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Lungenkrankheit : Ärzte alarmiert: Die Tuberkulose kehrt zurück

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im vergangenen Jahr gab es 30 Prozent mehr Lungenkranke als davor. Das Gesundheitsministerium gibt Entwarnung, denn die von Flüchtlingen eingeschleppten Erreger werden schnell erkannt und die Patienten behandelt.

shz.de von
erstellt am 21.Mär.2016 | 06:20 Uhr

Sie galt in Europa als beinahe ausgerottet. Doch jetzt ist die Tuberkulose zurück. Deutschlandweit wurden im vergangenen Jahr 5850 Fälle der heimtückischen Lungenkrankheit diagnostiziert. Das ist ein Plus gegenüber dem Vorjahr von 30 Prozent.  Auch Schleswig-Holstein ist betroffen: Gab es 2014 zwischen Nord- und Ostsee 85 Fälle, so waren es im vergangenen Jahr bereits 114. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Allein in der vorvergangenen Woche meldete das Institut für Infektionsmedizin vier neue Fälle in Neumünster, Segeberg und im Lauenburgischen. Seit Jahresbeginn sind laut Gesundheitsministerium in Schleswig-Holstein schon 16 Fälle aufgetreten.

Ein erheblicher Anteil des Anstiegs geht nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) darauf zurück, dass die Gesundheitsämter wegen der großen Flüchtlingszahlen mehr Reihenuntersuchungen machten und so mehr Kranke aufspürten.

 

Das Infektionsschutzgesetz schreibt eine Massenkontrolle der Asylbewerber vor. Es werden alle außer den Schwangeren geröngt. Die Ärzte sollen alle Menschen herausfiltern, deren Lungenbild auffällige Flecken zeigt oder bei denen andere Anzeichen der Infektion bemerkt werden. „Die systematischen Untersuchungen führen zu einer frühen Diagnose“, heißt es im Kieler Gesundheitsministerium. „Eine Ansteckung oder Ausbreitung kann damit vermieden werden, die Krankenhäuser sind auf eine Behandlung vorbereitet.“ Es bestehe kein Anlass zur Besorgnis für die Bevölkerung.

 

Viele besonders schwer Erkrankte schicken die 400 Gesundheitsämter in der Bundesrepublik nach Borstel im Kreis Segeberg. Dort ist nicht nur das Nationale Referenzzentrum für Mykobakterien – also für den Tuberkelerreger – ansässig, sondern auch eine international renommierte Lungenfachklinik – wo zeitweilig alle 13 Betten mit Migranten belegt waren. Zwischen sechs Monate und zwei Jahre dauert die Behandlung mit entsprechenden Antibiotika.

„Im Jahr 2014 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Ziel ausgerufen, die Tuberkulose in Westeuropa zu eliminieren. Davon sind wir jetzt weiter entfernt als noch vor einigen Jahren.“ Das sagt Prof. Christoph Lange, zuständig für Infektionsmedizin im Fachklinikum Borstel (Kreis Segeberg), zum akuten Anstieg der Fallzahlen der tückischen Infektionskrankheit. Seit Jahresbeginn kamen in Schleswig-Holstein 16 neue hinzu.

Während die Tuberkulose zum Beispiel in Syrien eine seltene Erkrankung ist – nicht häufiger als in Polen oder Portugal – schlägt die Schwindsucht in manchen armen Ländern in Asien, Afrika und Osteuropa besonders heftig zu. Darunter Afghanistan, Eritrea, Somalia und die Ukraine. Flüchtlinge, die sich auf den Weg nach Deutschland machen, bringen die meldepflichtige Infektion mit. „Der langjährig rückläufige Trend insgesamt ist beendet“, wie das RKI bereits im Oktober festhielt.

Außerordentliches Improvisationstalent war in Borstel auch gefragt, weil anfangs nicht in allen Erstaufnahme-Einrichtungen des Landes Röntgenanlagen für die Reihenuntersuchungen bereit standen. Zum Beispiel im nordfriesischen Seeth. „Jeden Tag kam deshalb ein Reisebus mit rund 50 Leuten ins 130 Kilometer entfernte Borstel“, berichtet Lange. „Das war eine Fahrt von rund drei Stunden hin und zurück.“ Jetzt ist die Fahrerei vorbei. Auch in Seeth wird inzwischen geröntgt.

Weil Tuberkulose eine „Armuts-assoziierte“ Krankheit ist, beobachtet Lange jetzt eine „Gesundheitsmigration“. „Sie entsteht, weil die Tuberkulose in anderen Teilen der Welt noch ganz andere Dimensionen besitzt. Einige wenige erkrankte Menschen, besonders junge Männer aus Osteuropa, kratzen alles Geld zusammen und kommen nach Westeuropa.“

Zu Hause, etwa in der Ukraine, hätten sie kaum eine Chance auf Heilung. In manchen Regionen der Erde wächst sich nämlich die Ausbreitung multiresistenter Erreger zur Krise aus. Nach Jahrzehnten der Antibiotika-Therapie reagieren Krankheitserreger nicht mehr auf wichtige Medikamente. Die Weltgesundheitsorganisation ist alarmiert. „Wir hatten kürzlich drei Patienten mit multiresistenter Tuberkulose aus Georgien, die zuvor für die Behandlung nach Frankreich gereist waren.“ Dort gab es Schwierigkeiten. Sie fuhren nach Nordrhein-Westfalen. Von dort wurden sie zur Spezialtherapie nach Borstel dirigiert. „Es gibt sogar Schlepper, die bringen solche Menschen bis kurz vor die Krankenhäuser“, sagt Lange. Borstel gilt auch bei Asylbewerbern als gute Adresse.

Zehn Fragen und Antworten zur Tuberkulose:

Was ist Tuberkulose?

Tuberkulose ist eine Infektionskrankheit, die durch Bakterien ausgelöst wird. Der Erreger heißt Mycobacterium tuberculosis. Tuberkulose ist mit Medikamenten heilbar. Unbehandelt kann die Krankheit tödlich verlaufen. Weltweit, besonders in armen Regionen der Erde, sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weiter rund 1,5 Millionen Menschen pro Jahr - oft wegen fehlender oder schlechter medizinischer Versorgung. Problematisch ist nach Einschätzung von Fachleuten etwa die Lage in Teilen Afrikas, Osteuropas und Zentralasiens. Trotz aller Bemühungen, die Infektionskrankheit bei uns ganz zu besiegen, erkranken auch in Deutschland immer noch Menschen neu. Als Abkürzung für Tuberkulose sprechen manche kurz von „TB“ oder „TBC“.

Wie läuft die Ansteckung bei Tuberkulose?

In der Regel wird die Krankheit von Mensch zu Mensch übertragen. Bei der bekanntesten Form, der Lungentuberkulose, geschieht das etwa beim Husten oder Niesen. Feinste Tröpfchenkerne, die Erreger enthalten, gelangen in die Luft. Andere Menschen können sie einatmen. Allerdings braucht es für die Übertragung der Krankheit in der Regel eine größere Zahl von Erregern und eine längere Zeit des Kontakts zum Kranken. „Eine Ansteckung erfolgt nicht so leicht wie bei anderen über die Luft übertragbaren Krankheiten. Das Ansteckungsrisiko nach einmaligem kurzem Kontakt ist sehr gering“, sagt die Tuberkulose-Expertin Lena Fiebig von Robert Koch-Institut (RKI).

Welche Tuberkuloseformen gibt es?

Die Lungentuberkulose ist mit Abstand die häufigste Form. Die Krankheit kann aber auch andere Organe betreffen - etwa die Nieren, Lymphknoten, Knochen oder Gelenke. Wenn die Lunge nicht mitbetroffen ist, spielt die Übertragung über Luft keine Rolle - und es besteht kein oder nur ein geringes Übertragungsrisiko.

Wird jeder Infizierte krank?

Nein. Die WHO hat einmal geschätzt, dass weltweit rund jeder dritte Mensch den Erreger in sich trägt. Aber nur 5 bis 10 von 100 Infizierten würden im Laufe ihres Lebens überhaupt krank.

Solange die Infizierten gesund bleiben, spricht man von einer latenten tuberkulösen Infektion. Dabei wird der Erreger von der Abwehr des Körpers erfolgreich bekämpft und unter Kontrolle gehalten. Der Mensch ist nicht ansteckend. Schreitet die Infektion voran, kann es zur „geschlossenen“ Lungentuberkulose kommen. Das ist eine Erkrankung mit Entzündungsherd in der Lunge, der aber keinen Anschluss an die Atemwege besitzt. Auch diese Form ist nicht ansteckend. Gefährlich für andere ist dagegen die Form, die man „offene“ Tuberkulose nennt - also bei der Bakterien in die Luft entweichen.

Was gibt es für Besonderheiten bei Kindern?

Kinder sind besonders gefährdet, aber zugleich in der Regel für andere weniger ansteckend: „Sie sind empfänglicher für eine Infektion und haben ein erhöhtes Risiko, zeitnah nach einer Infektion eine aktive Tuberkulose zu entwickeln und schwer zu erkranken“, erläutert RKI-Expertin Lena Fiebig. „Wegen ihres schwächeren Hustenstoßes und einer geringeren Erregerzahl geht von Kindern ein geringeres Ansteckungsrisiko aus.“ Sorgen macht Ärzten oft, dass man die Tuberkulose bei Kindern schlechter als bei Erwachsenen erkennt, da die Symptome oft weniger eindeutig sind.

Welche Methoden zum Erkennen der Krankheit gibt es?

Häufig kommen Patienten mit typischen Anzeichen einer fortgeschrittenen Krankheit zum Arzt: etwa mit lange andauerndem Husten, vor allem mit Auswurf, nächtlichem Schweiß und Gewichtsverlust. Ein anderer Weg: Die Gesundheitsämter suchen aktiv nach der Krankheit in Risikogruppen, etwa bei Menschen, die Kontakt zu TB-Kranken hatten, und bei Asylsuchenden.

Bei dem Versuch, eine Tuberkulose wirklich zu finden, helfen verschiedene Checks. Zentral ist das Röntgen der Lunge. Außerdem gibt es den Nachweis der Bakterien im Auswurf mit dem Mikroskop. Und mit Hilfe des Anzüchtens der Erreger - dabei wird über mehrere Wochen eine Kultur angelegt.

Weitere Verfahren sind ein Hauttest (Tuberkulin-Hauttest) und ein Bluttest, der Interferon-Gamma-Test. Beide messen eine Immunreaktion auf den Erreger. Sie können aber nicht unterscheiden, ob ein Mensch nur infiziert oder an einer Tuberkulose erkrankt ist.

Wann und wo wurde die Tuberkulose entdeckt?

Der deutsche Mediziner und Nobelpreisträger Robert Koch (1843-1910) wies den Erreger nach und hielt darüber am 24. März 1882 einen Vortrag. Dieser Tag ist heute Welttuberkulosetag. Damals war die Infektion in Europa noch eine Volkskrankheit.

Wie wird behandelt?

Tuberkulose wird in der Regel mit einer Kombination aus mindestens vier Antibiotika behandelt, von denen zwei über mindestens sechs Monate eingenommen werden müssen. Anfangs kommen die Kranken in die Klinik, später werden sie daheim betreut. Zwei bis drei Wochen nach Beginn einer Therapie sind die Patienten meist nicht mehr ansteckend. Eine unvollständige oder zu kurze Einnahme der Medikamente ist gefährlich. Sie kann bewirken, dass die Erreger unempfindlich gegen diese Mittel werden - eine Multiresistenz kann entstehen.

Was ist anders bei multiresistenter Tuberkulose?

Bei multiresistenter Tuberkulose wirken die beiden wichtigsten Medikamente, die Ärzte in der Therapie einsetzen, nicht mehr. Die Bakterien sind widerstandsfähig dagegen. Dies macht die Behandlung länger und schwieriger. RKI-Expertin Lena Fiebig erläutert: „Diese Patienten müssen besonders gut während der Therapie begleitet werden. Die Therapie dauert meist bis zu zwei Jahre, teilweise sogar länger. Eine multiresistente Tuberkulose ist schwerer behandelbar, und die Therapie kann mit mehr unerwünschten Arzneimittelwirkungen einhergehen.“

Was kostet die Behandlung?

Weil Tuberkulosefälle sehr unterschiedlich sind, können die Kosten für Krankenhaus, Medikamente und Betreuung stark auseinandergehen. Die Behandlung eines normalen Falls kann nach Expertenanalysen mehrere Tausend Euro kosten. Bei einer multiresistenten Form werden es schnell mehrere Zehntausend Euro oder mehr.

(mit dpa)

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