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Schwangerschaft : Fehlgeburt: Wenn es nicht bleibt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Verlieren Eltern in den ersten Schwangerschaftswochen ihr Kind, sind sie oft verunsichert. Dabei sind Fehlgeburten nicht ungewöhnlich.

Die besten Freundinnen wussten Bescheid, eine Namensliste war angelegt, die Freude riesig. Doch in der neunten Woche bekam die werdende Mutter plötzlich starke Blutungen – und war keine werdende Mutter mehr. Die Fehlgeburt riss sie in Trauer und Ängste: Warum wir? Habe ich etwas falsch gemacht? Wird es mir wieder passieren?

Fehlgeburten bestürzen und verunsichern. Dabei sind sie überhaupt nicht ungewöhnlich. „Aborte gehören zur Schwangerschaft dazu“, sagt Doris Scharrel, Vorsitzende der Frauenärzte in Schleswig-Holstein. Bis zur zwölften Woche komme es in zehn bis 15 Prozent der Schwangerschaften zu Fehlgeburten – wobei die Wahrscheinlichkeit von Woche zu Woche abnimmt. Häufig bekommen Frauen nicht einmal etwas davon mit: Das Ei wird zwar befruchtet, aber nicht in der Gebärmutter eingenistet; die Frau bekommt ihre Periode ein paar Tage später, das war's. „Bei einer Blutkontrolle in der zweiten Zyklushälfte wäre der hCG-Wert, der eine Schwangerschaft nachweist, leicht erhöht. Aber weil zu dieser Zeit üblicherweise keine hCG-Untersuchungen gemacht werden, bleibt das Geschehen unbemerkt“, erklärt Doris Scharrel.

Meistens sind frühe Schäden in der Zellteilung am Abort schuld: Hat der Embryo einen drei- oder vierfachen Chromosomensatz, greifen Mechanismen, die das nicht lebensfähige Kleinstwesen absterben lassen. „Das ist von der Natur so eingerichtet“, erläutert Doris Scharrel. Auch Gelbkörperschwäche spielt öfters eine Rolle: Um die Schwangerschaft in der Gebärmutter zu halten, werden die Gelbkörperhormone der Mutter gebraucht. Produziert sie, etwa aufgrund einer Schilddrüsenunterfunktion, zu wenig davon, kann sich das Ei nicht einnisten oder die Schwangerschaft sich nicht optimal entwickeln.

Meistens aber hat die Frau keinen Einfluss auf die ungewollte Beendigung der Schwangerschaft – auch wenn sie das anders sieht. „Viele glauben, sie sind Schuld“, erklärt Doris Scharrel. Da wird dann mit dem Glas Wein, dem Motorradausflug oder Stress bei der Arbeit gehadert, die das Unglück vermeintlich ausgelöst haben könnten. Zwar gibt es beeinflussbare Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit für eine Fehlgeburt erhöhen, wie Unter- und Übergewicht, Rauchen oder Alkohol. In der Regel aber ist eine solche schlicht und einfach Pech.

Trotzdem fürchten viele Frauen, die eine Fehlgeburt erlebt haben, es könne ihnen bei der nächsten Schwangerschaft wieder passieren. Dabei ist auch diese Sorge meist unbegründet. „Erst wenn eine Frau zwei Aborte hatte, schaut man genauer nach der Ursache“, sagt Doris Scharrel. „Das Problem ist: Jeder Arzt spricht die Schwangere darauf an, dass es bis zum dritten Monat ein nicht geringes Risiko für einen Abort gibt. Aber keine will das hören. Einige beschweren sich sogar, dass man ihnen die Schwangerschaft vermiesen will.“ Erlebt die Frau dann tatsächlich eine Fehlgeburt und spricht darüber, hört sie aus ihrem Umfeld von vielen ähnlichen Erfahrungen. „Das ist meistens der Effekt“, sagt die Gynäkologin. Ansonsten werde wenig über das Thema geredet. „Viele Eltern wollen dies intime Geschehen für sich. Deshalb warten sie auch bis zur zwölften Woche ab, bevor sie die Schwangerschaft verkünden.“

Paradox: „Ich beobachte, dass Frauen, die eine Totgeburt am Termin haben, häufig besser mit ihrer Trauer umgehen als jemand, der sein Kind im ersten Trimester verliert“, berichtet Scharrel. Im ersten Fall hat das Kind einen Namen, wird noch einmal im Arm gehalten und verabschiedet. „Die Trauer bekommt einen Raum. Deshalb rate ich auch den Schwangeren früher spontaner Aborte, wenn möglich, sich die Fruchthülle und den Winzling noch einmal anzuschauen. Oft sagen sie dann, es habe ausgesehen wie eine kleine Blase oder Bohne. In jedem Fall hilft es ihnen beim Abschiednehmen.“

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erstellt am 16.Jul.2017 | 11:14 Uhr

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