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Schleswig-Holstein

11. Dezember 2017 | 18:24 Uhr

Aprilscherze : April, April!

vom

Wenn wir andere "in den April schicken", stärken wir unser Selbstwertgefühl. Aber: Woher kommt der Brauch überhaupt?

shz.de von
erstellt am 02.Apr.2012 | 08:34 Uhr

Kiel | Heute ist wieder Feiertag für Spaßvögel. Familienangehörige Freunde oder Nachbarn werden in den April geschickt - also zum Narren gemacht. Meist gilt es einen Auftrag zu erfüllen der nicht erfüllbar ist. Früher sollte man Hühnerzähne sammeln, Gewicht für die Wasserwaage besorgen oder Hähnchenmilch - heute einen von außen verstellbaren Innenspiel für das Auto oder einen Globus von Europa kaufen. Das System: Der Aprilnarr ist unfreiwilliger Natur, der sich zum Narren halten lässt und vorgeführt wird, indem die Eselei publik gemacht wird.
"Mit dem Aprilscherz wollen wir unser eigenes Selbstwertgefühl stärken", erklärte der Tuttlinger Humorforscher Michael Titze. "Wir suchen nach gutgläubigen Menschen, die auf unsere Scherze reinfallen und uns somit bestätigen, dass sie weniger kompetent sind als wir selbst."
Schon in der Antike war es so
Dies sei bereits in der Antike so gewesen und diene als eine Art Ventilfunktion für den Zuschauer. "In der Sozialpsychologie ist dieses Phänomen als die Suche nach dem Abwärtsvergleich bekannt", erklärte Titze: Besonders in Zeiten, in denen der Druck und die Unsicherheit für den Einzelnen besonders groß seien, habe diese hämische Schadenfreude Hochkonjunktur. So hätten die Menschen unter dem 30-jährigen Krieg gelitten, als der Aprilscherz im 17. Jahrhundert erstmals als Massenphänomen auftrat. Heute, in Zeiten der Globalisierung und der wirtschaftlicher Unsicherheit sei der Bedarf nach Stabilisierung des Selbstwertgefühls besonders groß. Psychologisch gesehen, polieren wir durch den Aprilscherz also kurzzeitig unser Selbstwertgefühl auf.
Im Medienzeitalter hat sich der April-Scherz zunehmen in Zeitungen Fernsehen und Radiosendungen und jetzt auch ins Internet verlagert. So bat der Radiosender RSH vor einigen Jahren am 1. April um eine Wasserspende, da der Nord-Ostsee-Kanal auszulaufen drohe. Es sollen Hunderte mit Wassereimern gekommen sein. Der NDR meldete 2003, dass der Bungsberg erhöht werden sollte weil er drei Meter niedriger ist als ein Berg in Dänemark und die Schleswig Holsteiner das nicht auf sich sitzen lassen wollten.
Als erster gezielt in Umlauf gebrachter TV-Aprilscherz gelten die 1957 von der britischen BBC gezeigten Bilder der Spaghetti-Ernte in der Schweiz. Hunderte Briten riefen beim Sender an und fragen, wo denn diese Spaghetti-Büsche zu kaufen seien. Eine rege Nachfrage gab es auch als per Zeitung ein "Atomstromseparator" angeboten wurde, der bösen AKW-Strom vom guten Windstrom trennt. Und im Internet wurde Gregor Gysis neuestes Buch zum Downloaden als PDS-Datei angeboten. Besonders lustig: Selbst die Medien fallen auf die Scherze rein. So sollte 2008 das Buch "Sommer, Sonne, Nackedeis - FKK in der DDR" bei einer spektakulären Nacktlesung vorgestellt werden. Mehr als 30 Rundfunk- und TV-Stationen sowie Verlage meldeten sich zu dem Event an,"April, April", sagte der Buchhändler - das Buch aber war in aller Munde.

Aprilscherz in der Krise
Der Betreiber der Webseite "www.aprilscherze.net", Dietmar Koch, sieht in diesem Medienhype einen Grund für weniger Aprilscherze unter Freunden, Kollegen und Schülern. "Die Leute früher waren noch nicht der Reizüberflutung ausgesetzt und sind selbst kreativ geworden", meint Koch.
Heute wolle ja keiner mehr andere Menschen in die Verlegenheit bringen, auf einen Scherz hereinzufallen. Der Bonner Kulturanthropologe Gunther Hirschfelder sieht den Aprilscherz sogar in einer echten Krise. "Es dominiert heute oft die Angst, sich zu blamieren", führt er als Grund an. "Man denkt, die ganzen Komiker im Fernsehen seien sowieso viel lustiger und die eigene Idee nicht gut genug." Aus Angst, der eigene Streich gerate zum Flop, werde der Scherz von Angesicht zu Angesicht oft gescheut. Hirschfelder meint, dass die Fähigkeit zum Witzemachen an eine "professionelle Humor-Elite" delegiert worden ist. Er sieht den Brauch untergehen in einem Meer an Witzen und Comedy-Sendungen.
Die Krise des Aprilscherzes hänge auch damit zusammen, dass sich der Humor gewandelt habe. Man lache nicht mehr über das Gleiche. Hirschfelder nennt das Stichwort "Nivellierte Mittelstandsgesellschaft". Deshalb habe eine Serie wie "Ein Herz und eine Seele" mit Ekel Alfred in den 70ern zum Straßenfeger werden können, meint er. Es gab einen Humor-Konsens.

Lachen ist gesund
Problematisch sei zudem dass sich der 1. April nicht kommerziell vermarkten lasse, es gibt zum Beispiel keine Blumen wie sie zum Valentinstag verschickt werden. An ein langsames Aussterben des Brauchs glauben die Forscher aber nicht. "Der 1. April ist schließlich einer der wenigen kulturellen Marksteine, der von der frühen Neuzeit bis heute eine gewisse Konstanz aufweist."
Und übrigens: Lachen ist gesund. Die Sauerstoffversorgung des Gehirns steigt, Glückshormone und schmerzstillende körpereigene Substanzen (enogende Opioide) werden freigesetzt, das Herz schlägt langsamer. Der Blutdruck sinkt, die Skelettmuskulatur entspannt sich. Schon nach wenigen Minuten stellt sich ein Zustand der Entspannung ein.
Daher raten Lachforscher, heute nicht verbissen zu reagieren - auch wenn man selbst zum Narren gehalten wird. Selbstironie sei dann gefragt. Schließlich hat schon Goethe gesagt: "Willst du den März nicht ganz verlieren, so lass nicht in April dich führen. Den ersten April musst überstehen, dann kann dir manches Gute geschehen."

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