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Schleswig-Holstein

19. Oktober 2017 | 04:14 Uhr

Beate Uhse : Absturz eines Unternehmens

vom

Die Geschäfte laufen mies, die Aktie ist nur noch ein paar Cent wert und der ehemalige Aufsichtsratschef sitzt im Gefängnis. Die Beate Uhse AG erlebt einen bemerkenswerten Niedergang.

shz.de von
erstellt am 13.Aug.2011 | 06:13 Uhr

Flensburg | Die Kieler Staatsanwaltschaft glaubt, dass er mit "vorgeblichen" Stützungskäufen den Kurs der Beate-Uhse-Aktie künstlich nach oben getrieben hat: Sie hat Richard Orthmann, von 2001 bis 2005 Aufsichtsratsvorsitzender von Deutschlands bekanntestem Erotik-Unternehmen, verhaftet. Der mit dem Gang an die Börse 1999 ausgelöste Höhenflug der Flensburger Firma hielt jedenfalls nicht lange an: Ein Konzern, dessen Produkte Träume bedienen, ist für Aktionäre zum Albtraum geworden.
Es war im Mai 1999, als für "Beate Uhse" eine neue Epoche anbrechen sollte: Die Aktiengesellschaft ging unter großer medialer Aufmerksamkeit an die Börse. 7,20 Euro betrug der Emissionspreis, umgehend war das Wertpapier 64-fach überzeichnet. Bei 28,20 Euro stand die Aktie am dritten Handelstag. Richard Orthmann, langjähriger Steuerberater des Unternehmens und Jugendfreund von Uhses in zweiter Ehe geborenen Sohns Ulrich Rotermund, hat den Börsengang mit vorbereitet.
Es kann nicht nur die viele nackte Haut der Abbildungen auf den Anteilsscheinen gewesen sein, die den Run ausgelöst hat. Ehrgeizige Expansionspläne begleiteten den bundesweit beachteten Börsenstart. Die Ankündigung von Shop-Neueröffnungen im gefühlten Stundentakt vermittelten den Eindruck, als wolle man von der Flensburger Förde aus den Erotikmarkt der halben Welt aufrollen. Seinen Umsatz wollte das Unternehmen von 1999 auf 2000 - mal eben - auf über 300 Millionen Mark verdoppeln. Langfristig waren Übernahmen in den USA und Australien geplant. Ende 2003 erreichte die Rotlicht-Aktie noch 13,50 Euro. Doch seitdem läuft ein Fall ins scheinbar Bodenlose: Anfang 2010 stand sie bei nur noch 63 Cent. Seitdem ging es nochmal um etwa die Hälfte in den Keller: Jetzt dümpelt der Kurs bei rund 30 Cent herum.
Hoffnung liegt im E-Commerce
Der Erreger- ist zum Aufreger-Konzern degeneriert. Auf der schwarzen Liste der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz ist er Dauergast. Jährlich listet die Interessenvertretung von Anlegern die Gesellschaften auf, die am meisten Geld vernichten. Bei der letzten Veröffentlichung im Frühjahr lag "Beate Uhse" mit Platz 10 auf den besonders auffälligen Rängen.
Seit Herbst 2010 lenkt eine neue Doppelspitze die Geschicke: Der Vorstand besteht aus dem 33-jährigen Niederländer Serge van der Hooft (33) sowie Sören Müller (44). Insbesondere auf ihn richten sich die Hoffnungen im Online- und E-Commerce-Geschäft, um die Kundenbasis zu verbreitern.
Denn das Internet ist die Achillesferse für das Haus. "Der Mann ist ins Internet verschwunden", lautet van der Hoofts Diagnose. Im Web gibt es vieles, was man früher nur gegen Bezahlung bei "Beate Uhse" bestellen konnte, umsonst und noch diskreter. Pro Sekunde sehe sich weltweit fast 30.000 Internet-Nutzer Pornos oder Ausschnitte davon an. Gerade das margenträchtige, für "Beate Uhse" einst sehr bedeutende DVD-Geschäft leidet darunter. Vage Hoffnungen in den Online-Aktivitäten der "Beate Uhse AG" richten sich auf technisch anspruchsvolle Web-Portale. Die Verluste des Konzerns haben sich im ersten Halbjahr 2011 deutlich verringert. Dennoch schreiben die Flensburger tiefrote Zahlen. Der Umsatz reduzierte sich gegenüber zum Vorjahr um gut 23 Prozent auf 73,7 Millionen Euro. Der Verlust vor Steuern fiel mit 3,6 Millionen Euro etwa halb so hoch aus wie im Vorjahr. Mit verantwortlich für den bisherigen Gewinneinbruch macht die Unternehmensführung neben der Gratis-Konkurrenz im Netz ein weiter sinkendes Geschäft im Einzelhandel sowie eine Aufteilung der Kataloge in "soft" und "hard". Weil diese das Publikum nicht mitgemacht hat, wurde sie inzwischen zurückgedreht. Shops in schwachen Lagen werden konsequent geschlossen.
Im gleichen Takt wie sich das Filialnetz lichtet, wird das zweite klassische Standbein, der Katalogversand, zurückgefahren. Auflage und Erscheinungshäufigkeit wurden verringert. Obwohl dies einen Rückgang des Umsatzes in diesem Segment um 7,7 Millionen auf 17,5 Millionen Euro auslöste, gewichtet das Unternehmen die positiven Auswirkungen auf die Rendite höher.
Die Gründerfamilie ist nur noch am Rande betroffen
Die Verschiebungen der Segmente führten dazu, dass der E-Commerce im ersten Quartal dieses Jahres mit 52,6 Prozent erstmals über die Hälfte des Umsatzes ausmachte.
Allerdings warnt der Vorstand im Vorfeld der nächsten Hauptversammlung am 22. August, die Erwartungen allzu hoch zu schrauben: Dass sich die Neuausrichtung des Konzerns über drei mehrjährige Phasen erstrecken solle, hat er schon im Geschäftsbericht 2010 formuliert: 2010 und 2011 laufen unter dem Begriff "Fundament", während überhaupt eine "Stabilisierung aller Geschäftsbereiche und eine Neuausrichtung der Marken- und Produktbereiche" erst für 2012 und 2013 für machbar gehalten wird. Eine Expansion kommt erst danach in Phase drei in Betracht - allerdings diesmal in der Zielsetzung nach eigener Einschätzung ausdrücklich auf Europa beschränkt.
Die Gründerfamilie scheint von alledem zumindest nach außen hin nur noch am Rande betroffen: Ulrich Rotermund, nach Richard Orthmanns Rückzug vom Aufsichtsratsvorsitz zunächst dessen Nachfolger, ist aus dem Aufsichtsrat 2009 ausgeschieden. Die Rotermund-Holding hält nur noch 6,8 Prozent der Aktien an der AG.

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