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Kommentar : Die Scheinheiligkeit der Tofu-Missionare

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Wohlhabende Nahrungsneurotiker spannen Medien und Obrigkeit zur Selbstinszenierung vor ihren Karren – die Masse der Verbraucher ist ihnen egal, meint Jan-Philipp Hein.

shz.de von
erstellt am 16.Jul.2017 | 18:19 Uhr

Berlin | Neulich haben sie beim „Spiegel“ einen schönen Bock produziert, der sehr viel über ein Problem des deutschen Journalismus aussagt. In der Titelgeschichte „Der Ernährungskult – Essen oder nicht Essen?“ beschäftigt sich das Nachrichtenmagazin mit einem Thema, das zunehmend zum Schlachtfeld von Neurotikern wird. Orthorexia Nervosa heißt die krankhafte Beschäftigung mit dem Akt des Essens, der auch im Jahr 2017 immer noch eine recht körpernahe Tätigkeit ist.

Ob krankhaft oder nicht: Natürlich fragen Konsumenten sich, ob das, was sie zu sich nehmen, von guter Qualität ist, ob es nahrhaft ist und ihre Leistung steigert, ob es bekömmlich ist und zu ihrem Wohlbefinden beiträgt. „Denn kaum etwas ist den Deutschen so heilig wie ihr Essen – oder besser gesagt: wie das, was sie nicht essen“, heißt es in dem Titelstück, das sich mit Glutenverweigerern und Laktoseintoleranten beschäftigt, mit der religiösen Dimension des Essens ebenso wie mit seiner Funktion als soziales Abgrenzungsmerkmal. So wie es Trash-TV gibt, das den Unterschichten vorbehalten ist, gibt es auch Trash-Food, dessen Konsum den Esser als Angehörigen eines niederen Standes ausweist – wenn er sich dabei erwischen lässt.

An einer Stelle des Stücks ist vom „Megatrend Veganismus“ die Rede. Und genau zwei Sätze oder 25 Wörter später heißt es: „Wie viele Menschen sich in Deutschland vegan ernähren, ist nicht bekannt. Glaubt man dem Vegetarierbund, sind es bereits bis zu eine Million Menschen – Tendenz natürlich steigend.“ Die lieben Kollegen konstatieren also einen „Megatrend“, von dem sie einen Atemzug später sagen müssen, dass sie seine Dimensionen leider nicht kennen. Anders gesagt: Weil in der Redaktion die Ernährungsgewohnheiten der Bezirksinsassen von Hamburg-Eimsbüttel und Berlin-Mitte angesagt sind, geht „Der Spiegel“ von einem „Megatrend“ aus.

Wir haben in den vergangenen Jahren viel über das Phänomen der Filterblasen und Echokammern gelernt, darüber, dass Internetnutzer in den Sozialen Medien durch die berühmten Algorithmen fast nur noch mit ihnen genehmen Kommentaren und Meinungen konfrontiert werden und sie mangels fundierter Kontrastandpunkte, die der Algorithmus zielsicher an ihnen vorbeischleust, dem Irrtum aufsitzen, dass nur ihre Meinung richtig, gut und wahrhaftig sein kann. Kein ganz neues Phänomen. Die robustesten und stabilsten Filterblasen und Echokammern sind Redaktionen und der Medienbetrieb. Das zeigt der Esstitel des „Spiegel“.

Was die im Text zitierte Zahl angeht, muss man sie betrachten wie die Teilnehmerzahlen von Demonstrationsveranstaltern, die meist doppelt so hoch angegeben werden wie von der neutralen Polizei. Doch selbst wenn, wie der Vegetarierbund behauptet, eine Millionen Deutsche Veganer wären und nicht nur auf Fisch und Fleisch, sondern auch auf tierische Produkte verzichten, hätten wir es gewiss nicht mit einem „Megatrend“ zu tun, sondern mit einer Splittergruppe von sage und schreibe 1,2 Prozent. Man kann die Sache drehen und wenden wie man will – ein „Megatrend“ ist der Veganismus beim besten Willen nicht; höchstens in den Redaktionen der überregionalen Leitmedien, deren Mitarbeiter sich zumeist aus den hippen und schicken und nicht ganz billigen Quartieren der Metropolen rekrutieren. Wir sprechen von einem Milieu, bei dem Essen in der Tat zu einem Mittel der Distinktion avanciert ist. Wer mit einem Mc-Donalds-Produkt erwischt wird, könnte sich auch gleich auf Facebook beim Besuch eines Pornokinos zeigen. Zum Verständnis der Dynamiken, von denen Redaktionen bisweilen ergriffen werden, trägt auch diese Weisheit bei, die unter altgedienten Kollegen gerne mal kursiert: „Einer ist ein Hype, zwei sind ein Trend und drei eine Bewegung.“

In den Großstädten hat sich eine Fresselite etabliert, deren erstklassiger Zugang zu den Meinungsmachern die Debatte ums Essen grob verzerrt – mit bisweilen bösen Folgen. Landwirte beklagen vermehrt, dass sie stigmatisiert und ausgegrenzt würden. Kinder von Bauern müssen sich in Schulen als „Tiermörder“ beschimpfen lassen, im Zuge der hysterischen Debatte ums Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat gerieten Landwirte gar in den Ruch, sich systematisch an der Gesundheit der Deutschen zu versündigen und Krebserkrankungen aus niederen Gründen – der Profitgier natürlich – mehr oder weniger billigend in Kauf zu nehmen.

Wie schön kann da das Leben in der Stadt sein, wo das Essen aus der Steckdose kommt und Pflanzenschutz oder Flächenfraß durch Biogas keine praktische Rolle spielen. Hier wird sicheres Essen konsumiert und Empörung über Nahrungsmittelhersteller produziert – dabei haken sich Nichtregierungsorganisationen wie Foodwatch oder Campact mit den Leitmedien unter, die ihre gentechnikfreien und kleinteiligen Biolandbauutopien als ernsthafte Alternative zur Ernährung einer stetig wachsenden Weltbevölkerung anpreisen. Bauernverbände haben bis heute keine Mittel gefunden, sich gegen diese perfekt eingespielte Empörungsmaschinerie zu wehren.

Eine satte Mehrheit der Deutschen kauft natürlich weiterhin konventionell produzierte Nahrung. Das Biosiegel, die Laktosefreiheit oder der Glutenverzicht sind sakrale Handlungen einer postmodernen, exzellent verdienenden und großstädtischen Glaubensgemeinschaft, deren Wille zur Bekehrung das eigentliche Problem ist. Den meisten Normalverdienern und erst recht den meisten eher schlecht verdienenden Haushalten gehen die Inszenierungen des Hipstermilieus am Hintern vorbei. Und auch die erleuchteten Nahrungsneurotiker unter den Metropolenbewohnern interessieren sich kaum für die Masse der Verbraucher. Ihr Missionseifer zielt auf die Eliten in Politik und Medien. Wenn schon nicht die Verbraucher den nötigen Druck auf Landwirte aufbauen, den Unkrautvernichter Glyphosat aus dem Verkehr zu ziehen – der nach Ansicht einer erdrückenden Mehrheit von Wissenschaftlern eben NICHT krebserregend ist – muss die Obrigkeit ran. Gezielt und unerbittlich werden Agrarpolitiker und Verbraucherschutzexperten der Fraktionen und natürlich Journalisten in den Leitmedien von Lobbyisten beackert, die sich jedoch als Aktivisten der Zivilgesellschaft verstehen. Merke: Wer die Interessen der Lebensmittelindustrie vertritt, ist ein finsterer Lobbyist, wer sich derselben Methoden bedient, um ein Verbot von Pflanzenschutzmitteln zu erreichen, ist ein Kämpfer für Demokratie und Fortschritt. So einfach funktionieren postchristliche Glaubensgewissheiten.

Dabei käme es in dieser Auseinandersetzung auf uns in den Redaktionen an. Man kann nur hoffen, dass die großen Magazine und TV-Stationen nicht völlig vergessen, dass die Mehrheit der Deutschen nicht im urbanen Milieu der Trendsetter lebt, sondern in einer völlig anderen Welt, in der Essen nicht nicht die Funktion hat, die Selbstinszenierung des Essers zu ermöglichen, sondern ihn möglichst wohlschmeckend und preiswert mit Energie zu versorgen.

Vielleicht hören wir Stadtbewohner mal hin, was die zumeist auf dem Land lebenden Produzenten von Getreide uns über ihre Arbeit und ihre Nöte zu erzählen haben. Das wäre mal ein erster Schritt raus aus Echokammer und Filterblase.

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