Kirchenskandale : Aktivisten fordern zum Kirchenaustritt auf

Mit einer Plakataktion wollen Aktivisten Kirchenmitglieder angesichts der Missbrauchsfälle zum Austritt bewegen. Foto: Henningsen
Mit einer Plakataktion wollen Aktivisten Kirchenmitglieder angesichts der Missbrauchsfälle zum Austritt bewegen. Foto: Henningsen

Hans-Jochen Jaschke, Bischof des Hamburger Erzbistums, ist entsetzt über die Missbrauchsfälle in seiner Kirche. Er kann verstehen, wenn es den Gläubigen reicht.

shz.de von
05. April 2010, 04:43 Uhr

Hamburg | "Das ist ein bodenloser, abgrundtiefer...", Weihbischof Hans-Jochen Jaschke ringt nach Worten, um seine Empörung und Fassungslosigkeit auszudrücken, "…ein Skandal!" Die Rede ist - wie könnte es dieser Tage anders sein - von den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Priester haben sich in zahlreichen Einrichtungen überall in Deutschland an Kindern und Jugendlichen vergangen. "Ein unglaublicher Vertrauensmissbrauch, der ans Herz geht", sagt der Weihbischof des Erzbistums Hamburg - und alles an ihm, seine Hände, die sich zu Fäusten ballen, seine Augen, seine Mimik spricht von der ohnmächtigen Wut, die den Kirchenmann angesichts der Vergehen seiner Amtsbrüder ergreift.

Jaschke nimmt in der Auseinandersetzung kein Blatt vor den Mund. "Blauäugig" sei die katholische Kirche mit dem Thema in der Vergangenheit umgegangen "und auch zu leichtfertig". Natürliche könne man die Priesteranwärter nicht genau auf mögliche "pervertierte sexuelle Veranlagungen" prüfen, aber es könne geschehen, dass sich "Menschen mit einem sexuellen Defizit sich in den Zölibat flüchten", räumt er ein. Das spreche ausdrücklich nicht gegen den Zölibat, wohl aber gegen die Auswahl. "Aber bitte keinen Generalverdacht! Damit tut man vielen einzelnen bitteres Unrecht und beschädigt den Pristerberuf im Kern", mahnt Jaschke. Außerdem: Im Vergleich zur Gesamtgesellschaft sei der Anteil von Tätern und Missbrauchsopfern zwar sehr gering - doch stehe dies in einem klaren Gegensatz zu dem hohen Anspruch an Moral und Sexualität, der durch die katholische Kirche vertreten werde. "Als Kirche ist das für uns eine Katastrophe!"
Viele sind sehr betroffen - aber auch beschämt

Eine Katastrophe, die gerade in den Gemeinden spürbar wird. "Die Stimmung ist bedrückt", berichtet Propst Leo Sunderdiek von der katholischen Propsteigemeinde St. Nikolaus zu Kiel. "Viele sind sehr betroffen - aber auch beschämt. Sie sprechen das nicht so an", ist die Erfahrung von Pfarrer Stefan Krinke von St. Marien Schmerzhafte Mutter in Flensburg. Ein Mitglied seiner Gemeinde habe ihm sogar erklärt, dass es aufgrund dieser Vorkommnisse nun endgültig aus der Kirche austreten werde.

Abstimmung mit den Füßen - das scheint es im Moment häufiger zu geben. Bis zu 70 Austritte täglich vermeldete kürzlich das Standesamt München - normal seien 40. Doch die Masse der Menschen scheint ihrer Kirche weiter die Treue halten zu wollen. Das bestätigt nicht nur eine Umfrage von Schleswig-Holstein am Sonntag unter den Standesämtern in Schleswig-Holstein und Hamburg. Danach sind die Austrittszahlen im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres oftmals entweder konstant oder sogar rückläufig. Eine Forsa-Umfrage kommt zu dem Ergebnis, dass 80 Prozent der Katholiken zu ihrer Kirche stehen wollen. 19 Prozent denken über einen Austritt nach.
Plakate: "Kirchenaustritt jetzt!"

Auf eben diese 19 Prozent haben es die Aktivisten von "Spart euch die Kirche" abgesehen. Von ihnen stammen die bundesweit aufgehängten Plakate "Kirchenskandal ohne Ende: Jetzt reichts! Kirchenaustritt jetzt!" Weiter heißt es unter anderem: "Wollen Sie diejenigen unterstützen, die Schwerverbrechen an unschuldigen Kindern begehen, die selbst im Luxus schwelgen und andere zur Kasse bitten, um ihren Lebensunterhalt zu erarbeiten, die das alles unter dem Etikettenschwindel christlich tun, obwohl es sich in Wahrheit um heidnische Kulte handelt?" Wer allerdings unter der angegebenen Hotline anruft, staunt. Denn "Freie Christen" schallt es dem Kirchenmüden als Begrüßung entgegen. Eine Vereinigung von Menschen, die dagegen kämpft, dass "Kirchen von allgemeinen Steuergeldern subventioniert werden", wie ihr Sprecher Dieter Potzel erklärt.

Weihbischof Jaschke kann beim Lesen des Plakates nur den Kopf schütteln. "Mir reichts langsam auch", sagt er und meint damit die immer neuen Schreckensnachrichten, die wie ein Tsunami über seine Kirche hereingebrochen seien. "Aber wir müssen jetzt durch das Tal der Tränen durch." Dazu gehört für den Bischof die Anerkennung der Schuld. "Wir müssen uns schämen, dass wir als Kirche diese Geschehnisse so lange unter den Tisch gekehrt haben." Jetzt würden sie benannt, jetzt würde aufgeklärt - und jetzt würden die Schuldigen soweit es möglich ist auch vor Gericht gestellt. Den Opfern stellt Jaschke sowohl seelische Hilfe in Form von Gesprächen und Therapie in Aussicht, als auch finanzielle. "Es wird sicher einen Fonds geben."

Doch zunächst steht Ostern vor der Tür. "Bisher haben wir oft ein bisschen scheinheilig das Böse überall sonst angeprangert. Diesmal ist es in unseren eigenen Reihen." Deshalb werde die Karfreitags-Fürbitte das Thema aufgreifen. "Und Ostern heißt auch, dass wir alle neu anfangen dürfen."

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