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Terroranschläge in Kopenhagen : 40 Schüsse, die Dänemark veränderten

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Nach den Attentaten in Kopenhagen auf ein Kulturzentrum und die Synagoge holt Dänemark mit Tränen in den Augen tief Luft.

Kopenhagen | Es ist kurz vor 15 Uhr am Sonnabend, den 14. Februar 2015. Dennis Meyhoff Brink trifft im letzten Augenblick am Kulturzentrum „Krudttønden“ im Kopenhagener Stadtteil Østerbro ein. Er hat sich zu einer Veranstaltung über Kunst, Blasphemie und Meinungsfreiheit angemeldet, vorbereitet vom dänischen „Lars Vilks-Komitee“. Die Hauptperson – der Schwede Lars Vilks, der den Propheten Mohammed unter anderem als Hund gezeichnet hat – ist selbst anwesend.

Obwohl Lars Vilks ebenso wie mehrere dänische Zeichner der zwölf Mohammed-Karikaturen für die Zeitung „Jyllands-Posten“ 2005 weit oben auf einer Liste bevorzugter Terrorziele islamistischer Extremisten steht, läuten im Vorfeld des Treffens keine Alarmglocken. Dabei stehen sowohl schwedische als auch dänische Polizisten vor dem Kulturzentrum. Nur zur Sicherheit.

Wie alle anderen muss sich Dennis Meyhoff Brink einem Sicherheits-Check wie an einem Flughafen unterziehen, bevor er in den Saal geschleust wird. Er setzt sich gleich hinter die Tür zum Foyer.

Eine halbe Stunde später ist die Veranstaltung gut in Gang gekommen. Der französische Botschafter in Dänemark, Francois Zimeray, hat über den Terror in Paris gesprochen und sich für die dänische Unterstützung Frankreichs nach dem Anschlag auf das Satireblatt „Charlie Hebdo“ und auf ein jüdisches Einkaufszentrum  bedankt. Er  setzt sich neben Dennis Meyhoff Brink.

Satire und Religion

Dennis Meyhoff Brink, geboren und aufgewachsen in Toftlund in Sønderjylland unweit der deutsch-dänischen Grenze, ist im Hinblick auf das Thema des Treffens ein Experte. Die Mohammed-Krise vor beinahe zehn Jahren hat ihn inspiriert. An der Universität Kopenhagen hat er eine Abhandlung über die Geschichte der Religionssatire verfasst. Er ist heute Lektor am Institut für Kunst und Kulturwissenschaft der Universität.

Es ist 15.33 Uhr. Der 22-jährige Omar Abdel El-Hussein ist vor Ort eingetroffen. Mehr oder weniger versteckt unter beziehungsweise hinter einer großen Mütze und einem Halstuch. Bewaffnet ist er mit, wie sich später zeigen wird, einem M95-Automatikgewehr. Der junge Mann wurde in Dänemark als Sohn palästinensischer Eltern geboren. Er ist zunehmend auf Abstand zu seiner dänischen Umgebung gegangen und hat sich in einem islamistischen Fanatismus eingeschlossen. Dennis Meyhoff Brink und die übrigen Zuhörer lauschen einem Beitrag über die Meinungsfreiheit, als der erste Schuss aus Omar Abdel El-Husseins Gewehr das Kulturzentrum trifft. Ab dem Augenblick befindet sich Dänemark im Wandel.

Die Wirklichkeit

Wie Dennis Meyhoff Brink es später ausdrücken wird: „Vorher war Terror für mich etwas Abstraktes, nun ist Terror Wirklichkeit geworden.“ Der Film-Regisseur Finn Nørgaard hat den Saal verlassen und versucht draußen vor „Krudttønden“ den Schützen zu stoppen. Ein ungleicher Kampf. Der 55-Jährige bezahlt seinen Mut mit dem Leben. Drei Polizisten werden ebenfalls in dem Kugelhagel gegen das Kulturzentrum getroffen. Omar Abdel El-Hussein gelangt nicht hinein.  Er entscheidet sich stattdessen für die Flucht.

Die Polizei bringt den Gesuchten schnell mit dem Banden-Milieu in Verbindung, und zunächst ist es unklar, ob von einer kriminellen Handlung oder einem Angriff auf die Meinungsfreiheit die Rede ist.

Die Ministerpräsidentin, Sozialdemokratin Helle Thorning-Schmidt, hat einen ihrer seltenen freien Tage. Sie wird von der Staatskanzlei, die sich umgehend in höchster Alarmbereitschaft befindet, ins Bild gesetzt, und um 22.22 Uhr schreibt Thorning-Schmidt auf Facebook:  „Dänemark ist heute von einer zynischen Gewalttat getroffen worden. Alles deutet darauf hin, dass die Schießerei auf Østerbro ein politisches Attentat und damit eine Terrorhandlung war.“ Die Ministerpräsidentin weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, dass es noch schlimmer wird.

Der zweite Angriff

Eine Stunde nach Mitternacht geht derjenige, der sich später als Juden hassender Koran-Extremist entpuppt, zum Angriff auf die Synagoge in der Krystalgade in Kopenhagen über. In der Synagoge findet eine jüdische Konfirmation mit 80 Gästen statt. Draußen hält der 37-jährige Dan Uzan Wache.

Er wird niedergeschossen, als er versucht, Omar Abdel El-Hussein am Eindringen in die Synagoge zu hindern. Zwei Polizisten werden verletzt, bevor der Terrorist erneut die Flucht ergreift.

14 Stunden, nachdem der erste Schuss abgefeuert wurde, wird Omar Abdel El-Hussein von der Polizei entdeckt. Er gibt drei Schüsse auf die Fahnder ab, aber obwohl er eine Sicherheitsweste trägt, wird er letzten Endes  in einer Wolke von Schüssen der Polizei getötet.

Helle Thorning-Schmidt schreibt auf Facebook am Sonntag, den 15. Februar, um 8.57 Uhr: „Es ist ein unendlich trauriger Morgen, an dem wir alle an die Opfer und ihre Angehörigen denken. Zwei unschuldige Menschen haben ihr Leben als Folge eines zynischen Terror-Akts gegen Dänemark verloren.“

Bevor Omar Abdel El-Hussein tot auf einer Straße in Kopenhagen liegt, hat er 40 Schüsse abgefeuert. Zwei Menschen sind zu Tode gekommen, fünf verletzt. Aber es ist ganz Dänemark, das getroffen worden ist. Es sind 40 Schüsse, die Dänemark verändern.

Die Landesmutter

Helle Thorning-Schmidt tritt in der Rolle der Landesmutter in Erscheinung. Sie bedient sich der Strategie, die der damalige norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg nach dem Massaker auf Utøya verkörpert hat. Thorning-Schmidt zeigt ihre Trauer und spricht von Mitgefühl. Sie ruft dazu auf, dass es nun um Zusammenhalt geht. „Wir wissen, dass es fanatische Personen sind, die das Recht anderer auf Leben verachten. Das ist eine Bedrohung, gegen die wir uns mit der besonderen Stärke verteidigen werden, die aus unserer Gemeinschaft erwächst“, sagt sie zu den Dänen.

Die Regierungschefin erscheint an den Tatorten. Und sie nimmt sowohl an der Beerdigung Dan Uzans als auch an derjenigen von Finn Nørgaard teil. Sie ist sichtbar bewegt.

Hingegen  ist die Ministerpräsidentin nicht dabei, als Omar Abdel el-Hussein an seine muslimische Grabstätte getragen wird. Er ist jedoch keineswegs allein. Um die 700 Menschen erscheinen. Und obwohl mehrere führende Moslems sich von seinem Terrorakt distanziert haben, hat er doch viele Sympathisanten.

Die Sorge

„Der Terror war die Tat eines Verrückten. Er ist jetzt tot. Aber der Terror ist nicht mit ihm gestorben“, schreibt der USA-Experte und Folketings-Kandidat der führenden bürgerlichen Partei Venstre, Mads Fuglege, ein einem Beitrag für dänische Medien, in dem er die Sorge vieler Dänen zum Ausdruck bringt.

„Wenn man Attentate auf Zeichner vermeidet, indem man es unterlässt zu zeichnen – wie vermeidet man dann Attentate auf Juden?“, fragt der bekannte Journalist Hans Mogensen auf Facebook. Gerade die jüdische Gemeinde in Dänemark ist erschüttert. „Es ist traurig, und wir sind schockiert – aber ich kann nicht behaupten, dass wir überrascht wären“, sagt ihr Vorsitzender Dan Rosenborg Asmussen. Er geht davon aus, dass in jüdischen Institutionen in Dänemark nun schärfere Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Unter anderem, weil Eltern von Kindern einer jüdischen Schule Angst bekommen haben.

Der Terrorakt löst zunächst einen politischen Burgfrieden zwischen den politischen Führern in Dänemark aus. Aber ihm wird ein Wahlkampf folgen, der sich zuallererst um Terrorbekämpfung, die nationale Sicherheit und ein Entgegentreten gegenüber einen zunehmenden islamistischen Extremismus vor allem unter jungen Leuten in Dänemark drehen wird. (Anmerkung der Redaktion: Spätestens im September muss die Ministerpräsidentin die nächsten Folketingswahlen ausschreiben). Und erneut kommt eine stärkere Kontrolle an der dänisch-deutschen Grenze auf die Tagesordnung. Das Gespenst der Schlagbäume ist wieder da.

Neue Wirklichkeit

Am Sonntag, den 15. Februar, sind die Dänen in einer neuen Wirklichkeit aufgewacht. Es hat mehrere Anschläge auf die Dänen und Dänemark nach den Mohammed-Karikaturen 2005 gegeben. Die Beschäftigten von Jyllands-Posten arbeiten seitdem hinter einer Festung aus Beton, Stahl und kugelsicherem Glas. Mehrere Anschläge sind rechtzeitig verhindert worden. Nun ging dies also nicht mehr.

Die Freiheit

Der Versuch, die Terrorakte von Paris in Kopenhagen zu kopieren, hat am dänischen Selbstwertgefühl gerüttelt. Die Ministerpräsidentin, die übrigens der große Gewinner der aktuellen politischen Beliebtheits-Umfragen ist, fordert dazu auf, den Rücken wieder gerade zu machen. „Nun müssen wir zusammenstehen und den Alltag weiterleben, den wir kennen. Sagen, was wir meinen. An das glauben, woran wir glauben.  Unser Leben in Freiheit leben. Diejenigen sein, die wir sind.“ Obwohl die dänische Freiheit nach den 40 Schüssen durchlöchert ist wie ein Sieb.

Frage nach Mut Dennis Meyhoff Brink ist nach wie vor gezeichnet von dem Terrorangriff auf das Gebäude, in dem er saß. Er wacht nachts mit Albträumen auf, und er setzt sich nicht mehr mit dem Rücken zu einem Fenster. Er hat an Gedenkfeiern teilgenommen, und wie so viele andere Dänen hat er Blumen am Tatort niedergelegt. Er möchte weiter für die Meinungs- und Versammlungsfreiheit kämpfen. Vielleicht sogar mehr als jemals zuvor. Aber Dennis Meyhoff Brink hat keine Ahnung, ob er wieder an einem Treffen wie demjenigen in Krudttønden an jenem schicksalsträchtigen Sonnabend teilnehmen wird: „Ich weiß nicht, ob ich dazu den Mut habe. Aber ich hoffe es.“ Während viele Dänen – auch eine Mehrheit der Moslems – die Hand zur Versöhnung ausstrecken, gibt es auch weiterhin islamistische Organisationen wie Hizb ut-Tahir, die mit Schaum vor dem Mund reagieren. Das Glanzbild vom kleinen friedlichen Dänemark bekommt Risse.

Der Autor Poul-Erik Thomsen war Chefredakteur und „Senior-Correspondent“ der süddänischen Regionalzeitung „JydskeVestkysten“ mit Sitz in Esbjerg. Kürzlich trat er in den Ruhestand und schreibt seitdem als freier Publizist. 

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erstellt am 01.Mär.2015 | 10:02 Uhr

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