Gegen Hass und Extremismus : Projekt an Schulen in SH: Unterwegs mit dem „Respekt Coach“

Avatar_shz von 31. August 2021, 06:48 Uhr

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Svilena Grubelich-Bollgönn arbeitet als „Respekt Coach“ am Regionalen Berufsbildungszentrum  in Kiel.
Svilena Grubelich-Bollgönn arbeitet als „Respekt Coach“ am Regionalen Berufsbildungszentrum in Kiel.

Svilena Grubelich-Bollgönn ist „Respekt Coach“. Am Regionalen Berufsbildungszentrum in Kiel bringt sie Schülern bei, Konflikte zu lösen, unterrichtet zu Themen wie Toleranz und Demokratie.

Kiel | Damit Schüler sich gegen Hass, Rassismus und Extremismus behaupten können, finanziert die Bundesregierung 151 neue Vollzeitstellen für sogenannte „Respekt Coaches“ an weiterführenden Schulen. Bis 2024 stehen dafür ab sofort jährliche Fördermittel in Höhe von 15 Millionen Euro bereit – zusätzlich zu der bereits bestehenden Förderung von 21 Millionen Euro pro Jahr. Die speziell ausgebildeten Coaches sollen für ein „respektvolles Miteinander“ werben, erklärt das Bundesfamilienministerium. Aber wie funktioniert das genau? Besuch im Regionalen Berufsbildungszentrum (RBZ) Kiel (4000 Schüler). Dort arbeitet Svilena Grubelich-Bollgönn (29) als „Respekt Coach“. Sie sagt: „Nicht jeder Jugendliche bringt zum Beispiel die Ruhe mit, Konflikte ohne verbale Gewalt zu meistern. Hier möchte ich soziale Kompetenzen stärken.“ Um das Thema „Konflikt“ geht es dann auch in der Doppelstunde in einer Ausbildungsvorbereitungsklasse, die Schülerinnen und Schüler sind 15 bis 16 Jahre alt. Auf die Frage, was Konflikte auslöst, stehen bald eine Menge Gründe an der Tafel: Emotionen, wie die eigene Unzufriedenheit, äußere Einflüsse wie Alkohol oder einfach die Tatsache, falsch verstanden worden zu sein. Erkennen, wie es zu Missverständnissen kommen kann Wie es zu Missverständnissen kommen kann, erarbeiten die Jugendlichen am berühmten Vier-Ohren-Modell, bei dem es um die die vier Seiten einer jeder Nachricht geht. So ist der Satz eines Beifahrers „Die Ampel ist grün“ oft mehr als eine sachliche Feststellung. Meist ist damit auch ein Appell verbunden, nämlich „Gib Gas“. Außerdem eine Aussage über sich selbst („Ich habe es eilig“) und eine Botschaft auf der Beziehungsebene („Du überblickst es nicht alleine“). Doch gerade das muss gar nicht so gemeint sein. „Das Klima in der Klasse ist schon sehr viel besser geworden“ Darum übt die Klasse anschließend in Rollenspielen, wie sich mit „Ich-Botschaften“ ohne versteckte Vorwürfe Konflikte entschärfen lassen. Über die Stunden mit Svilena Grubelich-Bollgönn sagt Schülerin Lea nach dem Unterricht: „Sie hilft uns bei Dingen, die man sonst nicht so in der Schule macht, über Gefühle zu reden zum Beispiel. Das Klima in der Klasse ist schon sehr viel besser geworden.“ Eine wissenschaftliche Untersuchung des Einsatzes von „Respekt Coaches“ hat laut Bundesfamilienministerium gezeigt: Je länger die Coaches in einer Schule aktiv sind, desto größer ist ihr Einfluss auf das Zusammenleben der Schüler. Die Jugendlichen sähen sich persönlich gestärkt. Und: Mehr als 80 Prozent der Schulen wünschten sich solche Fachleute. Schleswig-Holstein bekommt sieben neue Stellen für „Respekt Coaches“ In Schleswig-Holstein arbeiten auf den bislang fünf Stellen 13 „Respekt Coaches“. Nach Angaben des Kieler Bildungsministeriums entfallen von den 151 neuen Stellen sieben auf den Norden. Bundesweit läuft das Projekt seit 2018 an 460 Schulen. Wie das Bundesfamilienministerium schreibt, hätten die „Respekt Coaches“ bereits mehr als 126000 Schüler erreicht. Staatssekretärin Juliane Seifert betont: „Politischen oder religiösen Extremismus, Hass und Menschenfeindlichkeit dürfen wir in unserer Gesellschaft nicht dulden – schon gar nicht in unseren Schulen.“ Der „Respekt Coach“ ist keine Feuerwehr Aber hilft der „Respekt Coach“ auch bei akuten Auseinandersetzungen? Grubelich-Bollgönn sagt: „Nein, wir sind nicht die Feuerwehr, das ist und bleibt Aufgabe der Schulsozialarbeiter. Wir arbeiten präventiv, wollen in der Schule Raum geben für Themen wie Toleranz und Demokratie, gerade weil Jugendliche anfällig für Radikalismus sein können und im Kopf manchmal Rollenbilder und Vorurteile mitbringen.“ Corona hat einige geplante Workshops und Gruppenprojekte gestoppt, wie das Anti-Aggressions-Boxtraining oder die Aufnahme eines eigenen Songs im Tonstudio. Das soll nun möglichst bald nachgeholt werden, außerdem plant Grubelich-Bollgönn ein Medienprojekt zu Kommentaren in sozialen Netzwerken und welche Konsequenzen sie haben können. Dazu soll auch die Polizei eingeladen werden. Schule: „Wunderbare Unterstützung“ RBZ-Schulleiter Gerhard Müller sagt: „Gerade für unsere große Schule mit ihrer heterogenen Schülerschaft und kulturellen Vielfalt ist die Arbeit von Frau Grubelich-Bollgönn eine wunderbare Unterstützung.“ Die Schule kostet es nichts. Grubelich-Bollgönn ist Angestellte der AWO Schleswig-Holstein, die in Kiel einen Jugendmigrationsdienst anbietet – und diese Jugendmigrationsdienste hat das Bundesfamilienministerium mit dem Projekt betraut. ...

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