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Lauschangriff : Privat oder nicht? Wenn das Smartphone mithört

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Technik verändert den Alltag. Aber können wir damit überhaupt umgehen?

shz.de von
erstellt am 21.Mai.2017 | 09:17 Uhr

Kiel/Hamburg | Kopfhörer auf den Ohren, ein Buch in der Hand oder die Finger auf dem Smartphonedisplay – in der Düsseldorfer Rheinbahn  klinken sich die meisten Fahrgäste aus dem Alltagstrubel um sie herum aus.  Unter ihnen Eva (70). Sie unterhält sich: „Ich habe gesagt, dass ich ihn nur heirate, wenn ich ihn Charly nennen darf. Ich wollte keinen Ehemann, der Eugen heißt.“ Auch sie bekommt wohl wenig mit vom Geschehen um sie herum. Auch nicht davon, dass noch jemand aufmerksam zuhört. Vielleicht wäre es ihr aber auch egal. Dass dieser private Gesprächsfetzen beim Kurznachrichtendienst Twitter nachzulesen ist, ahnt sie sicher nicht.

Der Düsseldorfer Erkan Dörtuluk hat seine Beobachtungen während seiner alltäglichen Fahrten mit dem öffentlichen Nahverkehr zu einem Projekt erhoben: Er hält die Ohren offen, schnappt Gesprächsinhalte wie die Geschichte aus Evas Privatleben auf und twittert die, die ihn in irgendeiner Form berühren, im Wortlaut auf dem Kanal „Rheinbahn intim“. Namen und Alter sind erdacht, gehören für ihn aber zum Gesamtpaket dazu. Über 36.000 Nutzer haben die Seite abonniert. Viele wohl, um sich über die Tweets zu amüsieren. Wer wirklich hinter Eva steckt, weiß niemand von ihnen. Und nur weil das so ist, ist das, was Dörtuluk da treibt, nicht verboten.

Sobald der Sprecher aber identifizierbar wird, durch Personenbeschreibung, Uhrzeit oder Ort des Lauschangriffs, kann es für denjenigen, der Privates ohne Einverständnis veröffentlicht, Ärger geben, sagt der Kieler Medienrechtsanwalt Stephan Dirks. Ganz klar im strafbaren Bereich sei man, wenn es um Sprachaufzeichnungen gehe: „Die Stimme ist ein personenbezogenes Datum“, sagt Dirks. Durch sie sei man klar zu identifizieren.

Ein privat geführtes Gespräch im Restaurant mitschneiden? „Allein die Aufnahme ist schon strafbar“, sagt Dirks. Auch Inhalte von Formaten wie „Sprachnachricht von gestern Nacht“ des Radiosenders Deltaradio könnten also rechtlich problematisch sein. Hier senden Hörer Sprachaufzeichnungen ein, die sie – oftmals nach durchzechter Nacht  – in ihren Messenger-Chats finden. Dabei ist eine über Messenger wie WhatsApp gesendete Sprachnachricht in der Regel nicht dazu gedacht, einem breiten Publikum zugänglich gemacht zu werden. Sie ist privat.

„Gesprächen zugehört haben wir alle schon mal“

Die Öffentlichkeit habe sich in den letzten Jahren in vielen Aspekten gewandelt, sagt Nils Zurawski, der an der Universität Hamburg am Institut für kriminologische Sozialforschung lehrt. Auf der einen Seite seien da die unübersichtlichen sozialen Medien, die viele Menschen zur Vorsicht anhielten, nicht allzu viel Privates freiwillig preiszugeben. Während in der „privaten“ Öffentlichkeit – beim Schlachter, Bäcker, im Café, der U-Bahn oder auf der Straße – das Risiko der Weiterverwendung für überschaubar gehalten werde. „Und in der Tat ist es das ja auch.“

Dennoch: Mit dem Smartphone hat jeder nicht nur das Tor zu einer unüberschaubar weiten digitalen Welt, sondern auch ein technisches Aufnahmegerät in der Tasche. Sprache, Foto, Video – all das ist schnell und einfach aufgezeichnet und mit ein paar Klicks im Netz verbreitet, oft sogar ohne dass der Abgehörte etwas davon mitbekommt.

Zu normal ist es inzwischen, dass Menschen in der Öffentlichkeit ihr Smartphone in der Hand halten. Die Tatsache, dass jeder Inhalte veröffentlichen kann, gehe leider nicht einher mit der Tatsache, „dass die Gesellschaft als Ganzes dafür die vollständige Kompetenz besitzen würde“, sagt Zurawski. Hier setzt auch „Rheinbahn intim“-Erfinder Dörtuluk an: Er will die Menschen dazu bringen, mehr über das Thema Privatsphäre nachzudenken.

Doch Zurawski warnt davor, die Gefahr einer Überwachung durch die eigenen Mitbürger zu sehr in den Vordergrund zu rücken: „In der Regel sind die Zuhörer Vorübergehende, die mir keine Beachtung schenken“, sagt er. „Und Gesprächen zugehört haben wir alle bereits schon mal, in der U-Bahn, im Café. Es ist menschliche Neugier, die nicht immer passend und schicklich ist, aber nahezu immer konsequenzlos.“

Grenzen bei Amazons „Alexa“ überschritten

Klar ist aber: „Man muss nicht damit rechnen, aufgenommen zu werden, sobald man vor die Tür geht“, sagt Dirks. Auch wenn diese Gefahr durch digitale Assistenten wie Amazons „Alexa“ viel größer geworden sei. Eine technische Neuerung zwischen Spielzeug, nützlichem Helfer und realer Gefahr für unsere Privatsphäre. „Das Bewusstsein dafür ist bei Otto-Normal-Verbrauchern so gut wie nicht vorhanden“, bemängelt Dirks.

Eigentlich hört „Alexa“ nur mit, wenn sie durch ein Codewort „aufgeweckt“ wird. Was aber, wenn sich hier ein Fehler einschleicht oder der ahnungslose Kaffeebesuch den digitalen Zuhörer aus Versehen aktiviert? „Vorsicht wäre geboten, wenn sich das automatisieren würde, mit Übertragung ins Netz, von überall“, sagt Zurawski. Bei „Alexa“ seien „die Grenzen ganz deutlich überschritten, und der Überwachungsstaat in Form von Konsumgütern tritt in unser Leben, nur weil es cool ist, schick und einen modern erscheinen lässt“.

Wenn Erkan Dörtuluk seine Geschichten aus dem Alltag eines Bahnfahrers ins Netz stellt, sei das „als Kunstform reizvoll“, sagt  Zurawski – solange die Menschen nicht bloßgestellt werden, ihre Persönlichkeit geschützt wird und sie Eingriffsmöglichkeiten behalten, wenn diese Art der Beobachtung über das Ziel hinausschieße. „Es sollte aber zu denken geben – und zwar nicht darüber, was ich sage, sondern darüber, dass wir reifer im Umgang mit der Technik sein müssen und ein ,nur weil es geht’ nicht alles rechtfertigen kann.“

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