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Selbstversuch im Kloster Nütschau : 48 Stunden Stille

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Fernab des turbulenten Alltags suchen immer mehr Menschen Ruhe und Erholung im Kloster. Doch was bewirkt die innere Einkehr in vollkommenem Schweigen? Ein Selbstversuch im Benediktiner-Kloster Nütschau.

shz.de von
erstellt am 05.Apr.2015 | 19:00 Uhr

Nütschau | „Schweigen? Du? Und Du darfst wirklich gar nichts sagen?“ Die Verwunderung steht jedem ins Gesicht geschrieben, dem ich von meinem Plan erzähle, zwei Tage schweigend im Kloster Nütschau zu verbringen. Und doch stehe ich vor den Pforten des Benediktiner-Klosters in der Nähe von Bad Oldesloe. Zu meiner Überraschung bin ich aufgeregt, habe fast ein bisschen Angst ob meiner Courage. Ich fasse mir ein Herz und betrete, wenn auch zögernd, den „Stillen Bereich“, der sich hinter der Klosterkapelle und den Speiseräumen erstreckt. Die schwarze Tür fällt hinter mir ins Schloss – Stille.

Mein Zimmer „St. Hildegart“ ist schlicht eingerichtet. Ein schmales Bett, ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Schrank und ein Kreuz an der Wand. Fernseher, Telefon oder auch nur eine mobile Internetverbindung gibt es nicht. Ich schalte mein Handy aus.

So langsam begreife ich, was Stille bedeutet. Wie Watte legt sie sich über mich, kriecht in mich rein und schottet mich vom Rest der Welt ab. Meine Gedanken fliegen noch. Ich ertappe mich dabei, wie ich wieder und wieder in Gedanken überprüfe, ob ich alles erledigt habe, ob nicht noch eine dringende Mail zu schreiben, ein Telefonat zu führen ist. Siedendheiß fällt mir ein, dass ich noch zwei Bücher in der Bibliothek abgeben muss – der Gedanke lässt mir für eine halbe Stunde keine Ruh’.

Ich packe erst einmal meine Sachen aus, blättere durch die Bibel und die Regeln des heiligen Benedikts, die auf meinem Nachttisch liegen, lese den Flyer über das Leben im Stillen Bereich des Klosters, schaue ins Bad, in den Kleiderschrank und prüfe die Matratze meines Bettes. Was tut man eigentlich während des Schweigens? Beten? Meditieren? Aus dem Fenster schauen? Darüber habe ich mir vorab gar keine Gedanken gemacht.

14 Uhr: Ich schaue aus dem Fenster. Vier Enten sonnen sich dort.

... Stille ...

14.30 Uhr: Ich sehe immer noch aus dem Fenster. Eine Ente ist inzwischen weg. Zwei Erpel kämpfen in einem kleinen Bach miteinander.

... Stille ...

So kann das jetzt nicht die nächsten zwei Tage weiter gehen, denke ich und beschließe spazieren zu gehen. Die Stille ist von launischer Natur: Je stärker ich sie suche, desto mehr scheint sie sich mir zu entziehen. Je leiser die Welt um mich herum wird, desto lauter werden die Stimmen in meinem Kopf. Nach der klösterlichen Stille ist das Vogelkonzert schier ohrenbetäubend. Doch zumindest die vielen lauten und bunten Gedanken in meinem Kopf werden ruhiger. Ich merke: Es gibt zwei Arten der Stille – eine in der Welt um mich herum und eine in mir drin. Die erste findet man im Kloster Nütschau. Und die innere Stille?

„Die vielen Gedanken gehören dazu“, wird Bruder Lukas mir später erklären. Man müsse sie zulassen und zwischendurch immer wieder versuchen „die Seele zurückzuholen“, wie er es beschreibt. Der 38-Jährige ist erst seit knapp sieben Jahren in Nütschau. Zuvor hat er fast zehn Jahre in einer Werbeagentur gearbeitet. „Ich weiß was Lärm, Hektik und Stress bedeuten“, sagt er rückblickend. Dabei hat Stille keineswegs etwas mit Stillstand zu tun. Vielmehr könne nur sie dem Menschen Raum für Entscheidungen im Leben geben.

Zu lebenswichtigen Entscheidungen reicht meine innere Stille noch nicht aus, doch ich beschließe in die Vesper zum Abendgebet zu gehen.

Die Tagesstruktur im Kloster ist durch das gemeinsame Stundengebet und das Singen der Liturgie geprägt: vier Mal am Tag, sieben Tage die Woche. „Dem Gottesdienst ist nichts vorzuziehen“, lautet eine der Ordensregel des Heiligen Benedikts. Wenn die Glocken auf der Schlosskirche läuten, legen die Klosterbewohner ihr Tagewerk zur Seite und eilen zum Gebet.

6 Uhr morgens: Helles Glockenläuten schallt über das Klostergelände. Ihr nachdrücklicher Ton duldet keinen Widerspruch, kein weiteres Umdrehen im Bett. Der Hahn vor meinem Fenster stimmt ihr lautstark zu. Wohl oder übel schlüpfe ich in meine Jeans und mache mich auf den Weg in die Klosterkirche.

6.30 Uhr: Fröstelig und noch nicht richtig wissend, wo ich bin und was nun von mir verlangt wird, knie ich in einer der Holzbänke, die sich rund um den gläsernen Altar gruppieren. Nach und nach singt Bruder Matthäus zwei Zeilen eines Psalms vor, die übrigen Mönche und die Gemeinde antworten mit den nächsten beiden Zeilen. Eine Orgel gibt es nicht. Archaisch klingen die Mönchsstimmen durch den Kirchenraum. Meine Stimme will mir noch nicht richtig gehorchen – das Schweigen und die frühe Uhrzeit haben ihre Spuren hinterlassen.

Am Ende der „Vigil“ (eigentlich „Nachtwache“) verharren alle im stillen Gebet. Sechs, sieben, acht Minuten verstreichen in vollkommender Ruhe. Die Zeit scheint still zu stehen, bis um sieben Uhr die Glocke schlägt. Nahtlos schließen sich die „Laudes“, das Morgenlob, an.

Gebetet wird – wie in allen Benediktiner-Klöstern – vor allem in Psalmen. Anders als in anderen Klöstern geschieht dies auf deutsch. Der Grund: „Kloster Nütschau war schon immer ein Gästekloster. Uns ist es wichtig, dass jeder Gottes Botschaft versteht“, erklärt Bruder Lukas. Vier Wochen dauert es, bis die Nütschauer Mönche alle 150 Psalme des Alten Testaments durchgebetet haben. „Im Mittelalter brauchten die Mönche nur eine Woche – sie haben beispielsweise Körbe geflochten und dabei die ganze Zeit gebetet“, erklärt Bruder Lukas. Körbe werden im heutigen Nütschau nicht mehr geflochten. Doch gemäß der Ordensregel „Ora et labora“, arbeite und bete, gehen die Nütschauer Mönche verschiedensten Tätigkeiten nach. Viele arbeiten im Gästebetrieb mit, betreuen Jugend- und andere Gruppen, führen Einzelgespräche. Je nach Neigung kümmert sich ein Bruder um die 13 Bienenstöcke des Klosters, die Gärten oder die Öffentlichkeitsarbeit. „Dabei wird die dritte Regel der Benediktiner, das „lege“, die Aufforderung zum Lesen, vergessen“, sagt Bruder Lukas. Für die 20 Mönche des Benediktiner-Klosters gehört das kontemplative, das betrachtende Schweigen und Lesen zum Alltag.

7.30 Uhr: Frühstück. Für Einzelgäste im Schweigen gibt es einen gesonderten Raum, abseits der anderen Gäste, in dem nicht gesprochen wird. Wir sind an diesem Morgen zu viert. Es ist ein sonderbares Gefühl mit Menschen zu essen, von denen man gar nichts weiß, ja noch nicht einmal deren Stimme kennt. Aber es ist nicht unangenehm sondern fast vertraut, wie wir da zusammen sitzen. Und es ist ein gutes Gefühl sich nicht unterhalten zu müssen. Dennoch überlege ich, was für Lebensgeschichten wohl hinter den Menschen stecken, die hier mit mir an einem Tisch sitzen.

Es ist so still, dass beim Brötchen aufschneiden das Knuspern der Kruste, wie ein Gewitter wirkt. Das Schweigen scheint unser aller „Antennen“ sensibilisiert zu haben. Der junge Mann neben mir reicht mir die Butter, noch ehe ich ihn darauf aufmerksam gemacht habe. Ein Nicken zum Dank – man versteht sich auch ohne Worte. Das Schweigen macht uns zu einer Gruppe, auch wenn wir alle als Einzelgänger in Nütschau sind und uns mit uns selbst beschäftigen. Begegnen wir uns in den kommenden Tagen auf dem Klostergelände, zeigte ein erkennendes Lächeln oder Kopfnicken das Wiedererkennen.

Das Interesse am klösterlichen Kurzurlaub in Deutschland ist groß. Laut einer Umfrage der Deutschen Ordensoberkonferenz (DOK) aus dem Jahr 2011, berichten 83 Prozent der 182 teilgenommenen Klöster von gleichbleibenden oder steigenden Besucherzahlen. Die Gründe für einen Aufenthalt sind dabei verschieden. 37 Prozent der Klostergäste suchen die geistliche Erfahrung, 36 Prozent wollten in der klösterlichen Atmosphäre Ruhe und Erholung finden. Das Kloster Nütschau zählt alljährlich 14.000 Übernachtungen.

Nach 48 Stunden hat das Schweigen ein Ende. Ein letztes Mittagsgebet, ich verlasse das Kloster. Der turbulente Alltag beginnt hinter der Klostertür. Es ist erstaunlich, wie laut die Menschen um mich herum auf einmal reden und wie eilig sie es haben. Erst jetzt fällt mir auf, wie viel Ruhe ich in den letzten zwei Tagen gefunden habe. Eine gute Erfahrung.

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