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Patenschaft : Hilfsorganisation Asante e.V.: Engel für Afrika

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Manche Menschen fliegen für ein Ehrenamt sogar bis nach Afrika – unter ihnen sind auch Flensburger.

shz.de von
erstellt am 09.Apr.2017 | 18:39 Uhr

Flensburg | Wenn Georg Becker von Kenia erzählt, blitzen die hellen Augen auf und tiefe Lachfalten machen sich auf dem Gesicht des 64-Jährigen breit. „Kenia, das ist grandiose Natur, ein tolles Klima und wunderbare Menschen“, schwärmt er. Als Georg Becker und seine Ehefrau Monika vor zwei Jahrzehnten das erste Mal im östlichen Afrika Urlaub machen wird beiden klar: „Wir werden wieder kommen.“ Dass das Land später die zweite Heimat für die Norddeutschen werden sollte, ahnten sie damals nicht.

Georg Becker ist Lehrer und unterrichtete drei Jahrzehnte an einer Flensburger Schule. Seine Fächer: Wirtschaftspolitik und Geologie. Der Zufall bringt ihn und seine Frau zu „Asante e.V.“ ein bundesweiter Verein, der sich für die Förderung von Schulkindern in Tiwi, eine Stadt 20 Kilometer südlich von Mombasa einsetzt. „Wir wollten unbedingt helfen, und wir konnten uns selbst davon überzeugen, dass Asante eine seriöse Hilfsorganisation ist. Hier sind wir uns endlich einmal sicher gewesen, dass unser Geld an der richtigen Stelle ankommt.“ Denn Korruption ist eines der größten Probleme des Landes, Hilfsgüter und Spenden landen oft in den falschen Händen. „Man versucht, dich täglich zu bescheißen. Aber den Leuten dort geht es sehr schlecht, man darf das nicht persönlich nehmen“, fügt der Flensburger hinzu.

Spenden und Mitgliedsbeiträge gehen bei Asante e.V. auf ein deutsches Konto ein; die Gründerin Christine Rottland lebt die meiste Zeit im Jahr vor Ort und hält die Fäden selbst in der Hand. „Zudem ist Asante ein überschaubarer Verein, der hauptsächlich vom Ehrenamt lebt.“

Fünf Monate vor Ort

2008 macht der Flensburger Lehrer ein Sabbatjahr. Er reist für fünf Monate nach Tiwi und übernimmt dort einen Teil des Stundenplans in der vereinseigenen Privatschule „Kristina Academy“. Obwohl Tiwidirekt am indischen Ozean liegt, ist die Stadt kein beliebtes Ausflugsziel für Touristen. „Die Menschen dort leben in bitterer Armut. Nahezu 95 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten und die Arbeitslosenquote ist extrem hoch.“ Hunger, Krankheit und Kriminalität gehören zum gewohnten Bild.

Georg Becker bringt den häufig von Kriegen traumatisierten und lernschwachen Kindern lesen und schreiben bei. Er unterrichtet sie in Sprachen und zeigt ihnen, wie man lernt. „Das ist hochspannend für mich“, sagt er. „Offensichtlich macht Schule den Kindern auch mehr Spaß, wenn ein Weißer vorne steht.“

Georg Becker will etwas bewegen und bringt sich ein. „Vieles, was ich versucht habe, war auch für die Katz“, erzählt er. Das Projekt „Mülltrennung“ zum Beispiel, ging völlig daneben. „Die Menschen haben andere Probleme, als Plastik von Papier zu trennen.“ Sein ehrgeiziges Unterrichtsprojekt den Kindern das Schwimmen beizubringen gehört dagegen mittlerweile zum festen Bestandteil an der Schule. „Regelmäßig ertrinken Menschen im Ozean, weil sie nicht schwimmen können“, weiß Georg Becker. In einem ausrangierten Hotel-Pool zeigt er seinen Schützlingen wie man sich im Wasser sicher bewegt und gewöhnt sie an das kühle Nass, bevor es ins Meer geht. „Bei einer Wassertemperatur von 26 Grad frieren sie alle“, lacht der Norddeutsche.

Nach den fünf Monaten verbringt das Ehepaar jede Herbst- und Sommerferien in Tiwi und Georg Becker übernimmt die ersten bis achten Klassen der Privatschule. Im Jahr 2012 erkrankt der Lehrer schwer und wird frühpensioniert. Der lebenslustige Flensburger engagiert sich nun noch mehr für sein Ehrenamt. Seither mieten sich Monika und Georg Becker regelmäßig für sechs Monate im Jahr ein einfaches Häuschen in Tiwi und unterstützen verschiedene Asante-Projekte.

Nach Einbruch der Dunkelheit geht das Ehepaar nicht mehr auf die Straße. „Das ist viel zu gefährlich.“ Dennoch fühlen sich Monika und Georg Becker wohl. „Auch wenn wir schon oft enttäuscht wurden, mögen wir die Menschen dort sehr“. Mit einem zufriedenen Lächeln fügt sie hinzu: „Außerdem scheint hier jeden Tag die Sonne, und die Arbeit hier macht uns unglaublich zufrieden.“

Arbeit daheim

Wenn Georg Becker zurück in Flensburg ist, rührt er kräftig die Werbetrommel für den Asante e.V.. Unter anderem hält er Vorträge an Schulen und stellt das Hilfsprojekt vor. Vor fünf Jahren war die Flensburgerin Anke Balzar unter den Zuhörern und sie fing schnell Feuer. „Ich wollte immer schon ein Patenkind haben. Aber ich war mir unsicher, welcher Organisation man wirklich vertrauen kann, man hört so viel Schlechtes“, sagt die heute 77-Jährige. Sie übernimmt die Patenschaft für die mittlerweile neunjährige Amina. „Ihr Vater ist an Aids gestorben und die Mutter ist unauffindbar“, erzählt Anke Balzar. Amina lebt bei ihrer Großmutter, die selbst noch sechs eigene Kinder und zwei weitere Enkelkinder ernährt. Seit einiger Zeit haben auch Tochter Britta und Sohn Stefan eigene Patenkinder.

Jedes Jahr bekommt Balzar Fotos von Amina und wird regelmäßig darüber informiert, wie sich das Mädchen entwickelt. „Jetzt schreibt sie auch selbst.“ Letztes Jahr meldet sich Anke Balzar zu einer Gruppenreise an und fliegt mit weiteren 13 Asante-Paten aus ganz Deutschland nach Afrika. „Es war sehr heiß. Irgendwie war alles eigenartig und aufregend“, erzählt sie. Balzar besucht die Kristina Academy-Schule und hilft bei der Lebensmittel-Ausgabe mit.

Beim ersten Treffen mit Amina gehen sie Eisessen. Die 77-Jährige hat Geschenke für ihr Patenkind mitgebracht – Regenmantel und Sommerkleidchen. „Die Augen wurden riesengroß, das hatte sie bisher ja nie erlebt. Sie war unglaublich dankbar.“ Balzar sieht, wie schon die Kleinsten zum Betteln geschickt und junge Mädchen zur Prostitution gezwungen werden. „Das macht etwas mit der eigenen Psyche. Das verändert das Denken und mich haben die Eindrücke noch lange beschäftigt“, sagt sie und fügt mit leiser Stimme hinzu: „Dabei kann man mit wenig Geld schon so viel bewirken.“

Einfach Essen

Ein Projekt von Asante e.V. ist die Schulspeisung und Frühstücksausgabe für hungernde Kinder aus Kindergärten und Schulen. Diese bekommen übrigens auch die, die keinen Paten haben. Täglich wird „Uji“ ein Hirse-Mais-Trinkbrei ausgeben. „Da werden riesige Portionen auf einmal gegessen“, erinnert sich Anke Balzar. Für die meisten Kinder die einzige Mahlzeit am Tag.

An den beiden Schulen (Grundschule und Gymnasium/Berufsschule) der Kristina Academy bekommen Mädchen und Jungs zudem täglich ein Mittagessen – auch in den Ferien. Damit ebenso Kinder an staatlichen Grundschulen nicht hungern müssen, bietet der Verein seit Anfang 2016 rund 2300 Kindern an sechs Schulen den Frühstücksbrei an. Waisen und Halbwaisenkinder werden an der vereinseigenen Privatschule „Kristina Academy“ unterrichtet. Zudem bekommen auch die Jüngsten schon ein Frühstück, Mittagessen und teilweise Betreuung. Ebenso wird den Angehörigen zwei Mal im Monat mit Lebensmitteln unter die Arme gegriffen.

Eine Patenschaft für ein Waisenkind kostet zwischen 290 und 360 Euro im Jahr. Damit werden die Schulbildung und die medizinische Betreuung finanziert. Mit einer Spende über 70 Euro wird eine Familie zwei Mal im Monat mit Grundnahrungsmitteln versorgt. Doch auch für Kinder mit sozial schwachen Eltern kann eine Patenschaft übernommen werden. Ebenso werden schwerkranke Kinder betreut. Wer die Grundschuljahre hinter sich hat, der bekommt die Möglichkeit das vierjährige Gymnasium von Asante zu besuchen. Absolventen, die den Übertritt nicht schaffen, können eine zweijährige Ausbildung an einer Berufsfachschule machen. Hier lernen sie beispielsweise das Installateur-Handwerk oder werden zur Schneiderin ausgebildet.

Engel für Afrika

Unter anderem werden Asante-Hilfsmaßnahme auch durch den Verkauf der „Engel für Afrika“ finanziert. An die 70 Frauen häkeln täglich kleine Engel aus buntem Garn. Pro Stück bekommen die Häklerinnen umgerechnet 1,40 Euro. „Ein Lehrer bekommt zwei Euro am Tag“, bringt Georg den Vergleich. Jede Frau bestimmt selbst, wie viel Engel sie häkelt. „Manche machen sechs Stück an einem Tag, manche nur einen“, ergänzt der deutsche Helfer. Für viele Familien ist das der einzige Lohn.

In Deutschland rühren Anke Balzar und Georg Becker die Werbetrommel für Asante e.V.. Auf Bazaren verkaufen sie „Engel für Afrika“, als Hilfe zur Selbsthilfe.
In Deutschland rühren Anke Balzar und Georg Becker die Werbetrommel für Asante e.V. Auf Bazaren verkaufen sie „Engel für Afrika“, als Hilfe zur Selbsthilfe. Foto: Marcus Dewanger
 

Die Handarbeiten werden in Deutschland auf Bazaren verkauft und über die Vereins-Homepage vertrieben. Das notwendige Garn bringen Helfer mit und nehmen im Gegenzug fertige Engel mit zurück. „Ich hatte sechs Kilo Wolle in meinem Koffer“, erzählt Anke Balzar. Nächstes Jahr wollen die Balzars wieder nach Kenia fliegen. Bis dahin unterstützen sie mit Geldspenden und werben neue Paten für die Hilfsorganisation.

Asante heißt in der Landessprache Suaheli übrigens „Danke“.
 

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