zur Navigation springen

Flensburg, Timmendorfer Strand, Itzehoe : 1250 Sportstätten in SH sind kaputt – Land will Geld aus Berlin

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ohne ein Sonderprogramm sei die Sanierung nicht machbar, sagt Minister Studt. Doch der Bund zeigt sich ablehnend.

shz.de von
erstellt am 10.Feb.2017 | 09:32 Uhr

Flensburg/Berlin | Angesichts des schlechten Zustands vieler Sporthallen und Stadien in Schleswig-Holstein verlangt der Kieler Innenminister Stefan Studt finanzielle Hilfe aus Berlin. Der SPD-Politiker bringt heute eine Initiative in den Bundesrat ein, mit der er ein Bundesprogramm zur Modernisierung von Sportstätten fordert.

Sportvereine sind ein wichtiger Bestandteil einer jeden Stadt - und sie brauchen dafür geeignete Orte. Wenn ihre Stätten so stark sanierungsbedürftig sind, könnte auch irgendwann die Sportkultur darunter leiden.

Die Stadt Flensburg zum Beispiel: Gerade mal eine nutzbare Leichtathletik-Laufbahn gibt es in der 90.000-Einwohner-Stadt. Dagegen ist die Tartanbahn des dortigen PSV so heruntergekommen, dass der Sportverein sie schon vor Jahren gesperrt hat. Und das städtische Fußballstadion ist so unsicher, dass vor zweieinhalb Jahren ein fieberhaft erwartetes Freundschaftsspiel zwischen dem HSV und Lazio Rom sehr zum Unmut der Fans abgesagt und nach Lübeck verlegt werden musste. Die Polizei hatte Bedenken, weil es in dem zuletzt vor mehr als 60 Jahren modernisierten Stadion keine vergitterten Fanblocks und keine Wellenbrecher auf den Stehtribünen gibt.

Die Zustände in Flensburg sind kein Einzelfall, sondern fast die Regel in Schleswig-Holstein. Rund ein Drittel der 3800 Sportstätten im Land sind laut Zahlen des Statistischen Landesamts sanierungsbedürftig. Der Instandhaltungs- und Modernisierungsstau beläuft sich auf 55 Millionen Euro, sagt der für Sport zuständige Kieler Innenminister Stefan Studt. Allein in Timmendorfer Strand sind rund acht Millionen für die Sanierung der Eissporthalle nötig. Und bundesweit werden gleich 11 Milliarden Euro gebraucht, um Stadien, Sporthallen und Schwimmbäder auf Vordermann zu bringen.

Angesichts dieser Beträge fordert Studt nun Hilfe - mit seiner Initiative. „Ohne ein entsprechendes Sonderprogramm ist eine effektive und nachhaltige Beseitigung der Modernisierungs- und Sanierungsrückstände nicht mehr zu erreichen“, sagt Studt.

Vorbild könnte ein bereits zwischen den Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel vereinbartes Milliarden-Paket für die Schulen in armen Kommunen sein. Die sollen vom Bund für die Modernisierung der Bildungseinrichtungen insgesamt 3,5 Milliarden Euro bekommen, in Schleswig-Holstein 100 Millionen. Etwas Ähnliches wünscht sich Studt nun für Hallen und Stadien: „Dieser Ansatz“, sagt der Minister „sollte mit Blick auf die kommunalen Sportstätten konsequent weitergedacht werden.“ Deren Modernisieriung sei umso wichtiger, als die Probleme mit kaputten Sportanlagen nicht nur den Vereinssport, sondern auch den Schulsport behindern würden. In Flensburg mit der nur einen intakten Laufbahn etwa müssen die Kinder quer durch die ganze Stadt gekarrt werden, wenn Lauftage oder Bundesjugendspiele anstehen.

Beim Städteverband Schleswig-Holstein rennt Studt mit dem Vorstoß offene Türen ein. „Eine Vielzahl von Sportstätten ist sanierungsbedürftig – auch unter energetischen Gesichtspunkten“, sagt Verbandschef Jochen von Allwörden. Daher sei die Bundesratsinitiative aus Kiel „nur zu begrüßen“. Ob aber auch eine Mehrheit der Länder Studts Vorstoß unterstützen wird, ist offen. Der Bundesrat wird die Initiative aus Kiel am Freitag erst mal zur weiteren Beratung in die Ausschüsse überweisen.

Der Bund zeigte sich am Donnerstag schon mal strikt ablehnend. Sportstaatsseketär Ole Schröder nannte Studts Forderung nach Geld aus Berlin „eine Bankrotterklärung der SPD-Landesregierung“. Der Sanierungsstau in Schleswig-Holstein sei lange bekannt, sagte der CDU-Politiker. Es könne daher „nicht sein, dass die Landesregierung die Sportstätten verkommen lässt und dann kurz vor der Landtagswahl fordert, dass plötzlich andere wie Bund und Kommunen dafür verantwortlich sein sollen“.

Der Sport mit seinen vielen ehrenamtlich tätigen Helfern hätte es verdient gehabt, früher ernst genommen zu werden, kommentiert Jürgen Muhl:

Das wunderschön gelegene Stadion in Flensburg gammelt vor sich hin. Nichts passiert. Die Stadt ist finanziell ebenso marode wie der Zustand der einst so stolzen Sportstätte. Genauso sieht es in Itzehoe aus. Sowohl das städtische als auch das Fußball-Stadion am Lehmwohld präsentieren eine Wachstums-Ausstellung heimischer Unkrautpflanzen. Ähnlich schlecht sind die Zustände von vielen Sport- und Trainingsplätzen, so auch in Rendsburg, Eckernförde oder in Husum. In vielen Sporthallen in Städten und Gemeinden geben Schimmel und Feuchtigkeit den Ton an. Schul- und Vereinssport laufen hinterher. Zwischen Start und Ziel hat sich ein Niemannsland etabliert. Wo sich niemand mehr wohlfühlt. Sportlerinnen und Sportler schon gar nicht. Und wo der sportlich ambitionierte Nachwuchs die Lust an der Bewegung verliert. Ein Großteil der Sportstätten in Schleswig-Holstein steht im Sanierungsstau. Seit Jahren bröckelt eine Verfallkultur vor sich hin. Jetzt, wenige Monate vor den Wahlen auf Landes- und Bundesebene, geht der für den Sport zuständige Innenminister Stefan Studt in die Offensive.

Studt will ein Bundesprogramm „Sportinfrastruktur in Deutschland“ ins Spiel bringen. Der Bundesrat soll den Startschuss geben. Es geht um 11 Milliarden Euro für die Bereiche Sportstätten und Bäder. Mit seiner Initiative wird Studt in dieser Legislaturperiode wohl nichts mehr ausrichten können. Warum erst jetzt im Wahlkampf? Studt geht auf Stimmenfang in der großen Sportlandschaft. Der Sport mit seinen vielen ehrenamtlich tätigen Helfern hätte es verdient gehabt, früher ernst genommen zu werden. Hilferufe aus Kommunen, Schulen und Vereinen gibt es seit Jahren. Sie blieben zumeist ungehört.

Vor wenigen Wochen überreichte der Minister dem Kieler Yacht-Club einen Förderbescheid über 300.000 Euro. Geld zur Unterstützung für die Ausrichtung von Segelwettbewerben auf Weltklasse-Niveau. Geld für den ohnehin von Sponsoren verwöhnten Segelstandort Kiel. Insgesamt hat das Land 700.000 Euro für die Modernisierung der Infrastruktur am Segelstandort Kiel-Schilksee in Aussicht gestellt. Geld für eine Nobel-Sportart. Irgendwie stimmt das Verhältnis nicht. An der Basis des Sports rumort es.
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen