Auf der Suche nach dem Bösen im Menschen

Moderatorin Kathrin Fischer im Gespräch mit Friedrich Ani. Foto: Schnoor
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Moderatorin Kathrin Fischer im Gespräch mit Friedrich Ani. Foto: Schnoor

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02. Oktober 2012, 07:02 Uhr

Flensburg | "Niemand ist von Natur aus böse - oder?" Das war die Frage beim diesjährigen Dialog an der Grenze. Mehr als 140 Gäste waren am Sonnabend in den Flensburger Schwurgerichtssaal gekommen, um den Münchner Tatort- und Krimiautor Friedrich Ani zu hören, der aus seinen Büchern "Die Tat" und "Idylle der Hyänen" las.

Dabei habe er eigentlich längst mit dem Krimi-Genre abgeschlossen, bekannte der Autor gleich zu Beginn der Lesung. Doch während eines Sylturlaubes seien sie einfach gekommen, die verschiedenen Charaktere, der Polonius Fischer - Kriminalist und ehemaliger Mönch - und sein elf Polizisten zählendes Team. "Eine seltsame Erfahrung kann ich Ihnen sagen", verriet Ani. Er habe sie aufschreiben müssen, diese Geschichten um die Fragen, wie Menschen zu Tätern werden und wie Gerechtigkeit funktioniert.

Es waren die Fragen, die alle Gäste bewegten - unter ihnen auch Landgerichtspräsident Volker Willandsen und Bildungsministerin Wara Wende. In der gewaltigen Architektur des alten Schwurgerichtssaals zwischen dem Bild "Der Versuchung Christi" von Lorenz Frölich und "Dem Spießrutenlauf der Gerechtigkeit" begann nach der Lesung die Diskussion - und Moderatorin Kathrin Fischer stellte schnell fest: "Mit dem Etikett ,böse’ kommen wir hier nicht weiter." Das Böse sei zwar Grundbegriff unserer moralischen Werteordnung, was oder wer aber böse sei, sei nicht absolut zu definieren. Denn: "Wir können ja nicht in einen Menschen hineinsehen und sagen: Aha, schau’ mal, der hat aber böse Anteile", gab Anselm Kohn zu bedenken. Der Vorsitzende der Opferinitiative "Missbrauch in Ahrensburg" war weit gefahren, um sich an der Diskussion zu beteiligen. Er schlug vor: "Wir sollten unterscheiden zwischen bösen Menschen und bösen Taten." Böse Taten gebe es zweifelsohne, bekräftigte darauf Friedrich Ani. "Kindesmissbrauch etwa ist immer böse." Aber es gebe auch viele Zweifelsfälle. Beispiel Todesstrafe: Sie sei der Versuch, das Böse auszurotten, stellte der Autor fest. "Doch ich verachte sie." Auch sie sei böse.

Sehr viel nüchterner näherten sich die Praktiker dem Thema. "Wir haben vor Gericht Taten strafrechtlich zu bewerten", gab der Flensburger Staatsanwalt Jochen Berns zu bedenken. Emotionale und moralische Bewertungen - das sei nicht Sache der Juristen. Wohl aber sei es notwendig, in einem täterbezogenen Strafrecht darauf hinzuwirken, dass Menschen, die ein Verbrechen begangen haben, sich damit auseinandersetzten, "was sie angerichtet haben". Und ja, es gebe Menschen, die auffällig häufig straffällig würden. Es seinen solche mit mangelnder Empathiefähigkeit, Menschen, die nicht mit anderen mitfühlten, sondern allein sich selbst und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt ihres Lebens stellten. Oft hätten diese Täter auffällige Biografien, stimmte Thomas Bauchrowitz zu. Der Leiter der Polizeidirektion Kiel betonte, er wolle nicht glauben, dass es Menschen gebe, die von Natur aus böse seien. Aber es gebe Menschen, die in ihrem häufig noch jungen Leben viel mit Gewalt, mit Missbrauch und Vernachlässigung in Berührung kämen und schließlich den Weg in die Kriminalität gingen.

"Letztlich sind wir aber doch alle Schuld daran, wenn das Böse in unserer Gesellschaft immer mehr Platz findet", kam der Widerspruch eines Zuschauers. "Wir sind so satt, unsere Taschen sind so voll, aber wir wollen immer noch mehr haben - ohne Rücksicht. Statt dessen sollten wir uns fragen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und sie dann bewusst gestalten." Mut gehöre dazu und Engagement. Es sei wichtig, dass jeder in der Gesellschaft lerne, hinzuschauen, Schwachen zu helfen und Zivilcourage zu zeigen, wenn es nötig sei. "Er wolle in diesem Sinne mit seinen Romanen eine Laterne anzünden", stimmte Ani dem Redner zu. Und mit einem Roman könne er Leser vielleicht emotional schneller und besser erreichen, als es etwa ein realer Zeitungsbericht schaffe.

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