Ungeklärte Unternehmensnachfolge : 5400 Firmen in SH suchen einen neuen Chef

Die Unternehmensnachfolge wird besonders in kleineren Betrieben immer schwieriger.

Die Unternehmensnachfolge wird besonders in kleineren Betrieben immer schwieriger.

Wirtschaftsminister Bernd Buchholz appelliert vor allem an Frauen: „Nicht zögern, nicht zweifeln – machen!“

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04. Oktober 2018, 18:06 Uhr

Kiel | Immer weniger Unternehmer finden einen Nachfolger in der eigenen Familie. Das geht aus einer gemeinsamen Umfrage von IHK und Handwerkskammer hervor, die am Donnerstag vorgestellt wurde. Fanden vor fünf Jahren noch 60 Prozent der Inhaber geführten Unternehmen einen „geborenen Nachfolger“, sind es 2018 nur noch 40 Prozent, erklärt IHK-Präsidentin Frederike C. Kühn. Dabei stehen nach ihren Worten in Schleswig-Holstein allein in den nächsten fünf Jahren rund 5400 Firmen vor einem Generationenwechsel, von der Übergabe an einen neuen Eigentümer sind über 83.000 Beschäftige im Land direkt betroffen.

Für den Präsidenten der Handwerkskammer in Schleswig-Holstein, Günther Stapelfeld, liegt dies auch daran, dass viele Unternehmer mit ihrem selbst gewählten Arbeitspensum den eigenen Kindern „kein Leben vorleben“ würden, welche für dieses erstrebenswert sei.

Wirtschaftsminister Bernd Buchholz warb dafür, auf die Bedürfnisse der jungen Menschen nach einer veränderten Lebenseinstellung einzugehen und ihnen dabei die Chancen des Unternehmertums nach flexiblen und selbstbestimmten Arbeitszeiten aufzuzeigen. Die Übernahme von bestehenden Firmen sei eine große Chance und biete gerade für junge Frauen viele Vorteile, so der Minister.

Nachfolgefrage gefährdet Unternehmen

Die Studie zeigt auch: Je länger ein Unternehmer damit wartet, sich mit dem Thema Nachfolge auseinanderzusetzen, desto mehr ist der Fortbestand der Firma gefährdet, so Stapelfeld. Mit zunehmendem Alter würden die Inhaber ihren Betrieb lieber schließen, als sie an Familienfremde zu übergeben. So plane aktuell ein Drittel der Inhaber, die über 75 Jahre alt sind, die Abwicklung ihrer Firmen, erklärte der Handwerkskammer-Präsident.

Außerdem: Je kleiner das Unternehmen ist, desto weniger wird das Thema Nachfolge beachtet und vorbereitet. „Von den Betrieben mit mehr als 20 Beschäftigten gaben 71 Prozent an, dass sie Schritte zur Übergabe geplant hätten, bei den Firmen mit bis zu fünf Beschäftigten sind es dagegen nur 47 Prozent“, sagte IHK-Präsidentin Kühn. Zudem werde der Übergabeprozess häufig durch finanzielle Probleme erschwert. Allein der mögliche Verkaufserlös reiche in vielen Fällen nicht aus, um den Ruhestand des Altinhabers zu finanzieren.

Der Minister riet potenziellen Jungunternehmern, nicht nur über die Gründung eines Start-ups nachzudenken, sondern als Alternative auch über eine Betriebsübernahme. Dieser Weg sei weniger steinig. Denn: Ein bestehendes Unternehmen hat schon einen Ruf, eingespieltes Personal und einen Kundenkreis.

Zwei Erfolgsgeschichten

Zwei Unternehmer bestätigten das aus ihren Erfahrungen. So Jan Thomsen, der in Preetz einen Heizungs- und Sanitärbetrieb übernommen hat. Dessen alter Inhaber hatte keinen Nachfolger aus der Familie. Die Handwerkskammer vermittelte, das führte zum Erfolg.

Janine Kordes ging beide Wege: Sie übernahm vom plötzlich gestorbenen Vater einen Betrieb in Kiel, der Reinigungsmittel für Großküchen herstellt. Und sie wurde zur Gründerin – nach einem Missgeschick. Ihr war der Verlobungsring in ein Plastikfass mit industriellem Reiniger gefallen. Dem ersten Schrecken folgte die Erleichterung: Der Ring strahlte wie neu. Kordes entwickelte einen innovativen Schmuckschaum und damit das erste Produkt ihrer neu gegründeten Firma. Ihre Überzeugung: Übernehmen sei einfacher als gründen. „Die Gründung frisst so viel Zeit.“ Gerade für Frauen mit Kindern sei eine Übernahme besser zu bewerkstelligen.

Für die Umfrage hatten die drei IHKs 12.900 Unternehmen angeschrieben und 700 ausgefüllte Fragebögen zurückbekommen. Die Handwerkskammern wandten sich an fast 8000 Betriebe und erhielten 562 Fragebögen zurück. Viele Unternehmer seien offenkundig der vielen Umfragen müde, mit denen sie konfrontiert würden, mutmaßte ein Sprecher zu der im Laufe der Jahre gesunkenen Resonanz.

Die Kammern befragen seit 1998 alle fünf Jahre Unternehmen zur Nachfolgesituation, deren Geschäftsführer oder Inhaber mindestens 55 Jahre alt sind.

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