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Schleswig-Holstein

14. Dezember 2017 | 16:54 Uhr

Notaufnahme in Lübeck : Arbeiten am Limit

vom

Vom Facharzt-Vermeidungs-Besuch bis zum Schlaganfall – niemand wird abgewiesen. Besuch auf der Notaufnahme des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck.

shz.de von
erstellt am 29.Nov.2015 | 16:31 Uhr

Lübeck | Statistisch gesehen wird etwa jeder vierte Deutsche einmal im Jahr in einer Notaufnahme versorgt. Tendenz seit Jahren steigend – auch, weil zeitnahe Termine beim Facharzt für viele Patienten schwer zu ergattern sind; auch, weil immer ältere Menschen immer mehr Beschwerden haben.

Und manchmal gibt es einfach Tage, an denen ein Notfall den anderen jagt: Schlaganfall, Herzinfarkt, Knochenbruch, Verwirrtheit, Schmerzen, Infekte. Abgewiesen wird niemand. Wir haben die Interdisziplinäre Notaufnahme des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck besucht und solch einen Tag erlebt.

Zeit ist relativ. Wartende Patienten empfinden sie häufig als vertan. Ärzte und Pflegepersonal hätten gern mehr davon. In der Interdisziplinären Notaufnahme des UKSH ist diese Relativität Alltag. Ihr Ärztlicher Leiter Sebastian Wolfrum hätte zum Beispiel gern für seine Gespräche mit den Patienten und den Angehörigen mehr Zeit, für Erklärungen, Beruhigungen. Geht aber nicht, wenn nebenan der nächste Notfall wartet.

Die junge Frau zum Beispiel, die sich vor Schmerzen krümmt: Magenschleimhautentzündung, stellt sich heraus, die hat auch ihr Hausarzt diagnostiziert und Tabletten verschrieben. Genommen hat sie die bislang nicht. Nun wirkt die Infusion. Sie wird nach Hause gehen können.

Oder die alte Dame mit schlechtem Allgemeinzustand. Oder die andere alte Dame, die plötzlich verwirrt ist. Die Anzahl der älteren Patienten steigt deutlich, sagt Wolfrum, „das ist unser größtes Klientel“. Bundesweit berichtet die Statistik von einem Zwei-Drittel-Anteil an Patienten über 60 Jahre. Der Blick in den Flur der Notaufnahme stützt das.

Und: Die Notaufnahme ist vielfach Ersatz für den niedergelassenen Arzt. „Manche Patienten geben das auch offen zu“, sagt Wolfrum. Im UKSH beträgt der ambulante Anteil der Notfall-Patienten rund 40 Prozent. Welche Auswirkungen der Plan der Bundesregierung hat, dem Patienten, der nicht binnen vier Wochen einen Termin bei einem niedergelassenen Arzt bekommt, die ambulante Versorgung in einer Klinik anzubieten? „Dann wird offiziell, was ohnehin geschieht“, sagt Wolfrum.

Er hat Verständnis dafür, dass Menschen auch im Bewusstsein kommen, keine echten Notfälle zu sein. Beschwerden oder gar Schmerzen sind eine Bedrohung, die man nicht wochenlang mit sich herumtragen will, und sie werden umso bedrohlicher, wenn der Hausarzt Feierabend hat. Und weil weder Patient noch Arzt sicher sein kann, dass die vermeintliche Bagatelle nicht doch eine lebensbedrohliche Erkrankung ist, wird auf alle Fälle untersucht und diagnostiziert. Für das Team der Notaufnahme bedeutet dies allerdings oft: Arbeiten am Limit.

Das ist heute noch nicht erreicht, obwohl die Zahl der „Flurpatienten“ beträchtlich ist. Die Zimmer sind voll, im Gang sollen Sichtschutze für ein Mindestmaß an Privatsphäre sorgen. Platz ist knapp. Es ist Mittwochnachmittag, die Praxen der niedergelassenen Ärzte sind geschlossen und weil ein ungerader Tag ist, wird das UKSH, das sich die klinische Notfallversorgung in Lübeck mit der Sana-Klinik teilt, von den Rettungsfahrzeugen angefahren. Noch knapper als der Platz ist die Zeit. Wolfrums Mobiltelefon steht nicht still.

Außer Schlaganfällen und Infarkten mögen dem Laien beim Gedanken an die häufigsten Gründe für medizinische Notversorgung vor allem schwere Verkehrsunfälle einfallen. Aber Wolfrum schüttelt den Kopf. Von den 41.000 Menschen (im Schnitt täglich deutlich mehr als 100) die 2014 in seiner Abteilung versorgt wurden, waren das etwa 1000. Auch heute sind es nicht Opfer von Verkehrsunfällen, die Ärzte und Pfleger in Atem halten. Der Schockraum, von dem jeder – Krankenhausserien sei Dank – schon gehört hat, und in dem polytraumatisierte Patienten versorgt werden, steht gerade leer.

Dennoch ist er durchgehend gut geheizt, alle Computer sind hochgefahren, der Raum ist auf Standby. Eine gelbe Weste hängt neben der Tür; wenn hier gearbeitet wird, trägt sie der diensthabende Chef, dann ist der Raum voll mit Menschen, dann werden Anweisungen laut und knapp gegeben, sagt Wolfrum. Von Hektik spricht er nicht.

Laut ist es bei aller Betriebsamkeit auch jetzt nicht. Teils liegt das an der schallisolierten Flurdecke, vor allem aber an einer Verfasstheit, die Ordnung signalisiert, auch wenn deren Prinzip von Außenstehenden nicht verstanden wird. In welcher Reihenfolge Patienten versorgt werden und warum manch einer gefühlt ewig warten muss, erschließt sich Betroffenen nicht unbedingt und nicht jeder bleibt ruhig dabei. Jedenfalls geht es nicht der Reihe des Eintreffens nach, sondern nach dem Schweregrad der Erkrankung. Gewartet werden muss auf Laborergebnisse – oder mal darauf, ob sich ein Zustand verändert.

In die Notaufnahme kommt man, weil man Hilfe sucht? Wolfrum und hat dutzendweise Beispiele parat, die das Gegenteil beweisen: Menschen, die sich selbst verletzten, Menschen, die versuchen, sich zu töten. Auch der stark alkoholisierte Mann im FA-Raum ist nicht von selbst gekommen. FA steht für Fremdaggression. Der vermeintliche Krampfanfall dieses Patienten hat sich als Schüttelfrost herausgestellt. Nun meldet ihn eine Ärztin als „entlaufen“. Der Sicherheitsdienst wird informiert – muss informiert werden. Auch solche Situationen sind Alltagsgeschäft, sagt Wolfrum.

Natürlich sei die Klinik kein Gefängnis, wenn aber der Verdacht besteht, dass der Betreffende nicht geschäftsfähig ist, muss er gegebenenfalls vor sich selbst und die Welt vor ihm geschützt werden. Heißt: Ein Psychiater wird eingeschaltet. Oft vergeht über dem anschließenden Gespräch so viel Zeit, dass die Promillezahl in einem akzeptablen Bereich zurück ist.

Im Dienstzimmer ist es derweil eng geworden. Überall Bildschirme, die über Messdaten informieren oder Bilder aus den unterschiedlichen Räumen zeigen. Das Pflegepersonal macht eine Dienstübergabe, die der Ärztinnen und Ärzte steht bevor. Dokumentiert wird, wann immer es geht, sofort. 50 Prozent der gesamten Arbeitszeit koste der Schreibkram, sagt Wolfrum. Zweifellos sind Dokumentationen notwendig, geliebt werden sie trotzdem nicht.

Wer hier arbeitet und einfach mal fünf Minuten Ruhe braucht, hat ein Problem. Zur reichlich vorhandenen Arbeit in engem Zeitrahmen kommen Belastungen, wie sie sich aus den Begegnungen mit menschlichen Schicksalen ergeben. „Auf anderen Stationen gibt es geregelte Tagesabläufe“, erklärt Wolfrum die Besonderheiten der Notaufnahme, „bei uns gibt es kaum etwas, das wirklich Routine ist. Wir sind komplett fremdbestimmt.“

Das Team, je nach Tages- oder Nachtzeit in Sieben-, Acht- oder Zehn-Stunden-Schichten eingeteilt, ist rund um die Uhr auf den Notfall eingerichtet, 24 Stunden täglich müssen ausreichend Kräfte verfügbar sein. Ist das Personal mit 45 Vollzeit-Pflegekräften denn ausreichend? „Ja, wenn alle Planstellen besetzt sind und niemand krank ist“, sagt Wolfrum und spricht im gleichen Atemzug von hoher Fluktuation und in Sachen Pflegekräften von einem leergefegten Arbeitsmarkt. Er, Internist und Intensivmediziner, ist der einzige festangestellte Arzt dieser Notaufnahme, der aber 25 UKSH-Ärzte zugeteilt sind. „Und im Notfall arbeitet jeder andere Bereitschaftsarzt bei uns mit.“ Sagt’s – und wird schon wieder gerufen.

 
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