Gehobener und mittlerer Dienst : 1000 Bewerbungen weniger – Polizei in SH verlängert Frist

In Schleswig-Holstein machten im vergangenen Jahr 1035 Polizeianwärter ein Ausbildung. Die Zahl soll in den kommenden Jahren steigen, doch die Zahl der Bewerbungen geht zurück.
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In Schleswig-Holstein machten im vergangenen Jahr 1035 Polizeianwärter eine Ausbildung. Die Zahl soll in den kommenden Jahren steigen, doch die Zahl der Bewerbungen geht zurück.

Noch bis zum 31. Januar können sich Polizeianwärter bewerben. Die Gewerkschaft sieht das Ziel von 500 zusätzlichen Kräften bis 2023 in Gefahr.

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10. Januar 2018, 18:14 Uhr

Kiel | Die Suche nach neuen Polizisten für Schleswig-Holstein gestaltet sich als schwierig – und das ausgerechnet jetzt, wo das Land die Bewerberzahlen kräftig erhöhen will. Die Landespolizei hat die Bewerbungsfrist für Polizeianwärter erneut verlängert. Spätentschlossene können sich somit für dieses Jahr noch bis zum 31. Januar bewerben. Das teilte die Polizei am Mittwoch mit. Dabei war die Bewerbungsfrist am 22. Dezember verstrichen und zuvor bereits zweimal verlängert worden.

Droht ein Fachkräftemangel bei der Polizei? „Die Bewerberzahlen liegen bei 2766. Am Ende des vergangenen Bewerbungsfensters für 2017 lagen sie genau um 1000 höher“, sagte Torge Stelck, Sprecher bei der Landespolizei in Kiel, auf Nachfrage von shz.de. Man befinde sich im Mittel der Jahre 2012 bis 2015. Danach sei die Zahl aufgrund der doppelten Abiturjahrgänge überdurchschnittlich hoch gewesen. So komme der große Unterschied zustande.

 

Für die Gewerkschaft der Polizei in Schleswig-Holstein (GdP) ist das eine beunruhigende Entwicklung. Sie sieht das von CDU, FDP und Grüne im Koalitionsvertrag vereinbarte Ziel von 500 zusätzlichen Stellen bei der Polizei bis 2023 in Gefahr – Stellen, die dringend benötigt werden. Die Zahl der Überstunden bei der Polizei befindet sich auf Rekordniveau. Wie shz.de vergangene Woche berichtete, stieg sie zum Stichtag 30. November auf 450.232. Das ist gegenüber 2016 ein Anstieg um 25 Prozent.

Bei der Landespolizei sieht man die aktuelle Bewerbungssituation mit verhaltenem Optimismus. Bislang sei es immer gelungen, alle Stellen zu besetzen, heißt es dort, doch man müsse das Verfahren abwarten: „Wir gehen davon aus, dass es ein enges Rennen wird“, so Stelck. Ob alle Ausbildungsstellen besetzt werden können sei auch eine Frage der Qualität der Bewerber. Dazu könne man jedoch noch nichts sagen, da das Auswahlverfahren aus verschiedenen Eignungstests noch laufe. Die Vorgaben der Landesregierung geben eine klare Linie vor: „In den Jahren 2018, 2019 und 2020 werden jeweils 400 Anwärterinnen und Anwärter für den Polizeivollzugsdienst eingestellt“, sagt der Polizeisprecher (zum Vergleich: 2015 waren es 275). Ob das gelingt ist fraglich. Stelck sieht den öffentlichen Dienst bei der Polizei in direkter Konkurrenz mit der freien Wirtschaft – und die boomt.

 

Doch das dürften nicht die einzigen Gründe für den Bewerberrückgang sein. Gerade das vergangene Jahr hat mit dem G20-Gipfel gezeigt, wie gefährlich der Job bei der Polizei sein kann. Hunderte Beamte wurden bei den Krawallen verletzt. Auch von normalen Einsätzen gibt es bundesweit immer wieder Berichte, nach denen Polizisten angegriffen werden – aktuell in der Silvesternacht. Die Polizeischule Eutin geriet zudem mehrfach negativ in die Schlagzeilen. Dort gab es zuletzt Vorwürfe wegen Fremdenfeindlichkeit und Sexismus.

Auch das Kieler Innenministerium verweist auf den doppelten Abi-Jahrgang. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Bewerbungsfrist verlängert wird. Das hatte es im vergangenen Jahr ebenfalls gegeben. Und das, obwohl die Zahlen dort wegen des doppelten Abi-Jahrgangs deutlich höher waren, als im Durchschnitt“, sagte Innenstaatssekretär Torsten Geerdts. Unabhängig von den aktuellen Bewerberzahlen arbeite das Ministerium mit Hochdruck daran, das Ziel von 500 neuen Stellen bei der Landespolizei bis 2023 zu erreichen. Geerdts nennt dabei Investitionen in die Ausrüstung als Beispiel und kündigte an, dass es eine Entlastung des Wechselschichtdienstes geben werde. „Wir garantieren eine erstklassige Ausbildung, Aufstiegsmöglichkeiten und damit berufliche und persönliche Perspektiven. Unsere Polizei genießt in der Bevölkerung ein hohes Ansehen“, sagte der Innenstaatssekretär.

 

Der stellvertretende GdP-Vorsitzende Sven Neumann forderte die Landesregierung auf, den Polizeiberuf etwa durch eine bessere und mit anderen Bundesländern vergleichbare Bezahlung attraktiver zu gestalten. Er warnte: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Landespolizei sind schon jetzt bis an die Belastungsgrenze im Dienst eingebunden. Nur unter erheblichen Kraftanstrengungen kann die Zeit überbrückt werden, bis es endlich durch das Personalplus zu Entlastungen kommt.“

Auch die FDP meldete sich am Freitag bei dem Thema zu Wort. Der polizeipolitische Sprecher der Liberalen im Landtag, Jörg Hansen, sagte, dass die Attraktivität des Berufs verbessert werden müsse. Der Abgeordnete nannte dafür konkret die bereits von der Regierungskoalition verabredete Erhöhung der Erschwerniszulage und die Einführung von moderneren und gesundheitsschonenden Schichtmodellen. „Zusätzlich müssen sich aber Politik und Gesellschaft die Frage stellen, ob die zunehmende Respektlosigkeit sowie die Berichterstattung über Tätlichkeiten gegenüber Polizeibeamten junge Bewerber abschrecken, den Polizeiberuf zu ergreifen“, so Hansen.

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