Studie zur Kriminalität : Ausländer in SH sind häufiger unter Tatverdacht als Deutsche

Die Gewerkschaft der Polizei fordert, die Möglichkeit der Schleierfahndung wieder einzuführen. /Symbolbild

Die Gewerkschaft der Polizei fordert, die Möglichkeit der Schleierfahndung wieder einzuführen. /Symbolbild

Erstmals haben Forscher die Kriminalität durch Zuwanderer untersucht. Innenminister: Integration ist die beste Prävention.

shz.de von
07. März 2018, 18:27 Uhr

Kiel | Ausländer geraten in Schleswig-Holstein laut einer wissenschaftlichen Studie deutlich häufiger unter Tatverdacht als Deutsche. Der Anteil der ausländischen Tatverdächtigen ist proportional gesehen doppelt so hoch wie bei Deutschen, wie aus einer am Mittwoch vorgestellten Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen im Auftrag des Kieler Landeskriminalamts (LKA) hervorgeht.

Experten untersuchten dafür die Kriminalität im Norden im Zeitraum von 2013 bis einschließlich des ersten Quartals 2017. „Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Nichtdeutschen einen erheblich größeren Anteil an jungen Männern aufweisen als die Deutschen“, sagte Institutsdirektor Thomas Bliesener. Wäre die Altersstruktur der Ausländer ähnlich, läge die Kriminalitätsbelastung laut der Studie „um das 1,6- bis 1,8-fache höher als bei den Deutschen“. Explizit ausgeklammert wurden für die Berechnung der sogenannten Tatverdächtigenrate aber ausländerrechtliche Delikte.

Konzentration auf die Städte

Als Gründe für die höhere Tatverdächtigenrate bei Ausländern nennen die Experten einen tendenziell niedrigeren sozioökonomischen Status, geringere Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe beispielsweise aufgrund fehlender Ausbildung und eine Konzentration auf die Städte. Dort gebe es mehr Tatgelegenheiten. Zudem gebe es eine höhere Anzeigebereitschaft bei Ausländern.

Die Polizei hatte die Studie anlässlich der Debatte um Kriminalität durch Flüchtlinge in Schleswig-Holstein in Auftrag gegeben. „Klar ist, dass mehr Menschen auch mehr Kriminalität bedeuten“, sagte der leitende Direktor des LKA, Peter Fritzsche. „Wir haben mehr Kriminalität.“ Laut der polizeilichen Kriminalitätsstatistik, die Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) in der kommenden Woche vorstellen will, geht der Anteil der Ausländer an den Tatverdächtigen in Schleswig-Holstein insgesamt aber zurück. Ihr Anteil sei 2017 von knapp 10 Prozent im Jahr 2016 auf 8,5 Prozent zurückgegangen, sagte Fritzsche. „Das ist eine klar abnehmende Tendenz.“ Den höchsten Anteil der Ausländer unter Tatverdächtigen hätten Ermittler im August 2016 mit etwa zehn Prozent registriert.

Land fordert: Asylverfahren beschleunigen

Nach Ansicht von Innenminister Grote sind die Zahlen der Studie ernst zu nehmen. „Für mich liegt der Schlüssel für die Lösung in der Integration derjenigen, die auch bei uns bleiben“, sagte er. Handlungsbedarf gebe es aus Sicht der Landesregierung auf Bundesebene bei der Frage des Familiennachzugs. „Integration gelingt viel einfacher, wenn die Familie dabei ist.“

Asylverfahren müssten beschleunigt werden. „Wir brauchen entweder schnell klare Bleibeperspektiven mit Integrationsangeboten oder eine schnelle Ablehnung mit anschließender Rückführung.“ Die Experten des Forschungsinstituts stellten fest, dass mehr als die Hälfte (53,8 Prozent) der Opfer ausländischer Straftäter 2016 ebenfalls Ausländer waren. Dies sei insofern bemerkenswert, weil ihr Anteil an Schleswig-Holsteins Bevölkerung in dem Jahr gerade einmal 7,9 Prozent betragen habe, sagte der Verfasser der Studie, Christoffer Glaubitz.

Gewerkschaft der Polizei fordert Möglichkeit von Schleierfahndungen

Weitere Ergebnisse der Studie lauten: Bei den EU-Ausländern gibt es unter den Dänen proportional die wenigsten Tatverdächtigen, die meisten gibt es unter Rumänen und Bulgaren. „Aus den herkunftsstärksten Nationen im Zuge des Flüchtlingszustroms im Jahr 2015 weisen Personen syrischer Staatsangehörigkeit die geringste Tatverdächtigenraten auf, gefolgt von Afghanistan und dem Irak.“ Beim Diebstahl spielen Täter eine besondere Rolle, die nicht im Norden leben.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) bezeichnete es als richtige Entscheidung, in den Flüchtlingsunterkünften polizeiliche Präsenz zu zeigen. Denn „mehrheitlich werden Nichtdeutsche Opfer von Straftaten, die durch nichtdeutsche Täter begangen werden“, teilte die GdP mit.

GdP-Landeschef Torsten Jäger bezeichnete es als Fehler der alten, SPD-geführten Landesregierung, die Möglichkeit einer Schleierfahndung in grenznahen Bereichen aus dem Landesverwaltungsgesetz zu streichen. Die neue, CDU-geführte Koalition müsse dies mit einer Reform des Polizeirechts rückgängig machen.

In der Landespolitik fielen die Reaktionen unterschiedlich aus. Für den Grünen-Innenpolitiker Burkhard Peters ist Zugang zu Bildung die Lösung: „Gelingende Integration ist die beste Prävention vor Kriminalität.“ Nach Ansicht des FDP-Innenpolitikers Jan Marcus Rossa „krankt die Studie bereits daran, dass sie auf Tatverdächtige abstellt, so dass die Frage, welche Kriminalitätsbelastung wir tatsächlich haben nicht beziehungsweise nur sehr unzureichend beantwortet wird“. Trotzdem müsse die Politik „mit dem Thema Zuwanderung ehrlich umgehen“. Die SPD-Abgeordnete Kathrin Wagner-Bockey forderte, die Kriterien für die polizeiliche Kriminalstatistik zu verbessern. Für den AfD-Innenpolitiker Claus Schaffer ist die Studie ein „Beleg für zugewanderte Kriminalität“.

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