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Tragisches Flüchtlingsschicksal vor Gericht : Babyleiche im Papierkorb - Verzweifelte Mutter bestreitet Kindstötung

vom
Aus der Onlineredaktion

Die aus Eritrea stammende Frau soll auf der Flucht vergewaltigt und dadurch schwanger geworden sein.

shz.de von
erstellt am 06.Sep.2017 | 13:27 Uhr

Kiel | Mit erschütternden Details und einer weinenden Angeklagten hat am Mittwoch vor dem Kieler Landgericht der Prozess um ein totes Baby begonnen. Vor zwei Jahren war die Babyleiche im Papierkorb einer Bushaltestelle an der B432 in Sülfeld im Kreis Bad Segeberg gefunden worden. Die 23-jährige Mutter ist wegen Totschlags angeklagt. Sie soll das Mädchen getötet haben, um es nicht großziehen zu müssen. Das Mädchen wurde vermutlich erstickt.

Die aus Eritrea stammende Frau kam im Juni 2015 bereits schwanger nach Deutschland. Sie soll auf der Flucht in einem libyschen Flüchtlingslager vergewaltigt worden sein. Die junge Frau aus Eritrea wird von Weinkrämpfen geschüttelt, als sie in den Gerichtssaal geführt wird - minutenlang Kameras und Blitzlichtgewitter ausgesetzt. Den Tränenfluss kann auch die beruhigende Umarmung ihrer Verteidigerin zunächst nicht stoppen. Vor Gericht verordnete ein Gutachter der verzweifelten Frau ein Glas Wasser mit einer Tablette.

Oktober 2015: An  dieser Bushaltestelle in Sülfeld (Kreis Segeberg) lag das Baby.

Oktober 2015: An  dieser Bushaltestelle in Sülfeld (Kreis Segeberg) lag das Baby.

Foto: TV News Kontor
 

Laut Anklage geschah das Verbrechen zwischen dem 10. und 13. Oktober 2015. Spätestens seit August 2015 habe die Frau gewusst, schwanger zu sein. Die Angeklagte sagte laut Staatsanwaltschaft aus, das Kind sei Folge der Vergewaltigung. Deshalb habe sie die Schwangerschaft verschwiegen. Das Kind sei gesund zur Welt gekommen. Der Entschluss, es zu töten, sei spätestens nach der Geburt gefallen. Die Mutter habe dem Kind Mund und Nase mit Kleidung verdeckt und es so erstickt und die Leiche in einer Einkaufstüte am Straßenrand abgelegt. Eine andere Frau soll später die Tüte zum Papierkorb einer Bushaltestelle gebracht und dort abgelegt haben. Sie sah demnach nicht hinein. Fahrgäste machten die grausige Entdeckung. Laut Anklage kam das Kind gesund und voll entwickelt zur Welt - nach dem Gutachten der Kieler Rechtsmedizin lebte das Mädchen, dass von Anwohnern aus Sülfeld den Namen Teresa erhielt, maximal 30 Minuten.

Die Mutter des Kindes schluchzt zu Prozessbeginn immer wieder auf, als sie nach den Umständen ihrer Flucht aus Eritrea und der Schwangerschaft befragt wird. Demnach floh sie über den Sudan und Libyen zusammen mit anderen Frauen, wurde unterwegs gefangen und in der libyschen Wüste festgehalten und immer wieder vergewaltigt, wie sie unter Tränen berichtet. Mehrfach sei Lösegeld für sie gefordert worden, sagt sie. Es sei über israelische Kontakte bezahlt worden.

Schließlich sei sie mit Hilfe von Schleusern in einem kleinen Boot über Italien nach Deutschland gekommen - zunächst nach München, dann nach Schleswig-Holstein, wo sie Asyl beantragte. Über den Antrag ist ihr zufolge noch nicht entschieden.

An ihrer Schwangerschaft habe sie immer wieder wieder gezweifelt, sagt die junge Frau zu Beginn ihrer Aussage. Im August, so berichtet sie während ihrer Vernehmung erst auf wiederholtes Nachfragen, habe sie Bewegungen des Kindes im Bauch gespürt. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass sie ihr Kind wegen der Vergewaltigungen ablehnte und die Schwangerschaft deshalb verschwieg. Zur Geburt äußert sich die junge Frau vor Gericht nur knapp. Auf einer Busfahrt von Hamburg nach Bad Segeberg sei ihr übel geworden, dann sei sie mehrere Stunden bewusstlos gewesen. Als sie aufwachte, sei ihr Blut an ihrer Kleidung aufgefallen.

Anders als vor der Polizei und gegenüber dem Gutachter bestreitet sie dabei überraschend, die Geburt und ihr Kind überhaupt wahrgenommen und erst recht, den Säugling getötet zu haben. Das könne sie nie tun, sagt sie, auch die Einkaufstüte, in der das Baby gefunden wurde, kenne sie nicht und habe sie nie besessen. Der Dolmetscher habe sie damals bei den Aussagen vielleicht falsch verstanden. 

Über ein Jahr fahndete die Polizei nach der Mutter des Kindes, wie ein Ermittler vor Gericht schildert. Dann standen die Beamten im Dezember 2016 in ihrem Deutschunterricht plötzlich in der Tür und nahmen sie mit. Eine Speichelprobe samt DNA-Abgleich hätten zu ihr geführt, schildert der Beamte. Ein Forensiker bestätigt, der Abgleich der DNA von Blut aus der Abfalltonne mit der der Angeklagten habe praktisch erwiesen, dass sie die Mutter sei.

Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt. Dann soll auch eine Schwester der Angeklagten aussagen. Das Urteil wird am 4. Oktober erwartet.

(mit dpa)

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