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Reise nach China : Albig in Zhejiang: SH als Zwerg auf Augenhöhe

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Albig besucht die Partnerprovinz Zhejiang. SH genießt dort hohes Ansehen – die Chinesen hoffen auf Firmen-Ansiedlungen.

shz.de von
erstellt am 12.Mai.2016 | 08:23 Uhr

Hangzhou | Frauen und Männer sitzen unter den Pagoden und spielen Karten. Ihr Lachen ist weithin im Park des Glückes in Hangzhou zu hören. Die Luft wiegt schwer von Feuchtigkeit. In Deutschland beherrschten zuletzt die schwächeren Wachstumszahlen der Volksrepublik die Schlagzeilen. Doch das Bild, das sich in diesen Tagen in Schleswig-Holsteins Partnerprovinz Zhejiang zeigt, erzählt eine andere, eine kompliziertere Geschichte.

Chinas Wirtschaft schwächelt zwar, doch für Deutschland bleibt das Reich der Mitte ein wichtiger Handelspartner. Ein Staatsbesuch wie der von Albig hat auch  zum Ziel weitere Kooperationen auszuloten, zudem ist China für deutsche Unternehmen ein attraktiver Standort.

Mit Polizei-Eskorte geht es durch die Stadt. Zur Feier der Zusammenarbeit beider Regionen ist  Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) begleitet von einer 40-köpfigen Delegation für drei Tage nach China gereist. Zhejiang unterhält mehr als 90 regionale Partnerschaften, zählt 55 Millionen Einwohner, die Beziehungen zu Schleswig-Holstein sind die eines Riesen zu einem Zwerg. „Man muss sich vor Augen halten, Zhejiang hat fast die Größe von Deutschland, doch sie behandeln uns als gleichwertigen Partner“, sagt Albig. Gesperrte Kreuzungen, Blaulicht und Absperrungen für die Gäste gibt’s da inklusive.

So auch auf dem Weg zu Alibaba – der größten Handelsplattform der Welt. Animationen aller Art blitzen auf einer gewaltigen Videowand im Konferenzraum des Unternehmens in Hangzhou auf. Der für Deutschland zuständige Manager, ein Ex-Karstadt-Mitarbeiter, rappelt die Zahlen herunter. Alibaba bietet eine Idee von der Zukunft. Es geht um Milliarden-Umsätze – täglich. 50 Prozent des Handels in China erfolgt online, in Europa sind es 12 Prozent. Alibaba ist der unumstrittene Platzhirsch in der Volksrepublik. „Es war schon beeindruckend zu sehen, wie die sich aufstellen“, sagt Albig später. In China vernetzt Alibaba Mittelständler in ländlichen Regionen mit Konsumenten in Millionenstädten. Wirtschaftsminister Reinhard Meyer sieht darin Chancen für Betriebe aus der Heimat, die womöglich bald ihre Produkte über Alibaba auf Chinas Riesenmarkt  bringen könnten. Seit vergangenem Jahr unterhält der Internetkonzern ein Büro in Deutschland. Nun sollen Unternehmer über die IHK an den Internet-Riesen und seine Technik herangeführt werden.

Schleswig-Holstein und Zhejiang sind nach 30 Jahren stark verflochten. Die Universitäten pflegen Kooperationen. Seit 20 Jahren betreibt die Wirtschaftsförderung des Landes, die WTSH, ein Business-Center in Hangzhou, über das Firmen erste Schritte auf dem fremden Markt versuchen können. Das Büro selbst, so sagt WTSH-Chef Bernd Bösche, mache keinen spektakulären Eindruck. Doch spektakulär seien die Geschichten mancher Betriebe, die hier begonnen haben. Nicht jede Unternehmung gelang, manche ging unter. Doch Bösche schätzt, dass es für Dreiviertel in der Volksrepublik eine Zukunft gab. Die Ansiedlung in China, fügt er hinzu, „sichert und schafft auch Arbeitsplätze in Deutschland“.

Gelegenheiten für  Ansiedlungen wollen die Chinesen weiter bieten. Auf ihre eigene Art. In Jiaxing, einer Nachbarstadt von Shanghai, stampft die Stadtverwaltung aktuell ein Industriegebiet aus dem Boden. Noch ist nur grüne Weite zu sehen. Nach Plänen des Bürgermeisters Hu Haifeng soll sich das jedoch schnell ändern und auf vier Quadratkilometern Industriebetriebe entstehen, gerne von Unternehmen aus Deutschland, gerne von welchen aus Schleswig-Holstein – auf einer Fläche viermal so groß wie die Lübecker Altstadt-Insel.  So plant es der Sohn von Chinas früherem Präsidenten Hu Jintao.

Vor 30 Jahren hat sich Zhejiang das nördlichste Bundesland als Partner ausgesucht und sich in den darauffolgenden Jahren zur chinesischen Boom-Region schlechthin verwandelt. Auch jetzt wird wieder überall gebaut. Im September kommen die Staats- und Regierungschefs der G20-Staaten in Hangzhou zusammen. Derweil läuft die Anti-Korruptionskampagne der Führung in ganz China weiter. Die Bankette für ausländische Gäste fallen kleiner aus. Teurer Schnaps wird nicht mehr angeboten.  Gegen Oppositionelle gehen Behörden wieder verstärkt vor. Jüngst brachte die Regierung ein Gesetz auf den Weg, um auch ausländische NGO stärker zu kontrollieren. Im Gespräch mit Zhejiangs Gouverneur Li Qiang zeigt sich Albig besorgt, dass das Gesetz nachteilig für die  guten Beziehungen sein könnte. Auch die WTSH etwa ist eine Nicht-Regierungsorganisation. Li gilt als enger Vertrauter des mächtigen Präsidenten Xi Jinping. Er wiegelt ab.

Auf der Rückfahrt zum Flughafen platzt am Auto des Ministerpräsidenten ein Reifen. Per Bus geht es für ihn weiter. In Hangzhous Glücksgarten spielen die Menschen derweil unbeirrt mit ihren Karten.

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