. „Man weiß nie was einen erwartet, aber meistens ist es nichts Gutes. Mir reicht es“, sagt der 53-Jährige. Und: „Die Bahn schadet Pendlern, Touristen – der ganzen Region. Wenn ich könnte, wäre ich schon längst aufs Auto umgestiegen.“ Selbst über einen Umzug hat Kling schon nachgedacht – „vertrieben von der Bahn wäre ich dann. Und ich glaube, dass andere Pendler auch so denken“.

Kling ist einer von vielen, denen es stinkt, was sie bei der Bahn auf der Strecke Hamburg-Westerland erleben, seit die Nord-Ostsee-Bahn (NOB) die Strecke nicht mehr betreibt.

Weil die Waggons der Nord-Ostsee-Bahn (NOB) seit Monaten defekt sind, und die Deutsche Bahn deswegen zum Teil Jahrzehnte alte Züge einsetzt, laufen die Pendler Sturm. Erst am Mittwochabend brachte ein Bahn-Gipfel in Niebüll keinen Durchbruch. Bis Anfang April werde es noch dauern, bis ein Gutachten fertig gestellt ist, das zeigen soll, ob und wenn ja wie viele der beschädigten Waggons bald wieder auf der Strecke fahren können, heißt es aus dem Verkehrsministerium in Kiel.

Für Holger Kling ist das kein Trost. Wo er kann, vermeidet er das Fahren mit der Bahn, deren Züge er „Ferkeltaxi“ nennt. „Ich kann zum Glück viel von zu Hause aus arbeiten“, sagt der Systemadministrator. Früher sei er gern zweimal die Woche zur Arbeit nach Hamburg gependelt, jetzt fährt er nur noch einmal. Privat verzichtet er fast ganz darauf, die Übungsabende seiner Pipe-Band, in der er Dudelsack spielt, hat er nicht mehr besucht seit die alten Waggons der Bahn fahren. „Die meisten Toiletten sind defekt, ich kann nie sicher sein, dass ich auch mal aufs Klo kann“, sagt Kling. Früher habe er gern während der Fahrt Kaffee getrunken, das vermeide er jetzt.

Kling muss täglich Medikamente nehmen, wegen der Luft ist er vor zehn Jahren extra nach Friedrichstadt gezogen. Kling hat eine chronische Atemwegserkrankung, je feuchter die Luft desto besser für ihn. „Je älter ich werde desto nötiger ist die für mich.“ Er wäre nie auf die Idee gekommen aus Friedrichstadt wegzuziehen – bis die Bahn kam. „Die Züge sind dreckig, die Fahrpläne werden nicht eingehalten. Einmal ist das Licht in einem Wagen ausgefallen, ein anderes Mal waren alle Türen an einer Seite defekt, so dass ich kaum in den Zug gekommen bin.“ Weil Kling aber aufgrund der Spätfolgen seiner Krankheit keinen Führerschein hat, ist er auf Gedeih und Verderb auf die Bahn angewiesen. „Und die lässt mich im Stich.“

Auf mehreren Seiten hat er aufgelistet, was ihm stinkt – und einen Brief an das Verkehrsministerium geschrieben. Bislang ohne Antwort. Dass die Zustände auf der Strecke nicht zufriedenstellend sind, erfährt man auch regelmäßig aus Kiel, und auch die Bahn gibt Probleme zu. „Bei der Reinigung haben wir ordentlich nachgebessert. Funktionierende Züge sind die Basics, wenn da etwas nicht geht, geht das gar nicht“, sagt Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis. Die Situation hat sich seiner Meinung schon verbessert – vor allem bei der Pünktlichkeit: „Wir sind in 96 Prozent aller Fälle pünktlich, die Ausfallquote liegt bei einem Prozent.“ Mit den alten Zügen sei man selbst nicht zufrieden, „wir bekommen aber europaweit keine anderen“, so der Bahnsprecher. In die wegen der verschiedenen Bauarten aufwändige Instandhaltung investiere der Konzern „irres Geld“. Ob es Einbrüche bei den Fahrgastzahlen gegeben habe, könne er nicht sagen. „Die NOB gibt uns leider keine Auskünfte, wie viele Passagiere sie früher transportiert hat.“

Kling trauert der NOB hinterher, aber die kommt nicht wieder. „Ich muss das jetzt wohl durchstehen bis die Waggons repariert sind – auch wenn das noch Monate dauern sollte“, sagt er und schaut wieder etwas verkniffener in den strahlenden Himmel über Friedrichstadt. Den Ort wird er immer seltener verlassen, auch nicht am nächsten Tag, wenn seine Band wieder Übungsabend hat. Kling schaut auf den abfahrenden Zug und sagt: „Da mitzufahren habe ich einfach keine Lust.“

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