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Schleswig-Holstein

24. Oktober 2017 | 08:12 Uhr

Als die Angeln Sønderjylland eroberten

vom

Dänische Archäologen rekonstruieren Machtverschiebungen nördlich und südlich der Flensburger Förde zur Eisenzeit

shz.de von
erstellt am 13.Aug.2013 | 03:59 Uhr

hadersleben/sonderburg | Ein kompletter Volksstamm verschwand um 200 nach Christus aus der Geschichte. Waren es die Varinen, die ethnischen Säuberungen in Nordschleswig zum Opfer fielen? Neueste archäologische Ausgrabungen stützen diese Theorie. Pfahllöcher aus der Eisenzeit erzählen davon, wie die Angeln aus dem Süden nördlich der Flensburger Förde einen Volksstamm und seine Kultur verdrängten.

Das Kapitel spielt in der Zeit um Christi Geburt. Damals lebte im heutigen Sønderjylland ein Stamm, den Museumsinspektor Per Ethelberg vom Museum Sønderjylland in Hadersleben bisher den Stamm der Ober-Jerstaler genannt hat, nach dem Fundort von dessen Grabstätte. Nun glaubt der Wissenschaftler jedoch, dass von den Varinen die Rede sein muss. Dies ist ein schriftlich bezeugter Stamm. Er lebte nach dem römischen Historiker Tacitus (etwa 56 bis 120 nach Christus) in einem Gebiet zwischen den Angeln und den Eudosen. Eudosen pflegte Tacitus die Jüten zu bezeichnen. "Bisher haben wir seinen Angaben nicht geglaubt", sagt Ethelberg. "Aber je mehr wir graben, finden wir Hinweise darauf, dass tatsächlich ein Stamm der Varinen existiert hat. Ebenso wie viele andere seiner Angaben zu stimmen scheinen."

Die Varinen bauten Häuser anders als die Angeln und dekorierten ihre Lehmgefäße mit anderen Mustern. Sie wohnten oft in größeren Dörfern mit acht bis zehn Gehöften und begruben ihre Toten auf kleinen Familienfriedhöfen. Aber dann kamen die Angeln. "Wir können erkennen, dass viele Variner-Männer mit ihren Waffen bestattet worden sind. Jedes Dorf hatte seine eigenen Krieger", stellt Ethelberg fest. Zunächst siedelten sich die Angeln im südlichen Teil des heutigen Sønderjylland an, vor allem im Sundewitt zwischen Flensburger Förde und Apenrader Bucht sowie auf Alsen. "Man kann sich vorstellen, dass anglische Krieger vom König der Angeln Land zugeteilt bekamen. An einigen Orten errichteten sie ihre ersten Gehöfte auf dem Platz eines früheren Variner-Hauses, das niedergebrannt worden war", erklärt der Archäologe. "Aus schriftlichen Quellen und aus Ausgrabungen wissen wir, dass man zu der Zeit den Feind nicht zu schonen pflegte. Die Leute wurden erschlagen. Jedoch haben wir keine Massengräber entdeckt. Das kann daran liegen, dass die Toten vielleicht überhaupt nicht beerdigt wurden."

Ethelberg nimmt an, dass die Angeln um das Jahr 31 nach Christus die massive Verteidigungsanlage Olgerdeich errichtet haben. Unter Zuhilfenahme des Flusses Wiedau schob sie einen Riegel von Apenrade bis zum Wattenmeer in die Landschaft. Das sollte die Variner, die nun in den Nordwesten Sønderjyllands verdrängt worden waren, daran hindern, Angriffe auf das neue Land der Siedler zu starten. Der Olgerdeich wurde mehrere Male ausgebaut, aber von etwa 110 nach Christus an verfiel er.

Die maximale Ausdehnung erreichte das Jahr der Angeln nach Ethelbergs Deutung, als es sich von Eckernförde im Süden bis Kolding im Norden erstreckte. Einen Zeitraum von 150 bis 200 Jahren nimmt der Forscher für diese Zeit der größten Ausdehnung an. Die Stammesangehörigen hielten überall an der Struktur mit Einzelgehöften wie im Kernland Angeln fest. "Wir haben mittlerweile fast 50 Wohnplätze der Angeln mit mehr als 100 Häusern in Sønderjylland ausgegraben", resümiert Ethelberg. "Allerdings sind wir nicht auf eine einzige Grabstätte gestoßen. Demgegenüber wurden im Kernland Angeln sehr große Grabstätten mit bis zu 1000 Urnen entdeckt. Keine Kriegsgräber, sondern ganz gewöhnliche Urnenfelder. Die darum herum liegenden Ansiedlungen konnten so große Grabfelder gar nicht bestücken. Deshalb beginne ich darüber nachzudenken, ob die nach Sønderjylland übergesiedelten Angeln nach Hause reisten, um ihre Toten dort zu bestatten."

Einige der Waffen, die in Umlauf waren, sind inzwischen aus dem Moor von Nydam ausgegraben worden. Hier, so Ethelberg, nahmen die Angeln nämlich eine Tradition wieder auf, die sie aus der alten Heimat mitgebracht hatten: Kriegsbeute den Göttern zu opfern. Nach einem Sieg zerstörte man die Waffen des Feindes, um sie zu versenken. Das heute auf Schloss Gottorf beheimatete Nydam-Boot aus Eiche, glaubt Ethelberg, sei auch von den Angeln geopfert worden. Auch im Moor von Ejsbøl bei Hadersleben wurde geopfert. Dort haben die Archäologen einen Prachtgürtel gefunden, der identisch mit einem aus einem Grab bei Neudorf-Bornstein südlich von Eckernförde.

"Einige meinen, dass ich den Mund zu voll nehme", räumt Ethelberg ein. "Aber ich glaube, dass die Grabstätte ein Königsgrab darstellt. Und ich finde es auffällig, dass so ein einzigartiger Gürtel im Moor von Ejsbøl geopfert wird. Das kann ja nur passieren, wenn dort eine große Schlacht stattgefunden hat und es diesmal die Angeln waren, die verloren haben. Ihr König muss gefallen sein, und danach wurden sie selbst von den Jüten verdrängt."

Die Spuren der Häuser der Angeln verschwinden aus der Erde von Sønderjyl land um das Jahr 400 nach Christus herum. "Dank der Ausgrabungen haben wir genug Material erhalten, um zu dokumentieren, warum die Angeln kamen und wann sie sich zurückgezogen haben", stellt Ethelberg fest. "Wir wissen nun, dass sie den Sundewitt als letztes Gebiet des heutigen Sønderjylland verlassen haben. Wir können also die vielen früheren Ausgrabungen im Moor von Nydam um die Geschichte ergänzen, wer geopfert hat und warum."

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