Friseursalons in Bedrängnis : Rückzahlung der Corona-Soforthilfe bedroht wirtschaftliche Existenz von Monika Engling

Avatar_shz von 29. November 2021, 14:45 Uhr

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Die Friseurmeisterin Monika Engling ist sauer: Nie habe es geheißen, dass die Hilfe zurückgezahlt werden müsste.
Die Friseurmeisterin Monika Engling ist sauer: Nie habe es geheißen, dass die Hilfe zurückgezahlt werden müsste.

Rund um das Bewilligungsschreiben für die Corona-Soforthilfe gibt es Verwirrung. Viele Friseure aus Schleswig-Holstein haben nicht damit gerechnet, die Hilfen zurückzahlen zu müssen. Das bringt sie in Bedrängnis.

Kiel/ Bad Segeberg | Als die Unternehmen ihre Geschäfte im ersten Lockdown schließen mussten, stellten Land und Bund ihnen schnelle und unbürokratische Hilfen zur Verfügung: Die „Corona-Soforthilfe“ war geboren. Nun, etwa eineinhalb Jahre später flattern bei den Unternehmen Briefe zur Tür hinein. Sie sollen mitteilen, ob die Höhe der gewährten Hilfen rechtmäßig war. Weiterlesen: Kurzarbeitergeld: Tausenden Firmen aus SH droht Rückzahlung Für Monika Engling ein Unding. Die Friseurmeisterin aus Bad Segeberg ist sauer: „Ich fühle mich verarscht. Es hieß, dass man die Soforthilfe nicht zurückzahlen müsste. Wir fangen gerade an, uns allmählich zu erholen und dann kommt das“, sagt sie. Weiterlesen: 21-Jährige streicht Corona-Soforthilfe für privaten Bedarf ein Gerade mit Blick auf die wieder steigenden Inzidenzen ist sie beunruhigt, ob das Weihnachtsgeschäft auch in diesem Jahr ausfällt. „Ich mag gar nicht dran denken, was passiert, wenn wir zu 2G oder gar einem Lockdown kommen“, sagt die Obermeisterin der Friseur-Innung Mittelholstein. Hinzu kommt nun die Rückzahlung der Soforthilfe, denn auch sie hat 9000 Euro aus den Mitteln bekommen. Die Verwirrung um die Soforthilfe Neben den 9000 Euro an Soforthilfen hat sie auch Überbrückungshilfen und Kurzarbeitergeld beantragt und bewilligt bekommen. „Dass ich bei der Überbrückungshilfe und bei der Kurzarbeit eventuell zurückzahlen muss, ist mir klar. Das wurde ja immer gesagt“, sagt sie. Weiterlesen: Coronahilfen: So viel Geld haben einzelne Unternehmen erhalten Rund um die Soforthilfe gibt es da Verwirrungen. Zur Einordnung: Unternehmen mit bis zu zehn Mitarbeitern konnten bis zu 9000 Euro beantragen. Das Geld kam aus Bundesmitteln. Unternehmen mit zehn bis 50 Mitarbeitern bekamen bis zu 15.000 Euro aus Landesmitteln. Rückzahlung immer möglich „Es gibt allerdings kein Hilfsprogramm, bei dem die Möglichkeit einer Rückzahlung grundsätzlich ausgeschlossen ist“, sagt Sabine Schmax, Sprecherin der Investitionsbank Schleswig-Holstein (IB.SH). Das Problem ist ein Passus auf dem Bewilligungsbescheid zur Soforthilfe. Weiterlesen: Knapp zwei Milliarden Euro Corona-Hilfen in SH gezahlt Hier heißt es im ersten Satz „auf Ihren Antrag (...) bewilligen wir Ihnen (...) aus Bundesmitteln eine nicht rückzahlbare einmalige Soforthilfe“. Auf der zweiten Seite des Bescheids heißt es hingegen : „Im Falle einer Überkompensation ist die Ihnen gewährte Soforthilfe anteilig zurückzuzahlen.“ Auch bei den Online-Anträgen, die die Unternehmer ausfüllen mussten, ist dieser Satz unter Punkt sieben enthalten. Weiterlesen: Möglicher Millionen-Betrug: Bundesregierung stoppt Auszahlung von Corona-Hilfen Das Problem ist, dass auf dem übermittelten Bescheid direkt am Anfang die Rede davon ist, den Betrag nicht zurückzahlen zu müssen. „Das gilt nur dann, wenn der Anspruch auf das Geld auch gerechtfertigt war. Wir reden bei den Mitteln ja über Steuergelder“, sagt Schmax. Der Zeitpunkt „Es gibt Kollegen, die wissen aktuell gar nicht, wie es nächstes Jahr weitergehen soll. Wir wissen nicht, wie wir das nun bezahlen sollen. Viele arbeiten nur noch, um das alles zu schaffen“, sagt die Friseurmeisterin. Weiterlesen: Demonstranten fordern Auszahlung der Wirtschaftshilfen Klar ist, sollte zu viel ausgezahlt worden sein, wird es zu einer Rückforderung kommen. Warum jetzt? Man kann doch erst Ende 2022 sagen, wie das wirtschaftliche Jahr wirklich gelaufen ist, und wir sind immer noch mitten in der Pandemie. Englings Befürchtung ist, dass es bald zu neuerlichen Einschränkungen kommt, die dann auch den Umsatz wieder drücken. Aufforderung vom Bund „Wir haben die Briefe im August verschickt, da der Bund uns aufgefordert hat, bis Mitte 2022 einen Überblick über die zu viel gezahlte Soforthilfe zu liefern“, erklärt die IB.SH-Sprecherin. Sie betont, dass die Unternehmen bis Ende dieses Jahres Zeit hätten, sich zu melden. Auch müsse das Geld nicht bis Mitte nächsten Jahres zurückgezahlt sein. „Wir tun, was wir können, um den Unternehmen in dieser Lage zu helfen: So gibt es Stundungen und Ratenzahlungen“, sagt Schmax. Insgesamt wurden alleine in Schleswig-Holstein 440 Millionen Euro an 56.000 Unternehmen ausgezahlt. 38,4 Millionen Euro haben Unternehmen bereits zurückgezahlt. Unterschiedliche Handhabungen Trotzdem werden vor allem Betriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern benachteiligt. „Betriebe mit mehr als zehn Mitarbeitern dürfen bei der Rückzahlung Lohnkosten reinrechnen. Die kleinen nicht, dabei sind die Lohnkosten der größte Posten“, so Engling. Sie fordert, dass Ausgaben, die durch die Pandemie entstanden sind, gegenzurechnen sein müssten. „Beispielsweise Trennwände in den Salons. Die sind nicht absetzbar“, sagt sie. Tatsächlich ist es so, dass kleine Betriebe die Lohnkosten nicht anrechnen dürfen. Mein finanzieller Puffer ist aufgebraucht. Da diese aus den Bundesmitteln Hilfen erhalten haben, gelten hier die Bundesregeln. Diese untersagen das. Beim Landesprogramm, dass für die größeren Unternehmen aufgelegt wurde, ist es hingegen möglich. Für die Unternehmen wäre es eine große Erleichterung, wenn sie Investitionen, die durch die Pandemie entstanden sind, geltend machen dürften. Belastung für die Unternehmen „Im vergangenen Jahr hat man uns das Oster- und das Weihnachtsgeschäft genommen. Kleinere Geschäfte sind davon deutlich stärker betroffen als die großen und die Schwarzarbeit boomt. Mein finanzieller Puffer ist aufgebraucht“, sagt Engling. Da sie beim Kurzarbeitergeld in Vorkasse gehen musste und die laufenden Kosten gedeckt werden mussten, war die schnelle Hilfe aus den staatlichen Mitteln für sie eine große Hilfe. „Trotzdem musste ich beispielsweise private Versicherungen kündigen, um das alles zu zahlen“, sagt sie. Sie betont, dass die Rückzahlung der Soforthilfe ihr Unternehmen nicht bedrohen würde. Auf das wirtschaftliche Ergebnis hat die nicht eingeplante Rückzahlung dennoch Auswirkungen. Es fehlt Geld, mit dem sie geplant hatte. Friseure in Bedrängnis Aber bei anderen Friseuren könne das ganz anders aussehen. „Viele haben das Kurzarbeitergeld aus privater Tasche aufgestockt. Unsere Mitarbeiter können da ja nichts für. Aber auch diese private Aufstockung kann ich nicht anrechnen lassen“, sagt sie. Sie fühlt sich momentan im Stich gelassen. „Ich möchte nicht unverschuldet alles aufgeben müssen. Ich liebe meinen Job“, sagt sie mit erstickter Stimme. Sie selbst wird eine mögliche Rückzahlung stunden. „Die Möglichkeiten der IB.SH sind schon sehr gut in dem Fall“, sagt sie. Dennoch geht sie davon aus, dass sich die Friseurlandschaft in Schleswig-Holstein deutlich verändern wird. Vor allem kleine Betriebe würden verschwinden. Minister zeigt Verständnis Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) zeigt Verständnis für Friseurmeisterin Engling und erinnert an die zahlreichen weiteren Hilfsprogramme der Landesregierung. Er sagt aber auch: „Die Finanzministerin und ich haben seit Auszahlung der Soforthilfen stets betont, dass kein gesundes Unternehmen weniger erhalten soll als es braucht, aber eben auch keines mehr – das ist ein Gebot der Fairness.“ Auch bei den vielen späteren Wirtschaftshilfen müsse zurückgezahlt werden, wenn Umsätze schlechter Monate rasch wieder aufgeholt und teilweise übertroffen werden. Wie viel es im Einzelnen ist, hängt von der Branche und anderen Faktoren ab. „Neben Steuerberatern gibt es bei der IB.SH Förderlotsen, die solche Fragen beantworten und helfen können“, so Buchholz. ...

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