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Mehr als eine Delikatesse : "Ab in die Pilze" - Saison beginnt

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Die Pilzsaison beginnt - und die Sammler hoffen im Spätsommer auf Regen und etwas Wärme. Denn: "Wo zehn Bäume zusammenstehen, kann man Pilze suchen."

shz.de von
erstellt am 12.Aug.2013 | 08:26 Uhr

Kiel | Wenn Wärme und Feuchtigkeit zusammenkommen, meist also in der zweiten Sommerhälfte, beginnen sie zu wachsen: Marone, Steinpilz, Parasolpilz, Wiesen-Champignon und all ihre leckeren Verwandten. Unter Sammlern heißt es dann "ab in die Pilze!" Aber Pilze sind viel mehr als eine Delikatesse; Pilze sind überall um uns herum, sie sind ein elementarer Teil des Lebens auf der Erde. Ohne sie wäre dieses Leben nicht möglich, schreibt die Biologin Rita Lüder in ihrem neuen Buch "Pilze zum Genießen..."
Nicht umsonst bilden Pilze neben den Tieren (Fauna) und Pflanzen (Flora) in der biologischen Klassifikation ein eigenständiges - faszinierendes - Reich: Fungi. Vom Birkenpilz bis zur Backhefe, vom Schimmelpilz bis zum Hexenbesen, dem Baumpilz: Sie alle gehören dazu. Pilze sind nützliche Helfer im Darm des Menschen - oder gefährliche Schädlinge wie der Birnengitterrost und das Mutterkorn. Die "guten" sorgen für Aroma im Käse, die "bösen" bereiten uns Ärger, wenn sie sich im Brot oder der Marmelade breitmachen. Aber gäbe es keine Schimmelpilze, gäbe es kein Penicillin. Es war der schottische Bakteriologe Alexander Fleming, der die antibakterielle Wirkung bestimmter Schimmelpilze entdeckt hat.

Wichtig für die Ökologie

Pilze sind ganz besondere Wesen: Sie vermehren oder verbreiten sich geschlechtlich und ungeschlechtlich. Sie leben und wachsen, indem sie totes organisches Material, zum Beispiel gefallenes Laub, zersetzen, oder sie unterstützen lebende Pflanzen in ihrer Entwicklung. Sie gehen Partnerschaften ein, sogenannte Symbiosen. Die Mykorrhiza (myces = Pilz, rhiza = Wurzel, also Pilz-wurzel) bezeichnet die Lebensgemeinschaft zwischen Pilz und Pflanze, die sich unterirdisch manifestiert und weltweit Ökosysteme prägt. "Pilze sind in der Ökologie viel wichtiger, als viele meinen", resümiert Rita Lüder im Gespräch mit Schleswig-Holstein am Sonntag.
Zudem geben Pilze Biologen, als Signalarten, wichtige Informationen über Lebensräume. So könne man anhand von Pilzgesellschaften etwa das Alter von Wäldern bestimmen oder altes, lange nicht umbrochenes Grünland ausmachen, erläutert Martin Schmidt vom Landesamt für Natur, Umwelt und ländliche Räume. Darum werden in Schleswig-Holstein Pilze durch die Experten des Arbeitskreises Mykologie, der zur an der Christian-Albrechts-Universität angesiedelten Arbeitsgemeinschaft Geobotanik gehört, kartiert, schwerpunktartig in bestimmten Regionen. "Dabei geht es aber nicht um die Frage, wo die meisten Wiesen-Champignons wachsen", lacht Schmidt.

Schleswig-Holstein - ein echtes Pilzland

"Es gibt keine Verbreitungskarten, wo die meisten Steinpilze stehen", bestätigt auch Vivien Bedregal, Vorsitzende der Kieler Pilzfreunde. Schön wärs! Dabei gebe es für die Speisepilzsammler im Land mehr als genug zu finden, betont Bedregal und nennt Steinpilze, Maronen, Rotfüße, Champignons, Perlpilze, Parasol, Schopftintling, Stockschwämmchen, Semmelstoppelpilze.
Trotz seiner Waldarmut ist Schleswig-Holstein also ein echtes Pilzland. "Pilzvorkommen beschränken sich nicht auf Wälder. Sicher mehr als 50 Prozent der circa 6.000 in Schleswig-Holstein nachgewiesenen Großpilzarten kommen auch oder nur in anderen Biotopen vor", erläutert Matthias Lüderitz, Landeskoordinator der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM).

8000 Großpilzarten in Mitteleuropa

Da allerdings die meisten Speisepilze in Symbiose mit Bäumen leben, seien viele Sammler in den großen Waldgebieten unterwegs, erklärt Vivien Bedregal und nennt als beliebteste Reviere Segeberger Forst und Sachsenwald. "Aber ich sage immer: Wo zehn Bäume zusammenstehen, kann man Pilze suchen."Und dabei auf einen ungeheuren Artenreichtum stoßen - nach Informationen von Peter Karasch von der DGfM den drittgrößten in Deutschland nach Bayern und Baden-Württemberg. Vivien Bedregal führt diese Vielfalt auf die unterschiedlichen Lebensräume hierzulande zurück wie Moor und Strand, Wald, Wiese und Magerrasen.
Tatsächlich ist Fungi ein Reich mit einer Vielzahl an Arten. Allein an Großpilzen gibt es in Mitteleuropa mehr als 8000 Arten. Einige Hundert sind Speisepilze und etwa 150 giftig. Zur tödlichen Gefahr für den Menschen können etwa zehn Arten werden, zu den bekanntesten zählen der in England "Todesengel" genannte Grüne Knollenblätterpilz, hochgiftiger Doppelgänger des Champignons.

Keine Merkmale für Giftpilze

Eine Schwierigkeit für Sammler: Pilze variieren je nach Lebensphase, Witterung und Standort stark in ihrem Erscheinungsbild. Hinweise kann, wegen der bereits erwähnten häufigen Symbiose mit Bäumen, der Fundort liefern. Solche Partnerschaften bestehen, um nur einige zu nennen, zwischen Goldröhrlingen und Lärchen sowie zwischen Maronen und Kiefern sowie Fichten.
Verbindliche äußere Merkmale für Giftpilze jedoch gibt es nicht. Dass etwa ein Silberlöffel beim Kochen eines Giftpilzes schwarz anläuft, ist nichts als eine Mär. Darum, so der wohl wichtigste Tipp aller Pilzexperten: Mitnehmen und essen sollte man wirklich nur die Pilze, die man mit 100-prozentiger Sicherheit identifizieren kann.
Bleibt die Frage, ob 2013 ein gutes Pilzjahr wird. Bundesweit sei es bisher "eines der pilzärmsten der vergangenen 20 Jahre", berichtet Peter Karasch. Aus Schleswig-Holstein dagegen weiß Vivien Bedregal Positiveres zu vermelden: "Wir hatten ein tolles Pilzfrühjahr mit Morcheln, Maipilzen und viel Regen mit etwas Wärme." Pilze wachsen im Boden, betont sie; bei dem, was geerntet wird, handele es sich "nur" um seine Fruchtkörper - und diese werden bereits im Frühjahr angelegt. Sie sei also "voller Hoffnung, dass wir einen tollen Pilzherbst bekommen". Voraussetzung dafür seien allerdings entsprechende Niederschläge in den kommenden Wochen. Auch Peter Karasch gibt das Pilzjahr nicht verloren, schließlich sei es "noch lange nicht vorüber". Sicher vorhersagen oder gar wissen könne das allerdings niemand.

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