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Vor Kommunalwahlen in Dänemark : Anzeige in der „Jydske Vestkysten“: Schmähgedicht erschüttert Grenzregion

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine Zeitungsanzeige schürt im dänischen Kommunalwahlkampf Ressentiments gegenüber der deutschen Minderheit. Der Chefredakteur entschuldigt sich.

shz.de von
erstellt am 15.Nov.2017 | 12:34 Uhr

Kopenhagen | Aufforderungen, deutsch oder dänisch zu votieren: Das ist eigentlich etwas aus dem Geschichtsbuch. Diese Slogans standen auf Wahlplakaten, als 1920 in einer Volksabstimmung über den Verlauf der deutsch-dänischen Grenze abgestimmt worden ist. 97 Jahre später taucht dieselbe Tonlage jetzt im Kommunalwahlkampf in Dänemark wieder auf: Eine anonyme Zeitungsanzeige warnt mit einem Schmähgedicht davor, in den Städten und Dörfern nördlich der Grenze die Partei der deutschen Minderheit, die Schleswigsche Partei (SP), zu wählen. „Stimme dänisch“, lautet die Botschaft.

Erschienen ist die rot-weiß unterlegte Annonce in der Regionalzeitung JydskeVestkysten (JV) – in gleicher Größe wie eine direkt daneben platzierte Anzeige der SP selbst. In Gestalt der SP ertöne die Vergangenheit, heißt es in den in altertümlichem Dänisch verfassten Versen – eine kaum verhohlene Anspielung auf die Besetzung Dänemarks durch Nazi-Deutschland während des Zweiten Weltkriegs. „Kriecherisch“, so ein weiterer Vorwurf, sei der politische Arm der deutschen Volksgruppe. Direkt an die Wähler gerichtet, heißt es: „Sei wachsam, wenn die Falschheit dröhnt“. Ein falsches Spiel hält der unbekannte Autor der deutschen Minderheiten-Partei vor, weil sie sich im Wahlkampf als „sønderjysk“ bezeichnet. Also als eine Art Regionalpatrioten des Landesteils Sønderjylland, der bis 1920 zu Schleswig-Holstein gehörte und deshalb auf deutsch auch als Nordschleswig bezeichnet wird. Zugleich ist Sønderjysk ein regionaler Dialekt in Grenznähe.

Als Absender der Anzeige firmiert eine vermeintliche Gruppierung unter dem Namen „Ehrliche freie dänische Sønderjyder“. Mit Sønderjyder sind die Bewohner Sønderjyllands gemeint.

„Das hätte ich nicht für möglich gehalten“, sagt SP-Vorsitzender Carsten Leth Schmidt. „Ich wundere mich, dass es immer noch Enklaven derartiger Ignoranz gegenüber der Wirklichkeit gibt.“ Wobei dem Landwirt aus Hadersleben nun wieder ein Faltblatt aus dem letzten Kommunalwahlkampf vor vier Jahren einfällt. Das Papier mit antideutschen Ressentiments sei damals in seiner Nachbarschaft herumgereicht worden. „Es gibt noch einige, die die nationalen Konflikte der Vergangenheit am eigenen Leib gespürt haben“, weiß Leth Schmidt. „In Kombination mit dem starken dänischen Nationalbewusstsein“ brauche es deshalb wohl „drei Generationen, bis wir die letzten Ressentiments hinter uns haben“, meint der SP-Chef. Wobei er betont, dass seiner Einschätzung nach „nur ein sehr, sehr kleiner Teil der Bevölkerung ewiggestrig denkt“. Und das „Sønderjysk“ im Wahlkampf: Das sei ein Markenzeichen, weil die SP als einzige Partei Politik übergreifend für Sønderjylland und nicht nur für Einzelkommunen entwerfe. Außerdem spreche die Minderheit eifrig Sønderjysk.

Eine abermalige Buchung der Anzeige für kommenden Sonntag hat JV-Chefredakteur Peter Orry gestoppt. Er nennt auch den Erstabdruck einen „Fehler“. „Der Wortlaut liegt unter dem Niveau, das wir weitervermitteln möchten.“ Orry hat sich beim Vorsitzenden der Minderheit entschuldigt. Zugleich erging intern eine Anweisung, dass Annoncen mit problematischem Inhalt der Hausspitze vorgelegt werden müssen. „Die Vergangenheit spukt immer noch“, bilanziert die Zeitung in einem Leitartikel über die Aufregung um die Annonce. Für Teile der dänischen Bevölkerung gelte gegenüber der deutschen Volksgruppe offenbar: „Nur wenig ist vergeben und noch weniger vergessen.“

Den Namen des Anzeigenkunden will das Blatt nicht nennen. Trotz der Pluralbezeichnung „Ehrliche freie dänische Sønderjyder“ handelt es sich angeblich um eine Einzelperson. Das versichert der Kunde jedenfalls in einem anonymisierten Interview, dass JV im Nachklapp mit ihm geführt hat. Dort regt sich „Mister X“ insbesondere darüber auf, dass die deutsche Minderheit in den grenznahen Kommunen in – gegenüber dem Dänischen – kleinerer Schrift auch die deutschen Namen auf den Ortsschildern fordert.

Bereits in den vergangenen Wochen war vor allem in sozialen Medien kritisiert worden, dass in Sonderburg erstmals ein SP-Kandidat nicht nur für die Ratsversammlung antritt, sondern sich offensiv auch um den Bürgermeister-Posten bewirbt. Noch mehr regten sich einige darüber auf, dass der einflussreiche Aufsichtsratsvorsitzende des dortigen Danfoss-Konzerns, Jørgen Mads Clausen, den „deutschen“ Kandidaten unterstützt.

Für Schleswig-Holsteins Minderheitenbeauftragten Johannes Callsen (CDU) ist klar: „Auch Wahlkampf rechtfertigt in keiner Weise verunglimpfende Angriffe und Unterstellungen. Gerade Minderheitenpolitik lebt vom gegenseitigen Respekt. Die anonyme Anzeige ist daher nicht akzeptabel.“ Der Sprecher der dänischen Minderheiten-Partei SSW, Per Dittrich, sagt: „Nationalistische Untertöne erleben auch wir immer wieder in Wahlkämpfen. Insbesondere in sozialen Netzwerken, typischerweise ebenfalls anonym. Da muss man ein Stück weit drüber stehen. Denn die Realität im Grenzland ist glücklicherweise eine andere. Wir setzen seit vielen Jahren auf das, was uns verbindet, statt auf das, was uns trennt.“

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