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Gegen Vorurteile : Babyglück trotz Down-Syndrom

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Sie wollen kein Mitleid, denn sie sind glücklich. Am Welt-Down-Syndrom-Tag räumen zwei Mütter mit Vorurteilen auf: "Unsere Kinder leiden nicht unter der Behinderung."

shz.de von
erstellt am 21.Mär.2010 | 06:50 Uhr

Bargum | Seine Augen verraten sofort, dass Haye Untied (2) anders ist. Wach und neugierig lugen sie unter seinem blonden Haarschopf hervor, in einem intensiven Blau-Grau. Soweit nicht ungewöhnlich für einen Jungen seines Alters. Wäre da nicht die Form: Sie erinnert an zwei schmale Mandeln.

Dass ihr Baby das Down-Syndrom hat, traf Andrea Untied (42) aus Bargum (Nordfriesland) völlig unvorbereitet. "Ich habe es ihm bei seiner Geburt nicht angesehen." Die Ärzte hätten schließlich zu einer Chromosomenanalyse geraten. "Das Ergebnis traf uns wie ein Schlag." Wie viele andere Mütter hatte auch Untied sich während ihrer Schwangerschaft nicht mit einer möglichen Behinderung ihres Kindes auseinandergesetzt. "Ich dachte, mir passiert das nicht."

Ob sie sich oft fragt, warum es gerade sie getroffen hat? "Natürlich habe ich Phasen, in denen ich noch traurig bin. Aber ich möchte Haye gegen kein Kind der Welt eintauschen." Und diese Einstellung möchte Andrea Untied am heutigen Welt-Down-Syndrom-Tag weitertragen. "Auch ich hatte dieses Schreckgespenst Down-Syndrom im Kopf und dachte, wir haben jetzt ein dummes, sabberndes Kind zu Hause. Aber so ist es nicht", sagt sie und bläst für ihren Sohn ein paar Seifenblasen in die Luft. Der schaut mit großen Augen auf die schwebenden Kugeln und schüttet sich dann aus vor Lachen. Was für Mütter nichtbehinderter Kinder oft selbstverständlich ist, nimmt Andrea Untied ganz bewusst wahr. Für die Familie waren es Glücksmomente, als Haye das erste Mal lachte, krabbelte, einen Laut von sich gab. "Man freut sich über viele kleine Sachen, das ist toll", so Untied.
"Man muss mehr Geduld mit ihm haben"
Sie verhehlt aber nicht, dass Kinder mit Down-Syndrom besondere Aufmerksamkeit brauchen und anfälliger sind für Krankheiten. Haye ist oft erkältet, muss wegen seiner Muskelschwäche zur Krankengymnastik. Auch ein Termin beim Logopäden steht regelmäßig auf dem Programm. Trotzdem besteht Untied darauf, dass ihr Sohn nicht an einer "Krankheit leidet". "Im Gegenteil: Er ist ein fröhliches Kind. Man muss nur mehr Geduld mit ihm haben als mit anderen. Und ihn mehr fördern."

Seitdem Haye ein Säugling ist, bekommt die Familie einmal in der Woche Besuch von Katja Nissen. Die 44-Jährige ist Heilpädagogin bei der Frühförderung Husum. Sie hilft Eltern zunächst, die Diagnose Down-Syndrom bei ihren Kindern zu verarbeiten und schließlich mit ihr zu leben. Heute hat sie Haye eine Wanne voll Bohnen mitgebracht. Mit Nissens Hilfe füllt der blonde Junge Förmchen und schüttet sie wieder aus. Spielerisch werden so seine feinmotorischen Fähigkeiten geschult. "Letztendlich machen Kinder mit Down-Syndrom die gleiche Entwicklung durch wie alle Kinder. Es dauert aber länger, das macht Eltern oft traurig", sagt Nissen.

So kann Haye mit zwei Jahren noch nicht allein laufen. Seine Sprache beschränkt sich auf unverständliche Laute, weshalb die Untieds ihm die GuK-Sprache (Gebärden-unterstützte Kommunikation) beigebracht haben. Wenn Haye etwas essen möchte, führt er seine Hand zum Mund. Will er mit seiner Freundin Merle spielen, bewegt er seine Finger schnell hin und her.
Auch den Sprung ins Berufsleben schaffen viele Kinder mit Down-Syndrom
Das kleine Mädchen mit den geröteten Wangen hat auch das Down-Syndrom, ist ein Jahr älter als Haye und ihm immer einen Schritt voraus. Laufen kann Merle schon. Und vor ein paar Tagen sagte sie zum ersten Mal: "Hallo Mama." Ihre Mutter Bianca Brodersen macht das stolz. Als sie Merle nach ihrer Geburt zum ersten Mal sah, wusste die 39-Jährige sofort, dass sie gerade ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt gebracht hatte. "Ich sah in ihre mandelförmigen Augen und dachte O nein, dieses Kind wird nie Freunde haben." Doch sie habe es sofort so geliebt wie ihre anderen beiden Kinder. Heute spielt Merle auch mit nichtbehinderten Kindern, ab August wird sie einen normalen Kindergarten besuchen, später auf eine allgemeine Schule gehen.

Im Landesschulgesetz ist vorgesehen, dass behinderte Kinder so weit wie möglich ins Schulsystem integriert und nicht automatisch in Förderzentren beschult werden. Nach Angaben des Bildungsministeriums geht bereits die Hälfte der behinderten Kinder in Schleswig-Holstein auf allgemeine Schulen. Die Integration geistig behinderter Kinder ist noch nicht so weit fortgeschritten: Sie liegt bei zehn Prozent. Die Entscheidung, auf welche Schule die Kinder gehen, liegt bei den Eltern.

Kinder mit Down-Syndrom sind durchaus in der Lage, Schreiben und Rechnen zu lernen, anschließend sogar den Sprung ins Berufsleben zu schaffen. Für Haye und Merle ist das Zukunftsmusik. Ihren Eltern gehen diese Szenarien aber bereits jetzt durch den Kopf. Die Mütter machen sich gegenseitig Mut. "Ich habe letztens ein achtjähriges Mädchen mit Down-Syndrom kennengelernt, das schon sehr gut lesen und schreiben kann", sagt Untied mit leuchtenden Augen. Auch Brodersen ist überzeugt, dass ihre Tochter sehr viel lernen kann. Ein besonderes Talent hat sie schon jetzt bei Merle erkannt: "Sie ist ein sehr liebenswertes Kind, dem man nicht lange böse sein kann. Und wenn ich einen schlechten Tag habe, merkt sie das sofort. Sie schlingt dann die Arme um mich und tröstet mich. Das tut so gut."

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