A7 bei Kaltenkirchen : Brücken-Abriss: „Das dauert, bis die umgenietet ist“

<p>Abrissbagger bearbeiten das Brückenbauwerk 211, das hier seit Ende der 60er Jahre steht.</p>
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Abrissbagger bearbeiten das Brückenbauwerk 211, das hier seit Ende der 60er Jahre steht.

Am Wochenende haben Arbeiter über Nacht in Rekordzeit eine Brücke über der Autobahn 7 abgerissen – ein Baustellenbesuch.

Kay Müller von
19. Juni 2017, 18:02 Uhr

Kaltenkirchen | Als die Erde bebt, sitzt Tanja Stanke bequem. Die 43-Jährige hat sich einen Klappstuhl mitgebracht, um den Abriss der größten Brücke über die A7 in Schleswig-Holstein zu verfolgen, der im Zuge des sechsstreifigen Ausbaus der Autobahn nötig ist. Es ist Samstagabend, die Sonne über Kaltenkirchen (Kreis Segeberg) spendet noch Wärme, gerade hat der Verkehrskoordinator die Autobahn gesperrt. Bei anderen Abrissen haben die Menschen an der A7 Bier getrunken, gegrillt und Musik aufgedreht. Auch in Kaltenkirchen wird der Abriss zum Event.

Zuschauer beobachten die Arbeiten von der Behelfsbrücke aus.
Foto: Marcus Dewanger

Zuschauer beobachten die Arbeiten von der Behelfsbrücke aus.

 

Die Zuschauer haben Glück, der Lärm ist auszuhalten, der Staub zieht in die andere Richtung ab. Tanja Stanke, die nur ein paar Kilometer entfernt wohnt, hat ein Glas mit Grapefruitsaft und Eiswürfeln in der Hand und sagt: „Das wollten wir uns nicht entgehen lassen, wenn unsere Brücke fällt.“

Mit ihr sind rund 50 andere Schaulustige gekommen, die von der Behelfsbrücke über die A7 beobachten, wie nur wenige Meter entfernt sechs Abrissbagger das Brückenbauwerk 211 bearbeiten, das hier seit Ende der 60er Jahre steht. Es ist in die Jahre gekommen, wie viele andere der rund 70 Brücken, die im Rahmen der Riesenbaustelle entweder ertüchtigt oder ersetzt werden. In Kaltenkirchen reicht die Breite der alten Brücke nur um wenige Meter nicht aus, um die neue Autobahn zu überspannen, deswegen wird sie in Rekordzeit abgerissen. Rund 90.000 Euro kostet das. Bis zum Frühjahr 2018 soll ein Ersatzbau an gleicher Stelle fertig sein.

Verantwortlich dafür ist Bauleiterin Kristina Trnkova. Eine Sprengung der alten Brücke wäre technisch auch möglich gewesen, sagt sie, hätte zeitlich aber keine Vorteile gebracht, weil die Vorarbeiten enorm gewesen wären.

<p>Bauleiterin Kristina Trnkova .</p>
Foto: Marcus Dewanger

Bauleiterin Kristina Trnkova .

 

Und was ist für sie schöner? Brücken abzureißen oder neue zu bauen? Sie überlegt ein bisschen und sagt dann: „Beim Abriss sieht man zumindest schneller Ergebnisse.“

„Na, das staubt schon ganz schön, was?“, fragt Stefan Feldmann. Er arbeitet für die Abrissfirma, die ihre sechs großen Bagger mit gigantischen Meißeln ausgestattet hat, die den Boden zum Beben bringen , weil sie gerade den Beton an der Brücke bearbeiten. „Die wackelt auch schon ganz schön“, antwortet Trnkova durch den Lärm. „Aber das dauert noch bis die umgenietet ist“, meint Feldmann. 18 Stunden bleiben ihm und den rund 20 Kollegen, die in zwei Schichten bis gestern 14 Uhr die Brücke Stück für Stück abräumen. „Das ist sportlich, denn jede Brücke ist anders“, sagt Feldmann. Der Zeitplan ist straff, damit die Autobahn nicht länger als nötig gesperrt werden muss. „Schneller würde es nicht gehen, für mehr als sechs Bagger ist hier kein Platz“, sagt Feldmann.

Die schweren Maschinen trennen die Reste aus Beton und Stahl am Boden.
Foto: Marcus Dewanger
Die schweren Maschinen trennen die Reste aus Beton und Stahl am Boden.
 

Um 1.45 Uhr ist der erste Teil geschafft, die Brücke über die Fahrbahn Richtung Hamburg stürzt ein, der Teil Richtung Flensburg folgt um 6.30 Uhr. Zuschauer sind da keine mehr da.

Am Ende dauert der Abriss des Mittelpfeilers länger als gedacht. Die Reste der Brücke schieben die Radlader auf die ohnehin gesperrte Seite der Autobahn, von dort wird der Schutt mit Lastwagen abtransportiert und recycelt. Die andere Seite der Autobahn wird gereinigt – dann wird der Verkehr wieder freigegeben. Eine Stunde später als geplant lösen sich die kilometerlangen Staus auf. Stefan Feldmann ist erleichtert. „Es war knapp, aber mit einer Stunde Verzögerung haben wir es geschafft.“

Tanja Stanke ist da schon längst nicht mehr an der Autobahn. Eigentlich sei sie ja ohnehin nur mit ihren Mann Ralf mitgegangen, der bis zum Abend auf der Leitplanke der Behelfsbrücke sitzend den ersten Teil des Abrisses verfolgt hat. „Vielleicht hätte ich doch meinen Fernsehsessel mitnehmen sollen“, sagt er grinsend.

Für Hund Cooper ist es vielleicht etwas laut, Tanja und Ralf Stanke verfolgen den Abriss.
Für Hund Cooper ist es vielleicht etwas laut, Tanja und Ralf Stanke verfolgen den Abriss.
 

Jeden Tag pendelt er über die Autobahn nach Hamburg, auch heute wieder – wenn von der Brücke nur noch Trümmer übrig sind. „Die Baustelle funktioniert wirklich gut“, sagt er. Doch vom Abriss habe er sich mehr erhofft, sagt der 46-Jährige – etwa, dass die Brücke richtig auseinanderfalle. Der Besuch habe sich aber dennoch gelohnt, meint er als die Bagger wieder ihre Meißel gegen den Beton schlagen. „Ist doch irgendwie spektakulär.“

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