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Lehrer auf Umwegen : Als Quereinsteiger in den Schuldienst in SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schleswig-Holstein hat zunehmend Probleme, alle Lehrerstellen zu besetzen – vor allem in den Mangelfächern und im ländlichen Raum. Können Seiteneinsteiger die Lücken füllen?

Kiel | Die eigene IT-Firma lief, die Kinder waren erwachsen geworden und gingen langsam eigene Wege – Andreas Jacobsen hatte wenig auszusetzen an seinem Leben. Wäre da nicht diese große Lust gewesen, doch nochmal was Neues auszuprobieren, mit dem 50. Geburtstag vor Augen. Nach 16 Jahren als Selbstständiger steht er vor der Erkenntnis: „Es bringt einfach keinen Spaß mehr.“ Und macht den konsequenten nächsten Schritt: Er verkauft seine Firma und ist sich relativ schnell darüber klar, dass er unterrichten möchte, Wissen weitergeben, Werte vermitteln, junge Menschen auf ihrem Weg unterstützen. Als Geschäftsführer war er bereits in der Erwachsenenbildung tätig, hat Schulungen gehalten und dabei seine pädagogische Ader entdeckt.

Doch ein Lehramtsstudium hat der Schleswiger nicht absolviert, er ist Diplom-Physiker. Fachlich ist er stark; was ihm für die Lehrerlaufbahn fehlt, ist die Fähigkeit, die Inhalte altersgerecht zu vermitteln, runterzubrechen, sowie pädagogische Kompetenzen. Für Fälle wie ihn besteht die Chance, über einen Seiteneinstieg an die Schule zu kommen. Die Möglichkeit hat jeder, der ein abgeschlossenes Hochschulstudium in einem Fach vorweisen kann, in dem derzeit Lehrermangel herrscht. In Schleswig-Holstein sind dies an den Berufsschulen Bauwirtschaft, Bautechnik, Fahrzeugtechnik oder Sozialpädagogik; im Grundschulbereich Englisch, Kunst, Mathematik, Musik, Religion und Sport. An Gymnasien und Gemeinschaftsschulen sind Chemie, Englisch, Kunst, Mathematik, Musik, Physik und Religion vom Bildungsministerium als Mangelfächer festgelegt. Jacobsen kann Physik und Mathe unterrichten. Er ist sozusagen ein Volltreffer für das Land.

„Der wird einfach Lehrer und ich musste dafür lange studieren“

Zwei Jahre später steht er als Klassenlehrer vor einer Horde Sechstklässler an der Schleswiger Gallbergschule. Die Schulleiterin hat ihm dieses Amt anvertraut, weil sie Jacobsen als Lehrer sehr schätzt. Er wiederum blüht in dieser Rolle noch mehr auf in seinem neuen Job. „Da lernt man noch mehr: Klassenmanagement, Soziales, Elternarbeit. Aber man darf die Zügel nicht locker lassen – das merken die Schüler sofort“, erklärt er.

„Der wird einfach Lehrer und ich musste dafür lange studieren“ – mit solchen Aussagen muss der Seiteneinsteiger jetzt leben. Aber so einfach ist der Weg nicht. Nach dem Entschluss, beruflich nochmal neu zu starten, hospitiert Jacobsen zunächst an zwei Schulen und merkt schnell: „Das fühlt sich gut an.“ Ein Vertretungslehrer-Job führt ihn an die Gallbergschule. Ein Sprung ins kalte Wasser, wie er sich heute erinnert. Sowohl für die Schulleitung als auch für ihn war dies eine Art Probezeit. Kann der Lehrer? Passt der hierher?

In diesem Fall funkt es schnell. „Die Schüler haben mich voll akzeptiert, tolle Kollegen haben mich unterstützt und ich hatte großen Spaß bei der Arbeit. Es hat einfach gepasst. Die Entscheidung für den Seiteneinstieg war gefallen.“ Dann war das Glück auf seiner Seite. Zum nächsten Halbjahr schrieb die Schulleitung eine Physik-Stelle aus, das reguläre Bewerbungsverfahren blieb erfolglos. Auch in der zweiten Runde. Ist das der Fall, darf die Stelle über das Seiteneinsteiger-Portal des Landes ausgeschrieben werden. Andreas Jacobsen bekam den Job.

Hintergrund: Alternative Wege ins Lehramt

Wer ein abgeschlossenes Studium (Diplom/Magister/Master) in einem dringend benötigten Unterrichtsfach hat sowie praktische Berufserfahrung gesammelt hat, kann auf drei Wegen in den Schuldienst kommen.

Seiteneinstieg (alle Schularten): Seiteneinsteiger absolvieren kein klassisches Referendariat, sondern werden binnen zwei Jahren als Angestellte berufsbegleitend am IQSH fortgebildet. Währenddessen unterrichten sie schon 15 bzw. im zweiten Jahr 16 Unterrichtsstunden in Eigenverantwortung. Nach erfolgreichem Abschluss ist eine unbefristete Weiterbeschäftigung vorgesehen, ggf. auch die Verbeamtung

Quereinstieg (Berufsschulen und Förderzentren): Hier erfolgt der Einstieg über ein klassisches, 18-monatiges Referendariat, wie es auch die regulären Lehramtsanwärter absolvieren. Währenddessen sind die Quereinsteiger Beamte auf Widerruf. Bei erfolgreichem Abschluss wird das Staatsexamen für ein Lehramt verliehen, welches in ganz Deutschland anerkannt wird.

Direkteinstieg (Berufsschulen):  Für Personen, die über ein Fachhochschuldiplom oder einen Bachelorabschluss sowie mindestens zwei Jahre Berufserfahrung verfügen. Der Direkteinstieg kommt zum Tragen, wenn eine Planstelle nicht mit geeigneten Lehrkräften besetzt werden kann und keine geeigneten Quer-oder Seiteneinsteiger zur Verfügung stehen.

Zwei Jahre lang muss er ein strammes Programm absolvieren, vergleichbar mit einem etwas üppigeren Referendariat. Ein erfahrener Kollege steht ihm als Mentor zur Seite. Im ersten Jahr unterrichtet er 15 Stunden eigenverantwortlich, im zweiten Jahr 16. Das ist zu Anfang nicht ohne, wenn man bedenkt, dass jegliche didaktische und pädagogische Ausbildung noch fehlt – das wird jeden Mittwoch gepaukt, in den sogenannten Modulen des IQSH (Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen in Schleswig-Holstein), gemeinsam mit den „normalen“ Lehramtsanwärtern. „In der Mitte des Lebens wieder in die Rolle des Lernenden zurückzukehren ist nicht leicht“, erzählt der 51-Jährige. „Diejenigen, die mir etwas erklären, sind fast immer jünger. Damit muss man klarkommen können.“

Er kommt damit gut klar, daran lässt er keine Zweifel aufkommen. Seine offene, jung gebliebene Art ist ein Türöffner. Vor allem zur Schülerschaft, für die man an einer heterogenen Gemeinschaftsschule viel Fingerspitzengefühl braucht. Wenn man mit Andreas Jacobsen spricht, kann man sich gut vorstellen, wie das im Klassenzimmer funktioniert: Er steckt die Jugendlichen mit seinem Enthusiasmus einfach an, sodass sie gar nicht die Chance haben, keinen Bock zu haben. Jacobsen sieht seinen Beruf als Berufung. „Des Geldes wegen habe ich es nicht getan“, sagt er.

Der Lehrerjob fordert exzellentes Zeitmanagement, Selbstorganisation und Spontaneität. Jeden Tag neue Herausforderungen, das kennt er noch aus seinem ersten Beruf als Geschäftsführer eines mittelständischen Betriebes. Genau darin sieht Schulleiterin Anja Moeskes den Gewinn bei Seiteneinsteigern: „Solche Berufserfahrungen fehlen den Lehrkräften, die gleich nach dem Abitur auf Lehramt studieren.“ Doch sie weiß auch, dass es nicht immer so gut läuft wie in diesem Fall. Sie habe auch schon Lehramtsanwärtern sagen müssen, dass sie – bei allem guten Willen – ihre Berufsentscheidung nochmal überdenken mögen.

Im nächsten Frühsommer stehen für Jacobsen die Abschlussprüfungen an. Wenn alles gut läuft, ist er zum nächsten Schuljahr ein vollwertiger Gemeinschaftsschullehrer. Das Praktische für ihn: Da er als Seiteneinsteiger bereits eine Planstelle besetzt, kann er einfach an der Gallbergschule bleiben. Im Gegensatz zu den klassischen Referendaren, die sich nach dem Abschluss neu umsehen und bewerben müssen – und eventuell besetzen dann Leute wie Jacobsen schon jene Stellen, auf die sie sich gern beworben hätten. Deshalb sind Seiteneinsteiger Personalräten und Gewerkschaften ein Dorn im Auge, können sie doch den gewöhnlichen Absolventen den Weg verbauen. Eine Zwickmühle. Anja Moeskes sieht das Ganze pragmatisch: „Wir brauchen jetzt Lehrkräfte, welche die Mangelfächer unterrichten, damit wir eine qualitativ hochwertige Unterrichtsversorgung sicherstellen können.“ Und fügt hinzu: „Zudem ist Kontinuität an einer Schule extrem wichtig, denn Schule ist Beziehungsarbeit. Können Beziehungen nicht nachhaltig aufgebaut werden, dann leidet die Qualität des Unterrichts.“

Wie groß ist denn eigentlich der Lehrermangel in Schleswig-Holstein?

In Städten wie Kiel, Lübeck und Flensburg sei das noch kein Problem, „da können wir spielend alle Stellen besetzen“, erklärte Bildungsministerin Karin Prien zu Beginn dieses Schuljahres. Doch darüber hinaus mangelt es vielerorts an qualifizierten Lehrkräften, laut GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) vor allem an Grundschulen und Förderzentren sowie im Hamburger Umland. Die Schulen kämpfen um Lehrer. „Alle Bundesländer stehen miteinander im Wettbewerb“, sagt Thomas Schunck, Sprecher des Bildungsministeriums in Kiel.

Nach den Sommerferien sah es noch so aus, als müssten die Förderzentren mit einem Viertel Personal-Vakanz in das Schuljahr gehen – die Zahl hat sich mittlerweile etwa halbiert. Dennoch klafft noch ein Loch von rund 15 Vollzeitkräften. An den Berufsschulen sind es 29 Stellen, für die kein passender Kandidat gefunden werden konnte. Für alle anderen Schulformen mutet die Statistik wenig dramatisch an: Lediglich im einstelligen Bereich liegen die Zahlen der aktuell unbesetzten Stellen an Grundschulen, Gemeinschaftsschulen und Gymnasien. Wenn man sich vor Augen hält, dass das Land insgesamt rund 28.000 Lehrer auf 23.500 Stellen beschäftigt, erscheinen die Vakanzen verschwindend gering.

72 Personen sind in diesem Jahr nicht auf dem klassischen Weg ans Lehrerpult gekommen, sondern haben nach anderweitiger Karrierelaufbahn umgesattelt. Doch auch das ist eine Zahl, über die so manch anderes Bundesland lachen könnte. In Berlin und Sachsen waren mehr als 50 Prozent der zu diesem Schuljahr eingestellten Lehrer Seiteneinsteiger. Ohne sie würde die Unterrichtsversorgung zusammenbrechen.

Wo die meisten Seiteneinsteiger arbeiten

Rund jeder zwölfte Lehrer, der im Jahr 2016 in Deutschland in den öffentlichen Schuldienst eingestellt wurde, war ein Seiteneinsteiger. Das zeigt die aktuelle Statistik der Kultusministerkonferenz (KMK). 3015 Personen bzw. 8,4 Prozent aller Neueinstellungen hatten keine klassische Lehramtsausbildung – das ist der höchste Wert, der seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen 1979 existiert. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl der Seiteneinsteiger verdoppelt, eine Trendwende ist derzeit nicht erkennbar.

Die Bundesländer mit den meisten eingestellten Seiteneinsteigern waren laut KMK:

  1. Berlin (864)
  2. Sachsen (615)
  3. Nordrhein-Westfalen (580)
  4. Niedersachsen (464)
  5. Baden-Württemberg (150)

In Schleswig-Holstein wurden nach Angaben des Bildungsministeriums in Kiel zu Beginn dieses Schuljahres insgesamt 24 Seiteneinsteiger  – vor allem an Grundschulen – eingestellt, zudem 45 Quer- und 3 Direkteinsteiger an Berufsschulen und in der Sonderpädagogik.

Mit knapp 80 Prozent unterrichtet der Großteil aller Seiteneinsteiger bundesweit in den allgemeinbildenden Fächern, vor allem in den Naturwissenschaften (561), Deutsch (425) und Sport (277). 17 Prozent entfallen auf die Berufsschulen, drei Prozent auf den Bereich Sonderpädagogik.

 

Also entspannt zurücklehnen – alles gar nicht so schlimm hier im Norden? Mitnichten. Zum einen verschweigt die Statistik einen wichtigen Punkt: dass offiziell besetzte Stellen nicht immer von offiziell und vollständig ausgebildeten Lehrpersonen bekleidet werden. Auf 7,6 Prozent aller Stellen sitzen derzeit Noch-Studenten oder Absolventen eines Lehramtsstudiums, die aber noch kein Referendariat, also den praktischen Teil ihrer Ausbildung, absolviert haben (sogenannte „Nulltsemester“ im Schuljargon). Sie vertreten befristet reguläre Lehrkräfte.

Zum anderen soll der Lehrerbedarf in Schleswig-Holstein – entgegen bisheriger Annahmen – mittelfristig steigen. Mit dieser Botschaft rüttelte in den Sommerferien die Bertelsmann-Stiftung die Bildungspolitiker aller Länder wach. Einen „Schüler-Boom, der die Schulsysteme unvorbereitet treffe“ kündigten die Studienautoren an. „Steuern Länder und Schulträger nicht um, droht ein dramatischer Engpass an Lehrern und Gebäuden“, so die Warnung. 2025 sollen den Bertelsmann-Prognosen nach bereits vier Prozent mehr Kinder und Jugendliche die Schulbank drücken als heute, im Jahr 2030 sogar acht Prozent. Schleswig-Holstein braucht nach Einschätzung der Gewerkschaft GEW im Jahr 2030 rund 2000 Lehrer mehr, um die steigenden Schülerzahlen zu bewältigen.

Sind Seiteneinsteiger eine Lösung für die Zukunft?

Darüber sind die Meinungen geteilt. „Im Krankenhaus will man ja auch nicht von Ärzten operiert werden, die noch im Studium sind und keine praktischen Erfahrungen sammeln konnten“, wetterte kürzlich Astrid Henke, GEW-Landesvorsitzende, gegen das Modell. „Quer- und Seiteneinstieg sind gute Wege, um qualifizierte und motivierte Lehrkräfte zu gewinnen und die Unterrichtsversorgung zu verbessern“, urteilt hingegen das Kieler Bildungsministerium.

Fakt ist: Schon jetzt reicht der Lehrernachwuchs aus dem eigenen Stall nicht aus, um alle Stellen an allen Schulformen zu besetzen. Insbesondere im Bereich Sonderpädagogik ist der Mangel groß. Viele Referendare kehren Schleswig-Holstein auch nach dem Abschluss ihrer Ausbildung den Rücken, weil in einem anderen Bundesland attraktivere Arbeitsbedingungen winken. Zum Beispiel schlicht weniger Stunden vor der Klasse stehen zu müssen. Wechselt ein Gymnasiallehrer von Schleswig-Holstein nach Niedersachsen, muss er statt 25,5 nur 23,5 Unterrichtsstunden pro Woche geben. Macht inklusive Vorbereitungsaufwand rund vier Stunden weniger Wochenarbeitszeit. Da kommt ganz schön was zusammen.

Fakt ist aber auch: Die Lösung des Problems kann nicht in der vermehrten Anwerbung von Seiteneinsteigern liegen. Das ist nur oberflächliche Kosmetik. In einigen Fällen kann es blendend funktionieren und für die Schule einen großen Gewinn darstellen. Aber Ziel sollte sicherlich sein, nicht noch mehr potentielle Lehrer aus anderen Berufen abzuwerben. Ein bisschen ist es wie beim Zahnarzt: Man muss an die Wurzel. Der Lehrerberuf muss attraktiver werden. Sonst entscheiden sich die klugen Köpfe eben für alles Mögliche – aber kein Lehramtsstudium. Und schon bei den Studienplatzkontingenten muss der künftige Fächerbedarf eine Rolle spielen. Im nächsten Schritt muss es für die Absolventen auch Referendariatsplätze geben.

An dieser Stelle hat das Land schon reagiert: Zum 1. Februar dieses Jahres gab es 30 zusätzliche Stellen, fortlaufend soll es pro Semester ein Plus von 75 Ausbildungsplätzen für Referendare geben. Aber auch danach braucht es gute Angebote, um zu bleiben. Denn sonst locken die Lehrer-Universitäten Kiel und Flensburg zwar junge Leute für die Ausbildung ans Meer, verlieren sie aber danach an die Nachbarn. Bessere Arbeitsbedingungen an den Schulen, zum Beispiel durch eine reduzierte Arbeitsbelastung für Lehrer, fordert deshalb die Gewerkschaft. Auch die Gehaltserhöhung für Grundschullehrer auf A13 hält GEW-Chefin Henke für unausweichlich, um gutes Personal zu halten.

Wie lange will die Politik noch warten?

„Ende des Jahres wird Bildungsministerin Karin Prien ihr Konzept zur Lehrkräftegewinnung vorlegen“, erklärt Sprecher Thomas Schunck. „Es wird unter anderem auch Maßnahmen enthalten, um die Attraktivität des Lehramtes zu erhöhen und Lehrkräfte in Schleswig-Holstein zu halten. Ein weiterer Punkt wird die Lehrerausbildung sein.“ Man darf also gespannt sein. Die Lage in Berlin und Sachsen sollte Warnung genug sein. Schließlich geht es hier um nichts Geringeres als die Frage, wer in Zukunft unsere Kinder und Jugendlichen fit für das Leben macht.

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