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Flensburger Namensforscher : Namen im Wandel: Von Tante Emma bis Harry Potter

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie wir heißen, bestimmt, wie andere Menschen uns wahrnehmen. Dabei unterliegen vor allem Vornamen starken Trends.

shz.de von
erstellt am 28.Mai.2017 | 17:02 Uhr

Flensburg | Der Politiker Helmut Schmidt war seinerzeit eine der prägendsten Persönlichkeiten Deutschlands. Dabei hätte das eigentlich gar nicht passieren dürfen – zumindest wenn es nach seinem Vornamen geht. Psychologen der TU Chemnitz fanden heraus, dass Namen bei uns bestimmte Assoziationen auslösen. Helmut ist demnach ein eher unintelligenter und nicht sehr attraktiver Mensch. Auch Heiko oder Olaf schneiden nicht gut ab, ebenso wie Elfriede oder Birgit. Lea oder Felix hingegen werden von ihrem Gegenüber als klug, jung und attraktiv eingeschätzt.

Vor 50 Jahren wäre das Ergebnis der Studie wahrscheinlich ganz anders ausgefallen. Denn Vornamen unterliegen immer dem Trend der jeweiligen Zeit. Um 1900 herum war zum Beispiel der Vorname Emma sehr beliebt – nicht umsonst wurden kleine Supermärkte auch „Tante-Emma-Laden“ genannt. Ab den 1920-er-Jahren kam er allerdings mehr und mehr aus der Mode und tauchte nur noch vereinzelt in den Namensverzeichnissen auf. Das änderte sich schlagartig, als 2001 der erste Harry Potter Film mit Emma Watson als Hermine in den Kinos lief: Seitdem belegt der Name regelmäßig die Top Ten der beliebtesten Namen.

Ähnlich war es damals bei „Kevin allein zu Haus“ – der Name Kevin wurde seit 1991 immer beliebter, bis 2008 die Kevinismus-Debatte in Gang kam und sich das Image des Namens wandelte. Angloamerikanische Versionen wurden seitdem zum Stigma der Unterschicht. Die Angst vor Kevin und Chantal ist so groß, dass Eltern heute nichts mehr dem Zufall überlassen müssen. Mithilfe der App „Kevinometer“ können sie prüfen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ihr Kind aufgrund eines bestimmten Namens später benachteiligt wird. Nach welchen Kriterien die App das errechnet, bleibt allerdings unklar – zumindest bewertet sie beim Test den Namen „Mandy“ mit nur 42 Prozent Kevinismus-Risiko.

Überhaupt hat sich in den letzten Jahren ein Trend entwickelt, Menschen aufgrund ihres Vornamens in Schubladen zu stecken. „Das ist eine gefährliche Diskriminierung, die ich für falsch halte“, sagt Namensforscher Dr. Christian Stolz von der Universität Flensburg. Für ihn sei es eine ganz normale Entwicklung, dass angloamerikanische Namen sich immer mehr ausbreiten. „Die Deutschen sind heute viel offener gegenüber ausländischen Namen als noch vor einigen Jahren. Und wir schöpfen heute auch aus einem viel größeren Namensschatz als früher.“

Gleichzeitig stellt der Forscher auch einen Trend zu traditionellen Namen fest. Johanna, Klara, Theodor, Charlotte, Paul oder Max waren lange Zeit von der Bildfläche verschwunden und stünden nun wieder auf den Hitlisten der beliebtesten Vornamen. „Im Moment erleben wir ein Comeback der alten Namen“, sagt Stolz. Eine Variante sei auch, dass traditionelle Versionen wie Emilie modernisiert werden – und zum Beispiel zu Emily werden.

Trotzdem scheint sich bei der Wahrnehmung von Vornamen ein gewisses Muster herauszubilden, zumindest aus heutiger Sicht. Laut der Deutschen Gesellschaft für Namenforschung e.V. werden kurze, einsilbige Namen wie Tom oder Pia als sportlich wahrgenommen. Namen, die mit einem i oder y enden, gelten als jung und frech. Als besonders intelligent gelten Namen mit lateinischen oder griechischen Wurzeln wie Cornelius oder Maximilian.

Die regionalen Unterschiede sind bei der Namensgebung groß: Während bei uns im Norden skandinavische Namen wie Tjark, Ida, Kjell oder Lina beliebt sind, entscheiden sich Eltern in Bayern eher für Theresa, Antonia, Felix oder Jakob. Das Klischee, dass Menschen in den neuen Bundesländern zu angloamerikanischen Namen mit hohem Kevinismus-Faktor tendieren, ist übrigens nicht ganz falsch: So zeigt eine Karte von 1998, dass die Vornamen Mandy und Enrico im Osten sehr viel häufiger vergeben wurden als im Rest des Landes.

Während Modenamen früher viel stärker verbreitet waren als heute, wünschen sich Eltern heute zunehmend einen unverwechselbaren Namen für ihren Nachwuchs. Die Kreativität kennt dabei keine Grenzen – je ausgefallener, desto besser. Als Vorlage dienen nicht selten Filmfiguren, Markennamen oder Berühmtheiten. In Kiel wurde 2013 der Antrag eines Paares abgelehnt, die ihre Tochter Gucci nennen wollten. Auch Anakin Skywalker oder Frodo wurden nicht genehmigt.

Obwohl die Standesbeamten bei ihrer Entscheidung auch Namensforscher zu Rate ziehen können, liegt die Beurteilung, ob ein Name für ein Kind angemessen ist oder nicht, letztlich in ihrem Ermessen. Anders ist es nicht zu erklären, dass Merlin, Momo, Winnetou, Pumuckl oder Pepsi-Carola anstandslos durchgingen, während Schnucki, Gott, Hemmingway, Mc Donald und Woodstock abgelehnt wurden.

Nicht ganz so stigmatisierend, aber ähnlich unangenehm für den Träger können Nachnamen sein. Wer Ficker, Speckhals oder Hühnerbein heißt, dürfte in der Schule wohl genauso oft zum Objekt des Spotts geworden sein wie Merlin oder Pepsi-Carola. Im Gegensatz zu den Vornamen hat sich die jedoch niemand aussuchen können – zumindest nicht vor rund 800 Jahren, als die Familiennamen durch den jeweiligen Landsherrn vergeben wurden.

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