Ohne Referendariat : 2000 Hilfslehrer unterrichten an den Schulen in SH

Vor allem in Mangelfächern wie etwa Naturwissenschaften und Mathematik ist das Land auf Hilfslehrer angewiesen. /Symbolfoto.
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Vor allem in Mangelfächern wie etwa Naturwissenschaften und Mathematik ist das Land auf Hilfslehrer angewiesen. /Symbolfoto.

Die Lehrergewerkschaft kritisiert den hohen Anteil an nicht ausgebildetem Personal und sieht die Qualität der Bildung in Gefahr.

fju_maj_0203 von
11. Januar 2018, 21:48 Uhr

Kiel | Es kann eine Rechtsanwalts- und Notargehilfin sein, ein Chemiker, ein Musiker, jemand mit einem abgebrochenen Studium in Modedesign oder mit einer Erzieherausbildung: Das ist nur eine Handvoll Beispiele für Personen, die auf ihren erlernten Beruf entweder keine Lust mehr haben oder darin nicht unterkommen – und stattdessen mangels fertig ausgebildeter Lehrer Schulklassen in Schleswig-Holstein unterrichten.

16.899 Wochenstunden erteilen Personen, die kein zweites Staatsexamen haben und auch kein Referendariat auf dem Weg dorthin anstreben. Und die auch kein Qualifizierungsprogramm für Seiten- oder Quereinsteiger in den Lehrerberuf durchlaufen. Das geht aus einer Antwort des Bildungsministeriums auf eine Kleine Anfrage des SPD-Landtagsabgeordneten Martin Habersaat hervor.

Weitere 6500 Wochenstunden entfallen auf Nachwuchskräfte, die zwar das erste Staatsexamen hinter sich haben und auf einen Referendariatsplatz warten – die aber auch noch keine fertigen Lehrer sind und formell nicht zum Zweck der eigenen Ausbildung vor einer Klasse stehen. Addiert man dazu noch 1607 Wochenstunden, die eigentlich schon pensionierte Lehrer erteilen und rechnet wie Habersaat mit einer durchschnittlichen Stundenzahl von 27 pro Lehrer und Woche – dann ersetzen all diese Kräfte ohne zielgerichtete Ausbildung für den Schuldienst die Arbeitskraft von rund 1000 regulären Lehrern. Was den Oppositionspolitiker rein rechnerisch zu der Warnung bringt: „Bereits heute fehlen 1000 Fachkräfte an Schulen.“

Gewerkschaft schätzt die Zahl nichtausgebildeter Lehrkräfte auf 2000

Mit Blick auf die gerade erst beendete eigene Regierungsverantwortung räumt der Sozialdemokrat zwar ein: „Das deutschlandweit zu beobachtende Problem ist keines, das ich der neuen Landesregierung allein anlaste.“ Dennoch fordert er schnelles Handeln. Und erinnert daran, dass die Jamaika-Koalition für ihre ersten 100 Tage ein sogenanntes Lehrkräftebedarfsanalysekonzept angekündigt hatte – dieses aber bisher schuldig geblieben ist. Für die nächste Sitzung des Bildungsausschusses hat Habersaat dazu einen Bericht durch das Ministerium eingefordert.

„Nichtausgebildete Lehrkräfte dürfen in der Schule nur eine absolute Ausnahme bleiben. Sonst droht die Qualität der Bildung in erheblichem Maße zu leiden“, warnt die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung & Wissenschaft (GEW), Astrid Henke. Da die Unterrichtenden ohne reguläre Lehrerausbildung selten auf vollen Stellen arbeiten würden, dürften nach Henkes Einschätzung mehr als 2000 Personen ohne Lehramtsausbildung in den Schulen tätig sein. Henke moniert, dass es für diese Gruppe im Schulalltag auch an fachlicher Begleitung, etwa durch Mentorenprogramme, fehle.

Das Bildungsministerium hält den Klagen entgegen: Nur drei Prozent des Unterrichts an den allgemeinbildenden und fünf Prozent an den beruflichen Schulen werde von Personen gegeben, die weder ein Referendariat hätten noch sich in irgendeiner Qualifizierungsphase befänden. „Wir haben die Lehrkräftestellen zu diesem Schuljahr gut besetzen können“, sagt Bildungsministerin Karin Prien (CDU). Allerdings gebe es in Mangelfächern wie etwa Naturwissenschaften und Mathematik „und regional sehr unterschiedlich gelegentlich Schwierigkeiten“. Im Übrigen, so Prien, bleibe es bei dem Versprechen: „Wir machen das, was unsere Vorgänger liegen gelassen haben. Eine abteilungsübergreifende Arbeitsgruppe arbeitet schon an der Lehrerbedarfsanalyse.“ Die Ministerin will sie in Kürze vorstellen.

Keine Frage von ein paar Tagen

Ein Kommentar von Frank Jung

Es hat schon seine eigene Ironie, wenn es ausgerechnet dort, wo es um die grundlegende Ausbildung von jungen Menschen geht, an der Ausbildung derjenigen hapert, die sie dabei anleiten sollen. Aber natürlich ist das Thema zu ernst, um es auf Realsatire zu reduzieren. Deshalb ist öffentlicher Druck auf die Landesregierung richtig, sie an ihr eigenes Versprechen zu erinnern, Mittel und Wege gegen den Einsatz von „Not-Lehrern“ ohne richtige Ausbildung zu finden.

Das ist Aufgabe der Opposition. Ob das allerdings innerhalb der ersten 100 oder der ersten 200 Tage Amtszeit erfolgt, ist zweitrangig. Hauptsache, es geht überhaupt einmal eine Koalition strategisch an diesen Missstand heran. Zumal er am Ende erst durch langfristige Maßnahmen zu beheben sein wird. Da greifen zum Beispiel Stellschrauben wie Bezahlung, Studienbedingungen, Absenkung von Studienabbrecherquoten oder leichtere Bewerbungsverfahren für Seiteneinsteiger mit begleitendem Qualifizierungsprogramm ineinander. Bis dahin gilt: Jeder „Not-Lehrer“ ist immer noch besser als Unterrichtsausfall.

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