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Gesundheit in Schleswig-Holstein : Alle fünf Wochen schließt eine Apotheke in SH

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Zahl der Apotheken in Schleswig-Holstein geht immer weiter zurück. Bürokratie, Gesundheitspolitik und der demografische Wandel setzen ihnen zu. Die Folgen bekommen nicht nur die Patienten zu spüren.

Flensburg | Oft ist den Menschen gar nicht bewusst, dass sie mit Hepatitis C infiziert sind. Dabei sterben jährlich 350.000 Menschen an dem Erreger, der die Leber schädigt. Seit einiger Zeit ist es möglich, Hepatitis C nicht zu therapieren, sondern vollständig zu kurieren. „Das ist ein tolles Mittel, weil es wirklich heilt“, erzählt Thomas Friedrich, Geschäftsführer beim Apothekenverband Schleswig-Holstein. Die Sache hat nur einen Haken: Das Medikament ist nicht umsonst zu haben. Eine sechsmonatige Therapie schlägt so mit rund 100.000 Euro zu Buche. Für die Apotheken im Land können solche Fälle zur finanziellen Belastungsprobe werden. Sie müssen bei den Herstellern in Vorleistung gehen. Zwar erstatten die Krankenkassen die Kosten, doch bis dahin können Wochen vergehen.

Dabei ist dies nur eines von vielen Problemen, mit denen die Branche zu kämpfen hat. Gut alle fünf Wochen schließt irgendwo in Schleswig-Holstein eine Apotheke – für immer. Von 739 Apotheken, die es noch im Jahr 2009 gab, sind inzwischen nur noch 687 übrig. Und ein Ende des Apotheken-Sterbens im Land ist nicht absehbar.

Grund sei die „wirtschaftliche Lage“, sagt Thomas Friedrich vom Apothekenverband Schleswig-Holstein. „Apotheken, die vor 15 Jahren als gutgehend galten, sind es nicht mehr.“ Der Markt befindet sich unter Druck und konsolidiert. In den Städten – so räumt er ein – habe es möglicherweise auch ein Überangebot gegeben. Allerdings hätten sich auch diese Apotheken lange Zeit halten können. Doch nun ist für sie Schluss. Dabei zeigen Studien, dass schon 2009 gut die Hälfte aller Schleswig-Holsteiner mehr als 1,3 Kilometer zum Erreichen der nächsten Apotheke zurücklegen musste – so viele wie in keinem anderen westdeutschen Bundesland.

Das Sterben der Apotheken ist aber dennoch nicht auf den Norden begrenzt. Bundesweit ist das Bild ähnlich. Von 21.602 Apotheken in 2008 sind bis aktuell noch 20.249 Apotheken übriggeblieben. Beim zentralen Verband der Apotheker in Deutschland in Berlin, dem ABDA, sagt Präsident Friedemann Schmidt: „Die sinkende Zahl an Apotheken in Deutschland hat nicht eine, sondern viele Ursachen.“

Diese reichen von veränderten Lebensgewohnheiten, über den demografischen Wandel bis tief hinein in die bürokratischen Verästelungen des deutschen Gesundheitssystems. So bilden Landärzte und Apotheken oft eine Schicksalsgemeinschaft. „Wenn im ländlichen Bereich der letzte Landarzt geht, kann auch die Apotheke dicht machen“, sagt Friedrich. 80 Prozent ihres Umsatzes machten Apotheken im ländlichen Raum ihm zufolge mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Dabei verdienen die Apotheker vorrangig an der einzelnen Packung – genauer gesagt: 8,35 Euro. Ganz gleich, ob ein Medikament 30 oder 300 Euro kostet. Zusätzlich gibt es drei Prozent vom Einkaufspreis. „Wir haben seit vielen Jahren eine unveränderte Honorierung“, klagt Friedrich. Zumal die Kosten der Apotheker nicht gesunken, sondern gestiegen sind. Datenverarbeitung, Logistik, Rabatt- und Generikaverordnungen treiben Prozess-Kosten in die Höhe – und erhöhen obendrein wohl immer häufiger den Druck auf die Angestellten in den Apotheken.

Bei der Apotheken-Gewerkschaft Adexa heißt es, dass Mitglieder in der Rechtsberatung der Gewerkschaft und auf Veranstaltungen die Rückmeldung geben, dass sie sich „stärker belastet fühlen“. Neben der Bürokratie und den Rabattverträgen, mit denen Krankenkassen sich an bestimmte Medikamenten-Hersteller binden, werden ebenso Personalmangel und Arbeitsverdichtung als Gründe dafür genannt.

Gespräche zwischen Apotheken, Krankenkassen und Politik werden geführt. Über vieles. Für das Thema Vorkasse könnte es womöglich sogar bald eine Lösung geben. Ob allein dies das Apotheken-Sterben beendet, bleibt abzuwarten. Bundesweit gab es zuletzt 25 Apotheken pro 100.000 Einwohner. Das ist deutlich weniger als im EU-Durchschnitt (31) – aber immer noch vor Österreich (16), Schweden (14) oder Dänemark (6).

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erstellt am 06.Mär.2016 | 10:20 Uhr

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