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List auf Sylt : Adieu, Hagebuttentee! - Wie sich Jugendherbergen in SH verändert haben

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Ansprüche der Gäste steigen, die Herbergen passen sich an. Eine Spurensuche auf Sylt.

von
erstellt am 21.Mai.2016 | 16:44 Uhr

List/Sylt | „Ich glaube, wir haben nicht mal Hagebuttentee.“ Sabine Obst schaut schnell in der Küche ihrer Jugendherberge nach. Chai, Rooibos Vanille, Darjeeling, Ingwer-Lemon und die Sorte „Eisprinzessin“ mit Erdbeer-Himbeer-Eisbonbon-Geschmack gibt es dort. Und noch etliche andere. Aber von Hagebutte tatsächlich keine Spur. Ebenso vergeblich sucht man die kleinen Blechkannen, in denen das rote Gebräu früher auf den Tisch kam. Sagt zumindest die Erinnerung. Oder die trockenen Feinbrotscheiben, die nur mit viel Margarine die Kehle runtergingen. Stattdessen gibt es einen Kaffee-Automaten, Brötchen, geschnittenes Gemüse, verschiedene Aufschnitt- und Müslisorten. Ein Frühstücksbuffet, wie es in einem Hotel nicht anders aussehe. Lediglich die Schilder „Nette Gäste helfen mit“ auf den Tischen im Speisesaal deuten darauf hin, dass es hier doch kein klassisches Hotel ist.

Darauf ist Sabine Obst, Leiterin der Jugendherberge in List auf Sylt, stolz – dass sie ihren Gästen einerseits einen Standard bietet, dem vom verstaubten Image der Jugendherbergen, wie es in vielen Köpfen noch vorherrscht, nichts mehr anhaftet. Dass aber anderseits eben kein Rundum-Service geboten wird, jeder seinen Tisch selbst abräumt und dafür verantwortlich ist, auch mal zum Lappen zu greifen, wenn er mit seinem Kaffee gekleckert hat. Möchte man doch auch selbst gern seinen Frühstücksplatz krümel- und fleckenfrei vorfinden.

„Gemeinschaft erleben“, den Slogan der Jugendherbergen, hat die 54-Jährige verinnerlicht und legt Wert darauf, ihr Haus nach diesem Motto zu führen. „Zu uns kommen die verschiedensten Menschen, von der Gruppe Zwölftklässler aus Frankfurt am Main bis zur Oma, die sich drei Tage Sylt im Jahr von der Rente abspart. Jeder soll den Raum haben, sich so zu entfalten, dass er oder sie Spaß hat – aber in einem Rahmen, der niemanden behindert. Das ist unsere größte Herausforderung.“

Sabine Obst und Assistent Sven Gehring leiten die Herberge im Norden von Sylt.
Sabine Obst und Assistent Sven Gehring leiten die Herberge im Norden von Sylt. Foto: Merle Bornemann

Die Jugendherberge List-Mövenberg besticht mit ihrer traumhaften Lage in den Dünen des rauen Sylter Nordens. Das Wasser ist in Sichtweite, in einer Viertelstunde ist man am Strand, die Lister Innenstadt einen halbstündigen Fußmarsch entfernt. Auf dem weitläufigen ehemaligen Kasernengelände ist mächtig viel Platz zum Kicken, Toben, Faulenzen. Eine Horde Grundschüler macht sich – in Zweierreihen mit Anfassen – auf den Weg zu einer Wattwanderung. Alle tragen die gleichen dunkelgrünen Kopftücher, in ihren Gesichtern glänzt die Sonnencreme. Über das Programm dieser Klassenfahrt mussten sich ihre Lehrer kaum einen Kopf machen, die Herberge bietet es als Komplettpaket namens „ Kliffkieker und Muschelschubbser“ an. Ein Besuch im Erlebniszentrum Naturgewalten, eine Kutterfahrt zu den Robbenbänken, Partyabend im Clubraum – alles von Sabine Obst durchgeplant. „Da können sich die Pädagogen auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren.“

„Herbergsmutter“ nennt sich Sabine Obst nicht. Sie bevorzugt „Herbergsleiterin“. „Aber es gibt noch viele, die sich als Herbergsmutter, Herbergsvater oder Herbergseltern bezeichnen.“ Ihr ist das etwas zu konservativ. Einst hat die gelernte Hotelfachfrau im Münchener Mövenpick Hotel die Bankettabteilung geleitet, 2001 zog es sie wieder in ihre norddeutsche Heimat und sie übernahm den Betrieb in List. Gut 400 Betten vermietet die gebürtige Flensburgerin, in vier massiven Backsteingebäuden. Wenn man so eines betritt, strömt einem dieser Geruch in die Nase, der unweigerlich Emotionen auslöst. Eine Mischung aus grüner Seife, Linoleum und alten Mauern lockt Erinnerungen an Klassenfahrten in Kindheit und Jugend hervor. Wie der Lehrer um 22 Uhr zur Nachtruhe ermahnte, man nach seinem Verschwinden aber lauthals weitergackerte, auf dem Hochbett mit der besten Freundin Chips futterte und einfach überall Sand knirschte.

Jugendherbergen in SH: Zahlen und Fakten

In Schleswig-Holstein gibt es 40 Jugendherbergen mit 6400 Betten. Im Jahr 2015 haben die Häuser rund 820.000 Übernachtungen verbucht und bilden damit einen wesentlichen Pfeiler des Tourismus im Land.

Schleswig-Holstein gehört zum Landesverband Nordmark, der auch Hamburg und das nördliche Niedersachsen mit einschließt und 195.000 Mitglieder sowie 600 Mitarbeiter zählt. Die kleinste Jugendherberge in Schleswig-Holstein liegt in Maasholm (33 Betten), die größte Jugendherberge in List auf Sylt (403 Betten). Mit einem Anteil von gut 40 Prozent bilden Schulklassen die größte Gästegruppe.

 

Daran hat sich bis heute wenig geändert. Auch heute machen Schulklassen in Jugendherbergen den größten Gästeanteil aus, fast die Hälfte aller Übernachtungen geht auf ihr Konto. Mächtig aufgeholt haben Familien als Zielgruppe, im Jahr 2014 waren 20 Prozent aller Gäste in den schleswig-holsteinischen Jugendherbergen Eltern mit Kindern. Für sie gibt es in List spezielle Familienzimmer. Die sind geräumig und haben meist ein eigenes Bad. Für ein Vierbettzimmer mit Dusche und WC inklusive Vollpension zahlt eine Familie 133,40 Euro pro Nacht. Wenn man nicht zeltet, wird es auf Sylt sonst schwierig, eine günstigere Bleibe zu finden – zumal dann maximal das Frühstück im Preis inbegriffen ist. Das Mittagessen bekommen die Herbergsgäste als Lunchpaket mit auf den Weg, abends gibt es ein warmes Gericht und Salatbuffet. Heute steht zum Beispiel Lasagne auf dem Speiseplan. Wer am Abend noch Durst hat, kann sich an der Rezeption mit Bionade oder Cola eindecken. Und in einem der Aufenthaltsräume auf einem großen Flachbildschirm ein Fußballspiel gucken.

Das ist vor gut 100 Jahren, als die Idee der Jugendherberge in Deutschland geboren wird, alles noch etwas anders. Auf der Burg Altena im Sauerland wurde 1909 die erste Jugendherberge Deutschlands gegründet. Ihr Gründervater ist der Lehrer und Naturfreund Richard Schirrmann, der eine Unterkunft für Schulklassen bei Wanderungen einrichten wollte. Seine Idee eines flächendeckenden Netzes preisgünstiger Übernachtungsstätten für Jugendliche wurde zum Vorbild für eine weltweite Bewegung, der heute über 4000 Jugendherbergen in mehr als 60 Ländern angehören.

Wandern und Natur mit einer großen Portion Reformpädagogik des frühen 20. Jahrhunderts spielen damals die zentrale Rolle beim Prinzip Jugendherberge. Man sorgt sich um die „Volksgesundheit“ in den wachsenden Großstädten, Wandertage und Wanderfahrten werden fester Bestandteil des Schuljahres. In Norddeutschland werden 1912 die ersten Dachgeschosse, Schulen oder Scheunen zu Herbergen umgerüstet, zwei Jahre später wird der der Landesverband Nordmark, zu dem Schleswig-Holstein, Hamburg und das nördliche Niedersachsen gehören, gegründet.

Historische Postkarte von der Insel Sylt:  Die Jugendherberge kommt darauf mit gleich zwei Abbildungen groß raus.
Historische Postkarte von der Insel Sylt: Die Jugendherberge kommt darauf mit gleich zwei Abbildungen groß raus. Foto: DJH Archiv
 

Bis Mitte der 1920er Jahre gibt es in Schleswig-Holstein bereits über 100 Jugendherbergen, die Zahl der Übernachtungen steigt rasant – bis die Erfolgsgeschichte durch Weltwirtschaftskrise und Nationalsozialisten einen Dämpfer bekommt. Die Jugendherbergen werden zum politischen Instrument und zur Brutstätte für die Hitler-Jugend (HJ). Zwar profitiert der Verband von Neubauten, jedoch monieren Lehrer, dass sie und ihre Schüler in den von der HJ dominierten Häusern keinen Zutritt mehr bekämen. Im Zweiten Weltkrieg folgt dann die völlige Vereinnahmung durch das NS-Regime. Die Herbergen werden zunächst als Lazarette oder Lager zweckentfremdet, später fallen sämtliche Gebäude in Hamburg, Kiel und Lübeck den Bomben zum Opfer.

In der Nachkriegszeit gelingt es dank einer aufgeschlossenen britischen Besatzungsmacht, engagierter Ortsgruppen und Herbergseltern im Norden , Häuser schnell wieder aufzubauen oder neu zu errichten. Häufig packen Jugendliche selbst an, und zwar deutsche und britische gemeinsam. Besser konnte die Jugendherbergs-Philosophie nicht gelebt werden.

Mit dem sozialen Wandel, dem wirtschaftlichen Aufschwung und ganz neuen Ansprüchen an das Freizeitleben müssen sich die Jugendherbergen in den folgenden Jahrzehnten ständig aktualisieren. Die Gäste sind seltener Wanderer, die ein Bett für eine Nacht suchen, sondern sie bleiben eine ganze Woche und nutzen den Standort als Ausgangspunkt für Tagestouren. Die Zielgruppe weitet sich auf Junge und Junggebliebene aus, die eine preisgünstige Unterkunft suchen. Immer beliebter werden Jugendherbergen auch als Seminar-Orte.

Der typische Speisesaal von früher – hier in Bad Malente im Jahr 1959.
Der typische Speisesaal von früher – hier in Bad Malente im Jahr 1959. Foto: DJH Archiv
 

In den 1980er-Jahren rücken die norddeutschen Jugendherbergen den Umweltschutz in den Fokus – innerhalb der eigenen Organisation, aber auch im Freizeitprogramm für die Gäste. So wird zum Beispiel im nordfriesischen Tönning der „Umweltstudienplatz Nordseeküste“ eingerichtet. Eine weitere Strategieänderung folgt: Man will nicht mehr als Masse vieler Standard-Häuser wahrgenommen werden, sondern jedes sollte künftig seine individuellen Merkmale betonen und damit um Gäste werben. So lockt die Lübecker Herberge als „Kulturstudienplatz“ mit Ausflügen und Workshops zu den wichtigsten Personen, Gebäuden und Spielorten der Stadtgeschichte. Die Jugendherberge Albersdorf (Kreis Dithmarschen) etabliert in Zusammenarbeit mit dem Archäologisch-Ökologischen Zentrum den Schwerpunkt „Steinzeit“. Flintschlagen, Bogenschießen und Steinzeitmalerei stehen hier auf dem Programm.

Nicht nur auf Sylt entdecken Familien Jugendherbergen heute immer häufiger als Alternative zu Ferienwohnung oder Hotel. Die Herbergen reagieren mit dem Umbau familiengerechter Zimmer und werben mit Angeboten wie „Familien-Kocharena“, „Klettern mit Papa“ oder „Eine Woche mit Oma und Opa“ als fix und fertige Reiseangebote gezielt um diese Gäste. Das Magazin des Deutschen Jugendherbergswerkes (DJH), das den Mitgliedern vierteljährlich ins Haus flattert, liest sich heute wie ein Reisekatalog, mit bunten Pauschalangeboten, die weit über die Übernachtung im Etagenbett hinausgehen.

Etagenbetten gibt es zwar auch heute noch, aber mehr als sechs Schlafplätze in einem Zimmer findet man selten. Mehr Zimmer mit jeweils weniger Betten, diesem Trend sind so gut wie alle Jugendherbergen gefolgt. „Die Ansprüche der Gäste sind enorm gestiegen“, resümiert Sabine Obst. „Da muss man reagieren.“

Hagebuttentee in Blechkannen war gestern. Jugendherbergen haben einen mächtigen Imagewandel hingelegt. Zu „normalen“ Hotels wollen sie aber keinesfalls werden – und betonen zur Abgrenzung ihren pädagogischen und sozialen Kern mit dem mannigfaltigen Angebot rund um den Aufenthalt an sich. Die Sylter Herbergsleiterin sagt das so: „Gemeinschaft ist und bleibt der zentrale Gedanke.“

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