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Jenny Böken auf der „Gorch Fock“ : ARD-Film „Tod einer Kadettin“: Das Märchen von der bösen Marine

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Film will Antworten auf den Tod Jenny Bökens auf dem Segelschulschiff geben – scheitert jedoch am eigenen Anspruch.

shz.de von
erstellt am 05.Apr.2017 | 18:17 Uhr

Ganz am Ende dieses Films bleiben viele Fragen und es ist ein ratloser Journalist, der sie stellt: Konntest du nicht mehr? Hast du überhaupt geschrien? Wer hat dir das angetan? Hättest du überhaupt an Bord sein dürfen, Lilly?

Hintergrund: Film und Doku über den Fall Jenny Böken

Ihr tragisches Schicksal bewegte Millionen: der Tod der „Gorch Fock“-Kadettin Jenny Böken im Jahr 2008. Adolf-Grimme Preisträger Raymond Ley („Eine mörderische Entscheidung“) hat Regie geführt. Mit seiner Frau Hannah Ley, Schauspielerin und ebenfalls Grimme-Preisträgerin, hat er auch das Drehbuch für den Film und das Buch für die Doku verfasst.

Die Leys sind eines der renommiertesten Autorenpaare des deutschen Fernsehens. „Die Nacht der großen Flut“ (2005), „Eichmanns Ende“ (2010) oder „Letzte Ausfahrt Gera - Acht Stunden mit Beate Zschäpe“ (2016) sahen Millionen Fernsehzuschauer. Zeithistorische und gesellschaftspolitische Themen am Schicksal von Einzelpersonen zu entfalten, ist ein Markenzeichen der Leys.

So ist denn auch „Tod einer Kadettin“ weit mehr als eine kriminalistische Spurensuche, was in der Todesnacht auf dem Segelschulschiff wirklich passierte. Es geht darum, den Mikrokosmos Marine darzustellen, eine männerdominierte Hierarchie, die auf Befehl und Gehorsam basiert: Wie Ausbilder weibliche Rekruten schinden, männliche Kadetten geschmacklose Zoten reißen, den Macho geben, oder auf dem engen Klo des Schiffs rüder Sex gemacht wird. Aber auch: Wie Vorgesetzte die gewünschte Frauenquote bei der Marine erfüllen wollen. Und so darf eine für die Offizierslaufbahn als nicht geeignet beurteilte junge Frau, die zudem noch Höhenangst hat, dennoch an Bord der „Gorch Fock“ und in die gefürchtete Takelage.

Film und Dokumentation zeigen aber auch das Scheitern einer jungen Frau, die als Soldatin möglicherweise den falschen Beruf für sich wählte. Jenny, „zum Widerspruch erzogen“ (wie Mutter Marlis sagt), wollte Bundeswehrärztin werden und in Auslandseinsätzen helfen. Bereits ihr Oberstufenpraktikum machte sie auf einer Fregatte. Erst bei der Marine litt sie immer wieder unter plötzlichem Einschlafen - der seltenen Schlafkrankheit Narkolepsie, ausgelöst eventuell durch die vielen Impfungen bei der Bundeswehr? Darüber rätseln die Eltern.

„Mann über Bord, Mann über Bord, das ist keine Übung“, hallen Rufe übers Deck der „Gorch Fock“. Es ist kurz vor Mitternacht, 3. September 2008. Nordsee, Windstärke sieben. Suchscheinwerfer gleiten übers Wasser, vergeblich. Erst am 15. September wird die Vermisste geborgen. Im Film ist es Lilly Borchert (überragend als gemobbte Außenseiterin an Bord: Maria Dragus), in der Realität war es Jenny. Sie hatte für eine Kameradin die nächtliche Wache freiwillig übernommen nahe am Bug, die Reling ist da nur 40 Zentimeter hoch.

„Frei nach Motiven“ zum Fall Jenny Böken, so heißt es im Vorspann, sei das Drama gedreht. Doch die Eltern Uwe und Marlis Böken, die eng mit den Filmemachern kooperiert haben, sagen: „Der Film ist sehr nah an der Wahrheit - einschließlich des offenen Endes.“

Regisseur Ley zeigt im Film denn auch gleich mehrere Varianten, was passiert sein könnte: Mord, Selbstmord, Unglück. Die Option Suizid habe im realen Fall keine Rolle gespielt, so habe es auch die Staatsanwaltschaft in Kiel gesehen, betonen die Eltern. „Jenny hatte sich auf ihren 19. Geburtstag mit uns in Hamburg gefreut. Und sie wollte doch ihrem Freund einen Heiratsantrag machen.“ Am 5. September, also 24 Stunden nach der Tragödie, wäre Jenny 19 geworden.

 

Zu viele Fragen nach 90 Minuten Film, in denen der Zuschauer eigentlich eine Antwort erwartet hätte. Eine Antwort auf die Frage, warum die Kadettin Jenny Böken am 4. September 2008 – in der Nacht vor ihrem 19. Geburtstag – über die Reling des Segelschulschiffs Gorch Fock fiel und in der Nordsee ertrank. War es ein Unfall? Suizid? Oder sogar Mord?

Diese Antwort aber beibt der „Tod einer Kadettin“ am Mittwochabend in der ARD schuldig. Stattdessen erzählt er Klischees nach, über die Marine, über das Verhältnis von Frauen und Männern – und über Journalisten, die sich im Stile introvertierter skandinavischer Fernseh-Kommissare auf einer metaphysischen Ebene mit dem Opfer unterhalten.

Das Autorenpaar Hannah und Raymond Ley hatte sich viel vorgenommen mit der Geschichte der Jenny Böken, deren Tod in der Öffentlichkeit für reichlich Aufsehen gesorgt hatte. Sie wollten eine fiktionale Version erzählen, das hatten sie im Vorfeld immer wieder deutlich gemacht. Der Vorteil der Fiktion ist die Freiheit, die sie beim Erzählen lässt. Die Leys hätten die Geschichte Jenny Bökens, die im Film Lilly Borchert heißt und von Maria Dragus hervorragend gespielt wird, aus ihrer ganz subjektiven Autoren-Sicht erzählen können, mit einer eigenen Version der Todesnacht. Stattdessen haben sie sich in den eigenen Ansprüchen verheddert.

Weil sie zu dicht an der Geschichte von Jenny Böken geblieben sind und sich damit selbst der erzählerischen Freiheit beraubt haben. Und weil die Intention des Films allzu deutlich hervorscheint: die Marine als reaktionären und konservativen Haufen darzustellen, der sich jeder Veränderung widersetzt – vor allem jener, die auch Frauen die Tür zur Bundeswehr geöffnet hat.

Wenn die Offiziere an Bord abfällig von „minderwertigem Menschenmaterial“ sprechen oder von den Kadetten der „Resterampe“, dann bleibt kaum noch Raum für Differenzierung – und damit verliert die Geschichte an Glaubwürdigkeit. Es wird schnell deutlich, dass der Film nur eine echte Antwort geben will – die Marine trägt Schuld, und zwar in zweifacher Hinsicht: Zum einen – grundsätzlich – für das System von Befehl und Gehorsam, das an Bord herrscht, zum anderen für die Anwesenheit von Lilly – also Jenny – an Bord, denn nach den medizinischen Tests hätte sie niemals das Schiff betreten dürfen. Ihre Blutwerte sind auffällig, sie leidet unter Schwindelanfällen, Höhenangst und Unterleibsschmerzen.

Nachdenklich: Lilly vor dem Aufstieg in die Takelage.
Nachdenklich: Lilly vor dem Aufstieg in die Takelage. Foto: NDR/UFA GmbH
 

Am Donnerstag äußerte sich ein Marinesprecher zum Film. Seiner Ansicht nach sei die Realität an Bord des Segelschulschiffes „Gorch Fock“ nicht gezeigt worden. „Manche Szenen sind überzeichnet gewesen, so etwa das Trinkgelage auf Deck während einer Ausbildungsfahrt“, sagte Kapitän zur See Johannes Dumrese am Donnerstag. Auch die Darstellung, die Männer in der Marine seien Machos, die den ganzen Tag nur darauf warteten, über Frauen zu lästern oder sie zu belästigen, sei falsch.

Durch die Öffnung aller militärischen Laufbahnen der Bundeswehr für Frauen im Jahr 2000 sei der Umgangston in der Marine deutlich besser geworden, sagte Dumrese. „Das haben wir den Frauen zu verdanken.“ Natürlich habe es einen Umstellungsprozess gegeben. Der Anteil der Frauen bei Neueinstellungen in der Marine liege inzwischen etwa bei 10 Prozent, bei den Offiziersanwärtern seien es sogar 20 Prozent.„Seitdem Ursula von der Leyen (CDU) Verteidigungsministerin ist, steigt der Anteil der Bewerberinnen in der Bundeswehr.“

Dass die Marine nach Aussage der Produktions-Verantwortlichen die Mitarbeit an diesem Film verweigert und auch die Dreharbeiten an den Original-Schauplätzen in der Mürwiker Marineschule untersagt hat, wirft kein gutes Licht auf sie. Man könnte daraus einen mangelnden Willen zur Aufklärung ableiten.

Man muss aber nicht, wie dieser Film es tut, alle Verantwortlichen an Bord als ignorante und ewiggestrige Holzköpfe darstellen. Das geht weit an der Realität vorbei. Aber auch die Figur der Lilly bleibt seltsam eindimensional, was an der Rolle und nicht an der Schauspielerin liegt; der glaubwürdigste und eindrücklichste Moment ist der, in dem Lilly ihre Mutter anruft und ihr von ihren Leiden an Bord erzählt. Sie beendet das Telefonat mit dem Satz: „Ich weiß, ich muss da allein durch.“

Da geht es ihr wie dem Zuschauer. Der sieht am Ende des Films dabei zu, wie Lilly schlaftrunken über Bord fällt, in großer Verzweiflung selbst springt und von zwei Kameraden über Bord geworfen wird. Entscheiden muss der Zuschauer selbst.

Zu den vielen ungeklärten Fragen im Fall Jenny Böken kommt damit am Ende von „Tod einer Kadettin“ noch eine weitere hinzu: Wozu braucht es eigentlich diesen Film? Auch darauf fällt die Antwort schwer.

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