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Wanderung : Aus seiner Flucht wurde Abenteuer

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Er wollte nur fliehen: Christian Brüning aus Neumünster zog seine Wanderstiefel an und ging einfach los. Von der Wilstermarsch bis nach Venedig. Ein Reisetagebuch.

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erstellt am 28.Nov.2011 | 09:31 Uhr

Christian Brüning (29) aus Neumünster haderte mit seiner Ausbildung zum Labor-Technischen Assistenten. Zwei Wochen vor den Prüfungen packte er in Heide seinen Rucksack. Er sagte niemandem Bescheid und stiefelte ganz alleine los.
Irgendwann fragte das Bildungszentrum bei seinen Eltern nach, weil ihr Sohn tagelang nicht zum Unterricht erschienen war. Besorgt ließen sie Christians Wohnung aufbrechen - auf dem Küchentisch lag der Abschiedsbrief. Zu diesem Zeitpunkt war ihr Sohn bereits Hunderte von Kilometern gewandert.
Er war unterwegs vom tiefsten Punkt Deutschlands (Neuendorf in der Wilstermarsch) zum höchsten, der Zugspitze in den Alpen. Für die Nächte schlug er sein kleines Zelt irgendwo am Wegesrand, am Flussufer oder auf einer Waldlichtung auf.
Eigentlich verfolgte Christian Brüning den Plan, das Mittelmeer komplett zu umrunden, zwei Jahre hatte er dafür veranschlagt. Doch in Venedig war der Fluchtreflex ausgelebt - nach 1726 Kilometern und 85 Tagen kehrte er zur Familie zurück.
Auszüge aus seinem Tagebuch:
1. Tag, 16. August, nordöstlich von Hochdonn, 30 Kilometer zurückgelegt:
Schwieriger Start. Rucksack hängt mir wie eine Palette Pflastersteine im Rücken. Nach 30 Kilometern und 8 Stunden Gehzeit ist mir klar, dass ich abspecken muss. Neben physischer Anstrengung auch psychisch angeschlagen. Empfinde Reue, Einsamkeit und, als würde ich gleich zu Beginn alles vorwegnehmen, Heimweh nach meiner Familie. Es schmerzt ungeheuer, dass ich ihr wehtun und von ihr Abschied nehmen muss - ein Abschied, von dem sie nichts ahnen.
2. Tag, 17. August, bei Lägerdorf, 33 Kilometer zurückgelegt, Gesamtstrecke 63 Kilometer:
Mir ist die Idee gekommen, vom tiefsten Punkt Deutschlands (Neuendorf; 3,54 Meter unter NN) zum höchsten (Zugspitze!) zu wandern.

5. Tag, 20. August, östlich von Friedrichsruh, 26 Kilometer (143) zurückgelegt:
Mein linker großer Zeh macht mir Sorgen. Nagel und Nagelbett sind in Mitleidenschaft gezogen.

6. Tag, 21. August, bei Schnakenbek, 22 (165) Kilometer zurückgelegt:
Endlich an der Elbe an gelangt. Als ich mein Lager am Ufer aufschlage, findet sich leider kein vernünftiger Einstieg zum Schwimmen mehr.

16. Tag, 31. August, bei Schleibnitz, 22 (436) Kilometer zurückgelegt:
Ich habe der Elbe adieu gesagt und bin nach Westen gen Harz von dannen gepilgert. Gegen Mittag das Zentrum von Magdeburg erreicht, in einer Buchhandlung mit Karten bis zum Harz eingedeckt; dann nix wie raus aus der Stadt.
19. Tag, 3. September, nordwestlich von Schierke im Harz, 28 (525) Kilometer zurückgelegt:
Heute den Harz erreicht. Von Darlingerode ging es hinein ins Wald- und Bergvergnügen. Die letzten drei Kilometer zum Gipfel gehe ich auf dem Hirtenstieg, der von Norden auf den Brocken führt und identisch mit dem Kolonnenweg der ehemaligen innerdeutschen Grenze ist.

25. Tag, 9. September, bei Wolfsburg (Dorf), 25 (667) Kilometer zurückgelegt:
In Eisenach großer Lebensmitteleinkauf. Mit der Hälfte einer 1-Kilo-Packung Zucker (will nicht so lange damit herumschleppen) einer Oma eine Freude gemacht, nachdem ein jüngerer Mann sie abgelehnt hatte.

26. Tag, 10. September, bei Wolfsburg (Dorf), Ruhetag:
Rastplatz am Rande eines kleinen Sees, der von einem Gebirgsbach gespeist wird. Daraus entnehme ich das Wasser, das ich für meinen "Haushalt" benötige. Da auch das Wetter sehr gut ist, konnte ich selber ein Bad nehmen und meine Sachen waschen.

28. Tag, 12. September, bei Simmershausen, 22 (719) Kilometer zurückgelegt:
Die Rhön ist wirklich schön. Kein Vergleich zum finsteren Harz. Nach einigen Abschnitten an der Elbe ist dies das zweite Mal auf meiner Reise, dass mir eine Gegend ausnehmend gut gefällt.

40. Tag, 24. September, bei Neuses, 17 (940) Kilometer zurückgelegt, Zusammenfassung der letzten drei Tage:
Im Dörfchen Siebeneichen machen Ina (Schwester), Lisa (Nichte), Ma & Pa auf einem Bauernhof eine Woche Urlaub. Ich mag den anderen kaum ins Gesicht sehen und habe eine riesigen Kloß im Hals. Als Ina den Arm um mich legt, brechen die Dämme, und die Tränen fließen. Später erzählt Pa, dass bereits am Tag meines Aufbruchs die Schule bei ihnen angerufen hatte. So erfuhren die Eltern, dass ich bereits vor den Sommerferien nicht mehr zum Unterricht gegangen war. Daraufhin hatten sie meine Wohnung aufbrechen lassen, wo sie meine Abschiedsbotschaft vorgefunden haben... Ich hoffe, dass sich Ma nicht über Gebühr Sorgen macht. Ich komme in einem Stück, gesund und munter, wieder zurück. Versprochen!

43. Tag, 27. September, bei Neuburg an der Donau, 22 (1020) Kilometer zurückgelegt:
Ich zelte direkt an der Donau. Beim Aufschlagen meines Lagers höre ich Stimmen vom Wasser her. Zwei Schwimmer gehen bei mir an Land. Sie haben es sich zur Gewohnheit gemacht, regelmäßig eine bestimmte Strecke die Donau hinunter zu schwimmen. Und schon habe ich beschlossen, es ebenfalls auszuprobieren. Nach vielleicht 300 Metern steige ich in den Fluss, dessen Wasser gehörig kalt ist. Ich lasse mich gemütlich treiben, bis ich wieder an meinem Zelt angelangt bin.

49. Tag, 3. Oktober, bei München, 1119 Kilometer zurückgelegt:
Der Weg nach Pasing führt mich direkt an der Theresienwiese vorbei, wo das Oktoberfest tobt. Als ich diesen bierseligen, lederbehosten und Dirndl tragenden Rummel hinter mir gelassen habe, atme ich unwillkürlich auf.

54. Tag, 8. Oktober, Bockhütte bei Garmisch-Partenkirchen, 20 (1213) Kilometer zurückgelegt:
Die ganze Nacht hindurch Regen, dazu niedrige Temperaturen. Am Morgen meldete das Radio minus 9 Grad auf der Zugspitze. Einziger Lichtblick ist ein Aushang des Wetterdienstes. Demnach soll es milder werden: auf 2000 Meter Höhe 7 Grad.

56. Tag, 10. Oktober, Knorrhütte, 8 (1221) Kilometer zurückgelegt:
Ich bin erledigt, erschöpft an Geist und Körper. Dieser Gipfel ist eine harte Nuss, und dabei fehlen mir noch 900 Höhenmeter. Auf dem letzten Wegstück einen steilen Hang hinauf war der Schnee knietief. Von oben drang Schnee und damit Feuchtigkeit in die Stiefelschäfte ein. Die Notunterkunft der Knorrhüte ist 3 mal 3 Meter groß, fensterlos, hat vier Schlafkojen und einen kleinen Ofen.
57. Tag, 11. Oktober, in der Nähe von Obermoss, 4 (1225) Kilometer zurückgelegt:
Was für ein verdammter, schöner, aufregender Tag! Aber der Reihe nach: Die Anstrengung ist so groß, dass ich nach Anstiegen oder nach Querung von Tiefschnee immer wieder anhalten muss, um Atem zu holen. Ich konzentriere mich auf jeden Schritt. Ich schleiche praktisch das Schneefeld hinauf . . . Ich steige in die felsige Gratflanke ein. Zweimal verliere ich den Halt und rutsche ab. Mir wird meine ungemütliche Lage klar: Ich hänge an einer steilen Wand, meine Kräfte neigen sich dem Ende zu, und Halt bietet mir ausschließlich eine fragile Schneeschicht, die sich im Sonnenschein langsam zu Wasser verflüssigt...
Der Grat zur Zugspitze ist verdammt schmal, beidseitig fällt er steil ab. Meine Nerven liegen blank... An einem Stahlseil ziehe ich mich die letzten Meter hoch, dann stolpere ich entkräftet über ein kurzes Geröllfeld und stehe vor einer Metalltreppe. Mein Blick fällt auf ein Warnschild, das am Aufgang hängt: "Achtung! Alpiner Bereich! Lebensgefahr!" ...
Ich sitze im Zugspitze-Restaurant mit Panoramablick und wringe ungeniert meine nassen Socken in einen benutzten Becher aus. ... In 20 Minuten fährt die letzte Seilbahn. Ich war an meine Grenzen gegangen und war heil wieder vom Berg gekommen. Ich taste durch den Stoff meines Hemdes nach dem kleinen Schutzengel.

67. Tag, 21. Oktober, bei Salurn, 21 (1428) Kilometer zurückgelegt:
Seit sich ab Bozen das Tal merklich geweitet hat, reicht sich eine Apfelplantage an die nächste.

69. Tag, 23. Oktober, bei Salurn, Ruhetag, 1445 Kilometer zurückgelegt:
Beim Frühstück eine Premiere: das erste Rührei auf meiner Reise, mit kleingeschnittener Tomate verfeinert.

71. Tag, 25. Oktober, bei Mori, 28 (1490) Kilometer zurückgelegt:
Dauerregen! Während der sechs Stunden auf dem offiziellen Fernradweg begegne ich nicht einem Radfahrer.

80. Tag, 3. November, bei Cagnola, 20 (1672) Kilometer zurückgelegt:
In drei, vier Tagen erreiche ich Venedig. Ich ertappe mich immer wieder bei dem Gedanken, meine Reise dort zu beenden.
84. Tag, 6. November, am Lido in Venedig, 10 (1718) Kilometer zurückgelegt:
Längere Zeit durch die Gassen und über die Brücken der Lagunenstadt geirrt. Schifffahrt auf dem Canal Grande quer durch die Stadt. Ich genieße die Ausblicke. Morgen heißt es für mich: Arrividerci!

85. und letzter Tag, 7. November, Venedig, 8 (1726) Kilometer zurückgelegt:
Zunächst nehme ich das Boot nach San Marco. Kurze Fotosafari, dann geht’s weiter zum Rialto und per Boot über den Canal Grande zum Bahnhof. Zurück nach Hause.

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