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Psychische Krankheit : Die Hölle im Kopf: Das Leben mit Zwangsgedanken

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zwangsgedanken sind eine psychische Erkrankung, die viele Betroffene sogar vor ihren Angehörigen verbergen – weil die Scham einfach zu groß ist.

shz.de von
erstellt am 14.Mai.2017 | 17:51 Uhr

Jörn H. steht im Wohnzimmer, zusammen mit seiner Frau. Vor dem Vitrinenschrank, den er gerade aufgebaut hat. Auf dem Fußboden liegt noch das Werkzeug, und ganz plötzlich kommt dieser Gedanke. Springt Jörn H. an und lässt ihn nicht mehr los. „Ich könnte ihr den Hammer auf den Kopf hauen. Ich könnte sie damit erschlagen.“ Sie, das ist die Frau, die er seit elf Jahren liebt und mit der er zwei Kinder hat. Wer er selbst eigentlich ist – das wusste Jörn H. ab diesem Moment nicht mehr.

Denn die Gedanken kommen wieder seit dem Abend im Mai 2016. Mächtig und mehrmals am Tag. „Schlimme, böse Gedanken“, die Jörn H. niemals mit sich in Verbindung gebracht hätte und gegen die er sich nicht wehren kann.

Mit seiner Familie lebt der 39-Jährige in einem Dorf bei Elmshorn, er arbeitet als Industriekaufmann in der Automobilindustrie. Ein schlanker Mann mit kurzem, dunklem Haar und sportlicher Kleidung. Er spricht klar und kontrolliert, beschreibt sich selbst als einen fürsorglichen, liebevollen Ehemann und Vater, dem seine Frau und die beiden Söhne, sechs und acht Jahre alt, über alles gehen. Nie habe er einem anderen Menschen, überhaupt einem Lebewesen gegenüber Gewalt angewendet. „Wenn mich eine Fliege im Haus stört, fange ich sie in einem Glas und setze sie nach draußen“, erzählt er. „Als diese Gedanken kamen, habe ich mich selbst, meinen Charakter komplett in Frage gestellt. Ich bin ein Psycho, dachte ich.“

Wie ihm geht es weit mehr Menschen, als man vermutet. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung – in Deutschland sind das rund 1,5 Millionen – leiden im Lauf ihres Lebens unter Zwangsstörungen, die Mediziner zur Kategorie der Angsterkrankungen zählen. Frauen und Männer leiden etwa gleich häufig darunter. In den meisten Fällen gehen die Gedanken mit bestimmten festen Regeln und Handlungen einher: Der Betroffene darf nicht auf die Fugen im Straßenpflaster treten oder muss immer wieder kontrollieren, ob er die Wohnungstür auch wirklich abgeschlossen, den Wasserhahn tatsächlich zugedreht hat. So lange, bis eine „Sättigung“ erreicht ist, erklärt Dr. Bernhard Osen, Chefarzt der Schön Klinik Bad Bramstedt, die auf die Behandlung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen spezialisiert ist. Die Rituale nehmen – zumindest für den Moment – den Druck, lösen die Spannung und die Angst davor, dass andernfalls etwas Schreckliches passieren könnte. „Die Betroffenen wissen, dass ihr Denken und Tun absurd und unsinnig ist, und können es trotzdem nicht lassen.“

Bei Menschen wie Jörn H. äußert sich der Zwang ausschließlich in Gedanken, die sich auf impulsive Handlungen beziehen. „Sie stellen sich – unwillentlich und automatisch – zum Beispiel vor, dass sie jemanden vor die U-Bahn stoßen oder in der Öffentlichkeit obszöne Dinge sagen könnten.“ Die aggressiven, sexuellen oder gotteslästerlichen Vorstellungen drängen sich auf und setzen sich fest, ohne dass der Betroffene etwas dagegen tun kann. Mit einem kleinen Tick, einem harmlosen „Spleen“ haben diese Zwänge nichts zu tun. „Wir sprechen von einer Zwangserkrankung, wenn jemand eine Stunde täglich oder mehr für den Zwang aufbringen muss, wenn sein normales Leben also beeinträchtigt ist und er darunter leidet“, sagt Osen.

Jörn H. leidet. Unter der Hölle in seinem Kopf, in dem sich neben den Gedanken gegenüber seiner Frau noch andere Horrorfilme abspielen. Als seine beiden Söhne einen Nachmittag mit ihrem Onkel beim Angeln verbringen, packt ihn die Angst: Sein kleiner Sohn, zu dem H. ein besonders inniges, zärtliches Verhältnis hat, könnte ertrinken, fürchtet er. „‚Mein Sohn stirbt, ich sehe ihn nicht wieder, er stirbt‘, dachte ich immer wieder.“ Die Furcht treibt H. aus dem Haus. Er will die Kinder holen, „den Kleinen in den Arm nehmen und drücken“, als die Gedanken plötzlich eine andere Richtung einschlagen. „Ich habe mir vorgestellt, ihn ins Wasser zu schubsen.“ Zehn bis 15 Minuten dauern diese immer wiederkehrenden Filme, in denen er sein Kind in den Fluss stürzen sieht, es retten will – und auf einmal selbst zum Täter wird.

„Blutig“ oder „von Lust geprägt“ seien diese Gedanken nie gewesen, erklärt H. „Es ging immer darum, dass ich meine Frau und meine Sohn verletzen könnte, niemals werde.“ Auslöser kann der Anblick eines Messer-Sets im Supermarkt sein oder eine Autofahrt mit der Familie, bei der ihn plötzlich der Gedanke durchzuckt: „Ich könnte jetzt das Steuer rumreißen und gegen einen Baum fahren, dann wären wir alle tot.“ Das Grauen im Konjunktiv. „Es ist unvorstellbar, solche Gedanken zu haben gegenüber den Menschen, die man abgöttisch liebt. Die Situation fühlte sich aussichtslos an.“

Sein Verstand versucht, ihn auf den Boden zurückzuholen: „Das bin ich nicht, ich bin kein schlechter Mensch, ich liebe sie doch, ich könnte niemals jemandem etwas antun.“ Entsetzt und unendlich traurig sei er gewesen – und in großer Angst, dass er die schlimmen Gedanken eines Tages doch in die Tat umsetzen könnte.

„Die meisten Leute, denen solche Gedanken durch den Kopf ziehen, wissen, dass es sich nur um Gedanken handelt, und messen ihnen keine besondere Bedeutung bei“, erklärt Osen. Anders bei Menschen mit Zwangsgedanken: Bei ihnen komme es zu einer Fusion von Vorstellung und Handlung: „Sie befürchten: ‚Vielleicht tue ich es doch!‘“

Ängste, die unbegründet sind. Denn mit der Lebensrealität der Betroffenen, die meistens „besonders friedliebende Menschen“ seien, wie Osen betont, haben die Gedankenzwänge nichts zu tun. „Es ist noch kein Fall bekannt geworden, in dem ein Zwangserkrankter seine beängstigenden Gedanken in die Tat umgesetzt hat“, sagt auch Antonia Peters, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen (DGZ).

Genau das zu verstehen und zu akzeptieren, ist für die Patienten aber ein langer Weg – und gleichzeitig der erste Schritt auf dem Weg der Behandlung. „In der Therapie vermitteln wir den Patienten zuerst, dass ein Gedanke ohne Absicht keine Handlung bewirkt“, erklärt Mediziner Osen. „Nicht der Gedanke an sich ist das Problem, sondern die Angst, ihn in die Tat umzusetzen.“

Mit Hilfe einer speziellen Verhaltenstherapie lassen sich Zwangsstörungen heute gut behandeln. Eine wichtige Rolle spielen dabei sogenannte Expositionen: Die Patienten werden mit dem Auslöser ihres Zwangs konfrontiert, ohne aber ihre gewohnten Rituale ausführen zu dürfen. Wer unter einem Waschzwang leidet, muss Türklinken oder eine Klobrille anfassen und darf sich anschließend nicht die Hände waschen. „Dabei lernen die Patienten, die Anspannung auszuhalten und zu erkennen, dass nichts Schlimmes passiert, wenn sie ihren Zwang nicht ausleben.“

Bei Gedankenzwängen helfe ein „aktives Ignorieren“: nicht aus der Situation zu fliehen und den Gedanken zuzulassen, bis er von selbst verschwindet. „Wenn ich versuche, ihn zu stoppen und wegzudrücken, wird es nur noch schlimmer“, sagt Jörn H. Viele Patienten bekommen als Ergänzung Psychopharmaka, sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, wie sie auch bei Depressionen eingesetzt werden.

Eine vollständige Heilung ist – wie bei vielen anderen psychischen Krankheiten – jedoch selten. Oft lassen sie sich aber so stark reduzieren, dass sie den Alltag nicht mehr beeinträchtigen. Osen: „Etwa 60 Prozent der Patienten profitieren langfristig gut bis sehr gut von der Expositionstherapie und bleiben über Jahre symptomfrei.“ Insgesamt jedoch neigten Zwangsstörungen dazu, in belastenden Situationen – bei einem Jobwechsel, einer Trennung oder einem Todesfall – wieder aufzutauchen. Die Erfolgsaussichten sind umso besser, je früher die Behandlung beginnt. Die meisten Betroffenen brauchen trotzdem mehr als sechs Jahre, bis sie sich Hilfe suchen: weil sie sich schämen und Angst haben, für verrückt gehalten zu werden.

Doch warum kommt es überhaupt dazu, dass sich bestimmte Vorstellungen und Rituale bei manchen Menschen zur krankhaften Besessenheit entwickeln? Dazu tragen viele Faktoren bei, sagen Experten. „Zwangspatienten sind meist sehr fürsorgliche Menschen, die hohe moralische Anforderungen an sich selbst stellen“, sagt Thomas Hillebrand, Psychologe und Vorstandsmitglied der DGZ. „Viele spüren zudem eine grundsätzliche Unsicherheit in dieser Welt. Ihre Umwelt erscheint ihnen tendenziell gefährlich und bedrohlich.“

Bei 85 Prozent der Zwangserkrankten sind die Symptome vor dem 35. Lebensjahr voll ausgeprägt, viele haben sich schon in ihrer Kindheit zwanghaft verhalten. Weil die Zwänge in Familien gehäuft auftreten, gehen Fachleute von einer genetischen Veranlagung aus. Stresserlebnisse, auch in der Kindheit, Erfahrungen von Überbehütung, Kontrolle oder Versagen können die Krankheit begünstigen beziehungsweise ihr Auslöser sein. Oft dienen Zwangssymptome dazu, Furcht, Gefühle von Hilflosigkeit und Überforderung zu kompensieren. Osen berichtet von einem Patienten, der zutiefst unglücklich darüber war, dass seine Lebensgefährtin ihn verlassen hatte. Kurz darauf entwickelte der Mann – nach dem versehentlichen Tritt in eine Urinpfütze – eine extreme Angst davor, mit Ausscheidungen in Berührung zu kommen und sich damit „anzustecken“. Er mied öffentliche Toiletten, später jeden Kontakt zu anderen Menschen. „Die Zwangsstörung hat ihn abgelenkt vom Kummer über die Trennung“, erklärt der Psychiater. „Gleichzeitig hatte er wieder das Gefühl, Kontrolle über sein Leben auszuüben.“ Bis sich der Patient schließlich völlig isolierte und sein Haus nicht mehr verließ – der Zwang hatte die Kontrolle übernommen. „Oft handelt es sich um Menschen, die immer perfekt sein wollen und darum permanent unter einem inneren Druck stehen“, weiß Osen.

Dauernd unter Druck, bemüht, es Allen recht zu machen: So fühlte sich auch Jörn H.. Neben seinem Vollzeitjob arbeitete er jahrelang nebenbei für einen Sicherheitsdienst, sanierte in seiner Freizeit das Haus, das er mit seiner Frau bezogen hatte. Sonnabends kümmerte er sich um eine Bekannte, eine alleinstehende ältere Dame, während zu Hause Frau und Kinder auf ihn warteten. „Ich selbst habe eigentlich nicht mehr stattgefunden. Und ich hatte permanent ein schlechtes Gewissen.“ Panikattacken waren die Folge – ein Warnsignal,sagt H..

Mit therapeutischer Hilfe bekam er sie in den Griff. An seinem Lebensstil änderte er nichts. Er funktionierte weiter. Bis die Zwangsgedanken ihn in die Knie zwangen. Dass sie sich ausgerechnet gegen diejenigen richteten, die ihm die Liebsten sind, interpretiert er so: „Die Seele greift Dich dort an, wo Du am verwundbarsten bist.“

Heute, nach einem längeren Klinikaufenthalt und mit regelmäßiger ambulanter Psychotherapie, geht es ihm besser. Die schlimmen Gedanken kommen nur noch selten. „Mir geht es gut“, sagt der 39-Jährige. Geholfen habe ihm seine Frau, der er sich – anders als viele andere Betroffene – früh anvertraute und die ihm mit Verständnis und Unterstützung begegnet sei.

Wie sie denn überhaupt ruhig neben ihm schlafen könne, habe er sie einmal gefragt. „Weil ich weiß, dass Du sowas Schlimmes nie tun würdest“, war ihre Antwort.

Inzwischen weiß Jörn H. das auch. Und sollten die Gedanken nie ganz verschwinden, könnte er sich auch damit abfinden, sagt er heute. Er hat viel recherchiert, sich im Internet informiert, mit Therapeuten und anderen Betroffenen gesprochen. Das Wissen über seine Erkrankung sei für ihn der Schlüssel gewesen, mit ihr umgehen zu können. Zu erkennen, dass er mit seinem Leiden nicht allein ist. Vor allem aber, eines zu begreifen: „Das sind nur Gedanken. Sie können meinen Charakter nicht verändern. Sie haben nichts damit zu tun, wer ich bin.“

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