Bombenangriff vor 70 Jahren : Als Feuer vom Himmel regnete

Schutt und Asche: Fünf der berühmten sieben Türme der Altstadt werden durch Bomben zerstört.
Schutt und Asche: Fünf der berühmten sieben Türme der Altstadt werden durch Bomben zerstört.

Mit der "Moral-Bombing"-Strategie versuchten die Alliierten den Rückhalt des Naziregimes in der Bevölkerung zu brechen. Vor 70 Jahren brannte Lübeck.

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26. März 2012, 12:31 Uhr

Lübeck | Lübeck vor 70 Jahren: Die Vollmondnacht zum Palmsonntag, dem 29. März 1942, ist frostklar. Es ist Krieg. Um 23.18 Uhr, um 23.40 Uhr, und um 1 Uhr fliegen insgesamt 234 britische Kampfflugzeuge die Hansestadt an, werfen 400 Tonnen Bomben ab. 320 Menschen kommen ums Leben, hunderte werden verletzt. Wie Fackeln brennen die Türme des Doms und der Marienkirche, dazwischen raucht, brennt, glüht eine 300 Meter breite Schneise der Verwüstung. Bomben fallen in dieser Nacht auch nördlich der Aegidienkirche, westlich des Holstentores und am Hauptbahnhof. Es ist der erste Angriff auf eine deutsche Altstadt und der Beginn der "Moral Bombing"-Strategie der Royal Air Force.
In dieser Nacht herrscht das Entsetzen. Brandbomben fallen in Dachstühle, die zuvor von Sprengbomben abgedeckt wurden. Dicht an dicht, wie die alten Häuser auf der Altstadtinsel stehen, sind sie leichte Beute für die Flammen, aus denen bald ein Feuersturm entsteht. Militärisch wichtig ist hier kein einziges Gebäude, eine Tatsache, die nicht nur die Nationalsozialisten für ihre abstruse Propaganda nutzen. Jahrzehnte später rotten sich Neonazis in Lübeck zu sogenannten Trauermärschen gegen den "verbrecherischem Bombenterror" zusammen - eine Geschichtsklitterung, die ein nachträglicher Schlag in die Gesichter der Kriegsopfer ist. Denn die Nacht, in der Lübeck brannte, hat eine Vorgeschichte: "Mondscheinsonate" war der zynische Deckname für den deutschen Luftangriff auf Coventry am 14. November 1940. In der Nacht zum 9. April war die englische Stadt erneut Ziel der Deutschen und wieder am 3. August 1942. Luftangriffe gab es auch auf London, Southampton, Birmingham, Liverpool, Clydebank, Bristol, Swindon, Plymouth, Cardiff, Manchester, Sheffield, Swansea, Portsmouth, Avonmouth.
Thomas Mann macht sich unbeliebt
Thomas Mann, in Lübeck geboren und aus Deutschland emigriert, sagt im April 1942 in seiner Radioansprache "Deutsche Hörer" die Sätze, die ihm an der Trave lange übel genommen werden: "Beim jüngsten britischen Raid (Angriff, d. Red.) über Hitlerland hat das alte Lübeck zu leiden gehabt. Das geht mich an, es ist meine Vaterstadt … Aber ich denke an Coventry und ich habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, dass alles bezahlt werden muss."
Und in Lübeck predigt Pastor Karl Friedrich Stellbrink davon, dass "Gott in diesem Feuerhagel mit mächtiger Stimme geredet" habe. Er wird verhaftet und stirbt als einer der vier Lübecker Märtyrer unter dem Fallbeil.
Fünf Türme zerstört
Die alten Lübecker Häuser brennen teils noch Tage nach dem Angriff. Viele Speicher sind nicht geräumt, Löschwasser ist eingefroren, die öffentliche Wasserversorgung durch Bombentreffer ausgefallen. Fünf der berühmten sieben Türme der Altstadt werden bei diesem Angriff zerstört: die beiden Domtürme fallen am Morgen des Palmsonntag im Abstand von zweieinhalb Stunden ein. St. Petri brennt völlig aus, in der gewaltigen Marienkirche stürzen Teile der Gewölbe von Mittel- und Seitenschiff und die beiden Turmdächer ein. Als die Glocken des Süderturms fallen, zerstören sie die mittelalterlichen Fensterscheiben, die schon in Kisten verpackt gelagert sind. Mit fast dem gesamten mittelalterlichen Inventar gehen der Totentanz und die alten Orgeln verloren. Die Altstadtkirchen St. Jakobi und St. Aegidien bleiben wie durch ein Wunder nahezu unversehrt.
70 Jahre nach der Palmarum-Nacht ruft die Initiative "Lübeck ist weltoffen" zu einem Aktionstag am 31. März auf, das Ziel ist ein wiederkehrender Gedenk- und Aktionstag für die Opfer von Diktatur und Krieg. Ziel ist auch, ein lebendiges Zeichen gegen Neonazi-Aufmärsche zu setzen. Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe hat den diesjährigen "Trauermarsch" verboten, dessen Anmelder haben rechtliche Schritte angekündigt. Unter dem Motto "Frieden und Versöhnung" lädt die Marienkirche am 31. März und am 1. April zum Gedenken an die Zerstörung Lübecks vor 70 Jahren ein. Im Zentrum steht ein Gottesdienst am 1. April um 10 Uhr. Die Predigt hält Canon David Porter, Direktor des Versöhnungszentrum der Kathedrale in Coventry.

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